Alltag
Von Helmut Höge
Der englische Schäfer James Rebanks lebt auf einem Hof im Lake District, der seit 600 Jahren in Familienbesitz ist. Die Rebanks haben an der dortigen Allmende Nutzungsanteile für eine Anzahl von Schafen. Sie sind eine von 300 Bauernfamilien, die mit ihren Herden »die alte Lebensweise weiterführen«, inzwischen ökologisch. Gleichzeitig begutachtet Rebanks im Auftrag der UNESCO-Weltkulturerbestätten, kennt Landwirtschaften an vielen Orten der Welt. Der Bericht des heute 51jährigen erschien 2016 auf deutsch: »Mein Leben als Schäfer« (Penguin). Es folgten Bücher über seinen Hof, sein Dorf »und das Verschwinden einer alten Welt«.
Letzteres hat ihm so zugesetzt, dass er eine alte Norwegerin bat, eine Saison lang bei ihr wohnen zu dürfen, um von ihr zu lernen. Sie lebt auf einer kleinen Insel, wo sie die Nester von Eiderenten beschützt und nach dem Schlüpfen ihrer Küken die Daunen einsammelt, um sie zu verkaufen. In die »Insel am Rand der Welt« (Penguin, 2025) schreibt er: »Die Verzweiflung verfolgte mich, kam mir nach Hause hinterher. Ringsumher ging alles zuschanden.« Aber in der alten Anna »war etwas lebendig gewesen, das in mir erstorben war. Ich hatte es ihren Augen angesehen. Ihr Leben war eine einzige Rebellion gegen alles Moderne gewesen.«
Helen Rebanks, mit der James vier Kinder hat, hat inzwischen nachgelegt mit »Die Frau des Farmers« (Klett Cotta). Ein Buch voller Kochrezepte und Alltagsschilderungen: kochen, waschen, Windeln wechseln, einkaufen, Rechnungen bezahlen. Was sie anzieht, worüber sie sich mit ihrem Mann streitet. Solche Dinge. Hört sich klischeehaft an. Die Frau schmeißt den Haushalt, hilft in der Landwirtschaft mit, Hühner füttern, Eier einsammeln, den Schafen beim Ablammen helfen. Der Mann arbeitet fast den ganzen Tag draußen, besucht Schafauktionen, spricht im Radio über ökologische Landwirtschaft, reist durch die Welt, inspiziert Weltkulturerbestätten im Auftrag der UNESCO. Heim und Welt also.
Manchmal verzweifeln die zwei, weil ihnen alles über den Kopf wächst. Am Ende ihres Buches schreibt Helen Rebanks, an ihre Kinder gewandt: »Eure Mutter zu sein, ist meine größte Leistung.« Und beklagt sich: »Das Individuum wird gefeiert, aber nicht die Familie oder Gemeinschaft.« Über sich merkt sie an: »Ich trage einen frisch gewaschenen Pullover und einen schicken Mantel, Jeans und Stiefel, und der Kinderwagen glänzt wie neu. Für alle anderen sieht es so aus, als hätte ich alles im Griff.«
Soziologen nennen es normatives Verhalten oder Handeln. Alles so zu tun, dass es den Normen und Erwartungen entspricht. Den eigenen, denen der anderen. Die Nachbarn sagen zu ihr: »Wie du das alles schaffst«, sie sagt sich: »Das schaffe ich!« Bricht mal Chaos aus, reißt sie sich zusammen. So geht das immer weiter.
Anlässlich einer Silvesterparty sagt eine Freundin: »Mach mal eine Pause. Nimm dir den Abend frei.« Helen Rebanks denkt: »Die Wahrheit ist, dass ich gar nicht mehr weiß, wie man einen Abend frei nimmt. Ich bin zu diesem Typ Mutter geworden, die die Bedürfnisse aller anderen über ihre eigenen stellt – von mir ist nicht viel übrig geblieben, um über irgend etwas ein Gespräch führen zu können.«
Helen Rebanks’ Memoir »Die Frau des Farmers« ist nicht zuletzt der ehrlichen Genauigkeit bis in kleinste Details wegen ein Buch, das ich so noch nicht gelesen habe. Ein Buch über die Macht der Normen, ein wichtiges Buch.
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