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Aus: Ausgabe vom 28.11.2025, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Ein ewiger Zustrom

Jürgen K. Hultenreich würdigt Jean Paul und das Frankenland
Von Jens Grandt
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Im Labyrinth der Literatur hilft nur Bayreuther Bier: Jean Paul

Zeitnah zum 200. Todestag Jean Pauls hat die Berliner Edition A. B. Fischer in der Reihe »Wegmarken« eine kleine Monographie mit dem Titel »Das Frankenland des Jean Paul« herausgebracht. Die Reihe widmet sich der Suche nach Spuren von Künstlern in Städten und Landschaften, wo es keine authentischen Erinnerungsstätten (Museen etc.) gibt. Sie ist sehr beliebt, wird zum Teil gesammelt.

Im Fall eines »der größten und am meisten vergessenen« Schriftsteller (Stefan George) gibt es mindestens zwei Erinnerungsorte: das Jean-Paul-Museum in Bayreuth oder das rekonstruierte Arbeitszimmer in der »Rollwenzelei«, einer Schankwirtschaft östlich der Stadt, wo er seine letzten Werke schrieb. Obwohl es Jean Paul unter anderem nach Leipzig, Weimar, Dresden zog, blieb Franken der Nährboden seines Schaffens.

Wie konnte der zu Beginn des 19. Jahrhunderts wohl beliebteste Schriftsteller in die hintere Reihe der literarischen Heroen geraten? Es ist die extrem phantasievolle, durchaus poetische, jedoch eigenwillig verschrobene Sprache, die es dem heutigen Leser schwermacht, seinen Gleichnissen zu folgen. Ein widerspenstiger Autor, aber genial! Die Absonderlichkeiten des Werkes erklären sich aus allerlei widersprüchlichen Lebensumständen. Der Schriftsteller Jürgen K. Hultenreich gibt einen Gesamtüberblick über Jean Pauls vielschichtiges Schaffen, episodisch gekonnt entlang der Wirkungsstätten gegliedert, unterhaltsam, gut historisch eingeordnet, zudem von Angelika Fischer fotografisch hervorragend illustriert.

In größter Armut aufgewachsen – der Vater, ein Lehrer und Pastor, hatte sich durch den Kauf der Pfarre verschuldet –, geriet der lernbegierige Knabe Johann Paul Friedrich Richter in das Labyrinth der Literatur, aus dem er nicht mehr herausfand. Er begann Sprachregister anzulegen, Exzerpte zu machen. Nach seinem Tod hinterließ er 110 Exzerptbände sowie eine Reihe von Zettelkästen, die mancherlei Figuren und Episoden seiner Phantasiewelt auf Abruf hielten. Die Unbeständigkeit der frühen Jahre hatte ihn zutiefst geprägt. Seine Allüren: In »nicht standesgemäßer« Kleidung herumzulaufen, sich reihum zu verloben und wieder zu entloben, über die Maßen »bitteres«, d. h. Bayreuther Bier zu trinken, große Liebe zu allerlei Tieren im Haus – das alles irritierte die Bürger. Auch seine Neigung, in jeder Gestalt einen Doppelgänger zu sehen, sorgte für Konfusion. Seit 1793 nannte er sich nach seinem Vorbild Jean-Jacques Rousseau nur noch Jean Paul. In der französischen Revolution sah er zugleich ihr Gegenteil, den Verfall der Sitten.

Er war davon besessen, sein Leben in einem Roman darzustellen. Mit 39 Jahren begann er, Notizen dafür zu sammeln. Dann hat er die Idee, seinen Lebenslauf den Apotheker Marggraf erleiden und erdulden zu lassen. Aber der stark autobiographische komische Roman mit dem Titel »Der Komet« blieb Fragment. Jean Paul hat sein Erlebtes, sein Innenleben kurios erdachten Figuren anvertraut. Sein Bedürfnis nach »totaler Selbstveröffentlichung«, wie es Wolfhart Henckmann in seiner Einleitung zu »Vorschule der Ästhetik« nennt, verwirklichte sich in fiktiven Werken, die allesamt auch biographisch gelesen werden können.

In diesem Kaleidoskop der Widersprüchlichkeiten führt Hultenreich den Leser von Werk zu Werk, vom »Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal« bis zu »Der Komet«. Allein die »Vorschule der Ästhetik« hätte etwas mehr gewürdigt werden können. »Seine Aphorismen suchen an Umfang und Mannigfaltigkeit in der Weltliteratur seinesgleichen«, schreibt Hultenreich. »Der Zustrom von Ideen war jederzeit größer als ihre Verarbeitung in seinem Werk.« Im November 1825 erlebte Bayreuth unter Glockengeläut den wohl größten Trauerzug seiner Geschichte.

Jürgen K. Hultenreich: Das Frankenland des Jean Paul. Mit Fotografien von Angelika Fischer. Edition A. B. Fischer, Berlin 2025, 64 Seiten, 18 Euro

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