Politisierte Jugend
Von Holger Czitrich-Stahl
Nach jahrelangen Abgesängen auf eine politisch angeblich weithin desinteressierte und passive junge Generation hat die letzte Bundestagswahl gezeigt, dass diese Erzählung wohl doch nicht ganz stimmig ist. Jedenfalls zeigt sich eine starke Tendenz zur Repolitisierung der jungen Generation: Zu verzeichnen war eine »Abwendung eines Großteils der jungen Wähler:innen von den Regierungsparteien und besonders starkes Abschneiden der Partei Die Linke in der Altersgruppe von 18 bis 24 Jahren, wo sie mit einem Anteil von 27 Prozent klar die stärkste Partei wurde. Zugleich nahm die AfD in dieser Altersgruppe mit 19 Prozent ebenfalls, wenn auch unterdurchschnittlich, zu, und dies insbesondere bei jungen Männern, wo sie einen größeren Rückhalt als jede andere Partei fand. Es zeigte sich also eine deutliche Polarisierung.« Das stellt die Redaktion der Zeitschrift Marxistische Erneuerung im Editorial des neuen Hefts 144 fest.
Und sie fragt: »Welche Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten bieten sich hier Jugendlichen außer einer apathischen Anpassung an den politischen und gesellschaftlichen ›Normalzustand‹ und die Devise, dass jede und jeder sich selbst am nächsten steht?« Dahinter steht selbstverständlich die Frage, ob es dem herrschenden Block gelingen kann, sich zu stabilisieren, indem die junge Generation in die Entpolitisierung und Lethargie gedrängt wird, oder ob es der gesellschaftlichen linken und demokratischen Opposition gelingen kann, im Bündnis mit einer Mehrheit der Jugend politisch voranzukommen. Sieben Beiträge, darunter ein Interview und eine Collage, setzen sich mit dem Thema auseinander. So stellt Frederik Schwieger fest, dass »junge Menschen heute in einer Zeit auf(wachsen), die so krisenhaft ist, wie das wohl keine Generation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erleben musste. Jugendliche, die ihre Adoleszenz im aktuellen Jahrzehnt durchleben, werden nach Jahrzehnten des ›Weiter so‹ nun in einer Zeit des Wandels und des Übergangs politisch sozialisiert. Doch dies nicht im progressiven Sinne: Sie erleben einen politischen und gesellschaftlichen Umbruch vom progressiven zum autoritären Kapitalismus, dessen Folgen weltweit erkennbar und noch kaum endgültig abzusehen sind.«
Bürgerliche Jugendstudien mit den fast schon routiniert gleichförmigen Antworten jedenfalls werden nicht dazu beitragen, mit Hilfe ausgefeilter Methoden und Angebote der Demokratiebildung die frustrierte Jugend wieder »ins Boot des Normalzustandes« zu holen, stellt er fest. Sein Fazit: Gerade in einer Zeit der multiplen Krise des Kapitalismus »sind kritische Bildungsangebote (…) von besonderer Bedeutung. Dafür braucht es starke linke Jugendverbände, kluge politische Bildner*innen und eine gewisse Unabhängigkeit von staatlicher Förderung und Einflussnahme.«
Bürgerliche Jugendforschung nimmt auch Michael Klundt kritisch in den Blick. Wie erleben Jugendorganisationen die gegenwärtige Jugend in ihren Arbeitsbereichen? Hierzu gibt es eine Collage mit Aussagen von gewerkschaftlichen Jugendorganisationen, der SDAJ und des SDS unter dem Titel »Zwischen Verunsicherung und Aufbruch«. Marcel Hartwig beschäftigt sich mit dem Komplex »jung und rechts«. Über die Politisierung von Jugendlichen in sozialen Medien spricht Fabian Lehr mit Kim Lucht. Sophia Autenrieth und Jonas Schwabedissen schreiben über »Ausbildung im Kapitalismus«. Luca Groß analysiert die Auseinandersetzung an den Hochschulen und stellt fest: Die Zeit ist reif für linke Antworten. Im Schwerpunkt »Multipolare Weltordnung« erfolgt neben aktuellen Beiträgen ein Wiederabdruck eines lehrreichen Textes von Wolfgang Abendroth mit dem Titel »Die weltpolitische Bedeutung der Bandung-Konferenz« aus dem Jahr 1956.
Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 144, 224 Seiten, Einzelheft 10 Euro, Kontakt: redaktion@zme-net.de, Internet: zeitschrift-marxistische-erneuerung.de
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