Konzerne üben Flucht nach vorn
Von Luca von Ludwig
So einiges konnte der interessierte Beobachter in jüngerer Zeit über das Verhältnis der deutschen Industrie zum Ausland lernen – von der völligen Abhängigkeit von Absatzmärkten auf der ganzen Welt, die durch die protektionistische Zollpolitik der USA offengelegt wurde, oder jene von globalen Lieferketten, die durch den Handelsstreit zwischen dem Westen und der Volksrepublik China immer deutlicher ins Bewusstsein rückt. Die Unternehmensberatung Deloitte veröffentlichte am Donnerstag ihren jährlichen Lieferkettenbericht »Supply Chain Pulse Check«, aus dem hervorgeht, dass sich deutsche Unternehmen mehr und mehr Sorgen um ihre Abhängigkeitsstrukturen machen. Fast 70 Prozent der Befragten planen demnach, die Produktion in der nächsten Zeit in andere Länder zu verlegen.
Für die Befragung zog Deloitte im September und Oktober dieses Jahres 148 Lieferkettenverantwortliche von großen, mittleren und kleinen Unternehmen heran. Die Daten zeigen eine praktisch allgegenwärtige Beunruhigung in Anbetracht möglicher kritischer Nachschubunterbrechungen. 92 Prozent der Befragten gaben an, im laufenden Jahr die Ausgaben zur Absicherung ihrer Lieferketten erhöht zu haben, 90 Prozent planen zwecks Steigerung ihrer Resilienz Umstellungen im operativen Geschäft.
Am eindrücklichsten wohl: Ganze 68 Prozent wollen laut der Erhebung ihre Produktion binnen zwei oder drei Jahren ins Ausland verlegen. Dabei hätten 19 Prozent der befragten Unternehmen bereits gar keine Produktionsstellen mehr in der BRD. Zwei Jahre zuvor seien es noch etwa elf Prozent gewesen, wie die Beraterfirma in der Pressemitteilung zur Vorstellung der Studie angab.
Zu den ausgelagerten Geschäftstätigkeiten gehört nicht nur die eigentliche Produktion, die ja schon seit geraumer Zeit zunehmend in Länder mit niedrigeren Lohnniveaus verlegt wird. Auch Aufgaben wie Forschung, Entwicklung und selbst das Marketing werden immer öfter anderswo erledigt – Tendenz steigend. Zumeist geht es dabei um Auslagerung in andere europäische Länder. Doch auch die USA, Asien und China (das in der Erhebung getrennt gelistet wird) stehen als Ziele des Outsourcing hoch im Kurs. Allerdings sind auch die neuen Standorte nicht vor Krisen gefeit; Verlegungen von Standorten nach China oder in die USA wurden in neun respektive sieben Prozent der Fälle unter den Studienteilnehmern rückgängig gemacht.
Als zentral für die wachsenden Lieferkettenbedenken macht Deloitte vor allem die globale Zollsituation aus. Diese wird zuvorderst durch den Protektionismus der USA angetrieben. Zieht man die Erkenntnis hinzu, dass mehr als ein Viertel der Befragten – bei denen es sich mehrheitlich um Vertreter der Automobil-, Maschinenbau-, Energie- und Chemiebranchen handelt – eine Verlegung von Geschäftsteilen in die Vereinigten Staaten erwägt, dann darf man wohl konstatieren, dass der Plan von US-Präsident Donald Trump zur Reindustrialisierung seines Landes deutlich mehr Früchte trägt, als die hiesige bürgerliche Presse bereit ist, einzugestehen. Dort herrscht nach wie vor das Bild eines tölpeligen Oligarchen, der die Wirtschaft der USA planlos torpediert, indem er wichtige Handelspartner vergrault. Doch gerade westliche »Partner« knicken vor dem drohenden Wegfall des als sicher geglaubten Absatzmarktes ein und lassen sich auf Handelsdeals zu ihrem Nachteil ein. Dass die Industrie durch strategisches Outsourcing versucht, ihre Schäfchen selbst bei der erratischen Weltmacht jenseits des Atlantiks ins Trockene zu bringen, ist daher wenig überraschend.
Zugleich versuchen immer mehr deutsche Unternehmen, doch noch vom lange verschlafenen Aufstieg Chinas zur ökonomischen Weltmacht zu profitieren: Volkswagen zum Beispiel gab in dieser Woche bekannt, durch ein neu errichtetes Entwicklungszentrum nun vollständig außerhalb der BRD produzieren zu können. Und auch die Produktentwicklung findet mehr und mehr für den chinesischen Markt statt, wie bei dem Chip für autonomes Fahren, den der Konzern erstmals komplett in China entwickeln lassen will.
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