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Aus: Ausgabe vom 28.11.2025, Seite 3 / Inland
Rigide Abschiebemaschinerie

Warum ist Ihre Frau im Irak besonders gefährdet?

Alle rechtlichen Wege gegen die Abschiebung eines jesidischen Paares sind vollständig beschritten worden, erklärt Zedan Mirza
Interview: Dîlan Karacadag
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Jesidische Frauen erinnern mit Fotos an ihre getöteten oder verschwundenen Angehörigen bei einer Zeremonie im irakischen Flüchtlingscamp Chamisko (1.8.2025)

Sie sind gemeinsam mit Ihrer Ehefrau aus dem Irak in die BRD geflohen. Ihr Duldungsstatus läuft demnächst aus. Was befürchten Sie bei einer Rückkehr in das Land?

Als Jesiden gehören wir einer religiösen Minderheit an, die im Irak systematisch verfolgt wurde – zuletzt durch den sogenannten Islamischen Staat, IS. Die Strukturen, die diesen Völkermord ermöglichten, bestehen weiter. Wir fürchten Gewalt, Diskriminierung und Verfolgung durch Milizen, lokale Sicherheitskräfte oder feindlich gesinnte Nachbarn. Für meine Frau ist die Gefahr besonders groß – denn viele Täter, die jesidische Frauen versklavt und misshandelt haben, wurden nie zur Rechenschaft gezogen. In unsere Heimatregion können wir nicht zurück: Dort herrschen Unsicherheit, rivalisierende bewaffnete Gruppen und nicht funktionierende staatliche Strukturen. Eine Rückkehr hieße für uns, erneut schutzlos zu sein – ausgeliefert einer lebensbedrohlichen Realität.

Gibt es konkrete Gruppen oder Personen, von denen Sie sich bedroht fühlen?

Vorallem lokale Milizen und Sicherheitskräfte, denen ich nicht vertraue – viele waren direkt oder indirekt an Übergriffen beteiligt. Islamistische Gruppen betrachten Jesiden weiterhin als »Ungläubige«. Aber auch in der Gesellschaft erleben wir offene Feindseligkeit. Unser Glaube wird nicht respektiert, Konversionen zum Islam werden nahegelegt. Auch staatliche Behörden bieten keinen Schutz – im Gegenteil, eine Anzeige könnte unsere Lage verschlimmern.

Haben Sie noch Familie oder ein soziales Netz im Irak, das Sie unterstützen könnte?

Viele meiner Angehörigen wurden vertrieben oder getötet. Die wenigen, die noch dort sind, leben unter schwierigen Bedingungen und könnten uns nicht helfen. Sie haben kein gesichertes Einkommen, keine sichere Unterkunft und keine Möglichkeit, uns Schutz oder eine Lebensgrundlage zu bieten. Emotionale Unterstützung wäre vielleicht denkbar, aber angesichts der Lage nur sehr eingeschränkt möglich. Meine engste Familie lebt in Deutschland – warum darf ich nicht bei ihnen bleiben? Vertrauen zu früheren Nachbarn oder Freunden existiert nicht mehr.

Wie sieht Ihre aktuelle Lebenssituation in der BRD aus?

Ich besuche eine Sprachschule, wollte arbeiten, aber meine Arbeitserlaubnis wurde entzogen. Auch meine Frau darf nicht arbeiten. Wir möchten uns integrieren, ein sicheres Leben führen und etwas zur Gesellschaft beitragen.

Was können Sie über Ihre gesundheitliche Situation sagen?

Meine Frau und ich leiden unter schweren psychischen Belastungen. Wir haben Diagnosen und Berichte vorgelegt, die unsere Traumatisierung belegen. Schlafstörungen, Panik, Flashbacks gehören zum Alltag.

Wäre eine Behandlung im Irak möglich?

Im Irak gibt es keine adäquate Versorgung für Traumatisierte, Medikamente sind knapp, psychologische Hilfe fehlt. Eine Rückkehr würde unsere Gesundheit dramatisch gefährden.

Welche Schritte haben Sie unternommen, um Schutz zu erhalten?

Ich habe alle rechtlichen Wege genutzt: Asylantrag gestellt, Anhörungen besucht, mit Anwalt, Beratungsstellen und Organisationen wie »Háwar.help« zusammengearbeitet. Ich bemühe mich aktiv und transparent, meinen Schutzbedarf darzulegen.

Gibt es Beweise für Ihre Gefährdung?

Ja, ich habe ärztliche und psychologische Gutachten sowie Stellungnahmen von Menschenrechtsorganisationen eingereicht. Nicht alles lässt sich belegen – aus Angst konnte ich oft nicht zur Polizei gehen. Aber die vorhandenen Dokumente zeigen klar unsere Gefährdung. Reicht es nicht, einen Völkermord überlebt zu haben?

Wie können Menschen hierzulande Sie und Ihre Frau unterstützen?

Durch rechtliche Hilfe, Unterstützung beim Umgang mit Behörden, Hilfe beim Strukturieren meiner Unterlagen und psychosoziale Begleitung. Ich bin dankbar für jede Form von Solidarität – mein größter Wunsch ist, in Sicherheit leben zu dürfen. Eine Abschiebung würde unser Leben gefährden.

Zedan Mirza ist jesidischer Geflüchteter, der gemeinsam mit seiner Frau Sese Haji Rasho juristisch gegen eine Abschiebung in den Irak vorgeht. Das Ehepaar hat bereits zwei Abschiebebescheide erhalten, ihre Duldung läuft in Kürze ab

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