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Aus: Ausgabe vom 25.11.2025, Seite 11 / Feuilleton
Stand der Dinge

Entgiftungsversuche

Geraune
Von Stefan Heidenreich
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»Wenn die Nacht vorbei ist, wenn Frieden ausbricht, kommt die Rechnung auf den Tisch«

Weder die auf Linie gebrachte US-amerikanische noch die allzu servile chinesische KI kommt bei dem Versuch, den Spruch »drinking the Kool-Aid« einzudeutschen, auf einen grünen Zweig. »Etwas blind glauben« sagt wohl, wie es wirkt, verschweigt aber die Drogen, mit der die Brause versetzt ist. Vielleicht liegt’s daran, dass die Deutschen das Leadership-Prinzip so verinnerlicht haben, dass man ihnen dafür keine Extras verabreichen muss.

Letzte Woche jedenfalls kam Trump einmal wieder aus der Ausnüchterungszelle zurück. Wie jedes Mal, wenn er über den Stand der Dinge an der Front (September ’18) aufgeklärt wurde, versucht er, seine kriegsbesoffenen Freunde aus Europa auf den Pfad der Vernunft zu bringen. Um zu retten, was noch zu retten ist.

Und wie jedes Mal ereignen sich daraufhin schreckliche Dinge. Die deutsche Lieblingsaktie fällt um mehr als zehn Prozent. Von 1815 zurück ins frühe 16. Jahrhundert. Dabei hatte man doch auf Kurse jenseits von 1941 spekuliert. Die Presse jault, Bankrotterklärung, Kapitulation.

In Genf setzt man sich nun mit dem abtrünnigen Bruder an den Tisch. Und führt Verhandlungen. Nicht mit den Russen! Sondern untereinander, unter Saufkumpeln. Und dann geht der Krieg weiter.

Aus der ganz individuellen Sicht kann man es schon verstehen. Wenn die Nacht vorbei ist, wenn Frieden ausbricht, kommt die Rechnung auf den Tisch. Und dann müssen alle in die Ausnüchterungszelle. Lieber noch eine Runde bestellen. Zumal sie ja nicht selbst zahlen, weder mit ihrem Geld noch mit ihrem Leben. Wie sagt ein amerikanischer Freund: »I like the path we’re on. With American weapons and money, Ukraine will fight Russia to the last Ukrainian.« Besser hätten sich das Briten nicht ausdenken können. Dumm nur, dass man sich beim Balance-of-Power-Spiel dieses Mal verkalkuliert hat. Mit China wird die Schwungmasse schlicht zu groß, um bei einem neuen Gleichgewicht zu landen. Die alte Herzlandtheorie sah einfach nicht vor, dass jemand anders als die weiße Herrenrasse nicht nur mehr, sondern auch die besseren Maschinen baut.

Es soll ja Leute geben, die behaupten, unsere Politik würde nicht vorausschauend handeln. Werch ein Illtum! Wenn wir den Ukrainern nur lange genug helfen, könnte es tatsächlich gelingen, die kostbaren Schwarzerdeböden derart zu entvölkern, dass sie wieder zum »Wilden Feld« werden. Uexküll, der Begründer der Ökologie und spätere Verehrer einer bekannten Ideologie des letzten Jahrhunderts, hätte bei der Gelegenheit von »Lebensraum« gesprochen. Etwas für Tüchtige. Doch leider hapert’s mit der Tüchtigkeit unserer Jugend. Zwar ist es mittlerweile gelungen – so höre ich von Freunden, die für Umfragebuden quer durchs Land bimmeln – , die allermeisten davon zu überzeugen, dass das ewig Böse in Putler reinkarniert und der Russe der neue Erbfeind ist. Trotzdem fehlt es noch immer am Willen, sich freiwillig zum Fronteinsatz zu melden. Ganze Stäbe von PR-Beratern werden damit beauftragt sein, der Ostfront ihren miserablen Ruf zu nehmen, und allerlei bunte Grafiken für ihre allwöchentlichen Zoom-Meetings erstellen.

Braucht es dafür ein »Ereignis«? Oder genügt der Entzug von Einkommensquellen? Mittlerweile kommt der Morgenthau-Plan 2.0 gut voran. Das wird genügend Leute auf die Straße spülen. »Zunder für den nächsten Krieg«, wie es der gern gesehene Youtube-Gast Alex Krainer formuliert. Schließlich braucht es nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage. Pull-Faktor, Push-Faktor.

Die olivgrüne Ökomilitaristin Brantner will zu diesem Zweck ein Freiwilligenregister anlegen. Geschlechtergerecht (m, w, d) und generationsübergreifend dürfen dann alle eintragen, mit welchen Fähigkeiten sie im Spannungsfall dienen können. Mobilmachung 2.0. Man muss ja nicht gleich die »Busifikation« einführen. Meine chinesische KI ziert sich bei der Übersetzung des Wortes ein wenig, obwohl es in der Ukraine zum »Wort des Jahres 2024« gewählt wurde.

Der Rest in Kürze: Im Krieg gegen Venezuela lernt man von Israel und schaltet auf Dauerterror unterhalb der Aufmerksamkeitsgrenze um.

In der deutschen Provinz kommen die Abrissarbeiten an der Brandmauer so langsam voran wie alle anderen Baustellen. Um in der Westzone regierungstüchtig zu werden, muss sich die Lieblingspartei von Elon Musk und dessen glühendem Anhänger Ulf »Shitbürger« Poschardt erst ent-russifizieren. Keine Posten für Putin-Versteher.

Die KI-Blase pfeift aus den ersten Löchern. Schon haben die Kurse des Zuspätkommers mit der höchsten Schuldenlast, Oracle, 40 Prozent verloren.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (25. November 2025 um 10:35 Uhr)
    Hervorragend!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christa K. (24. November 2025 um 20:08 Uhr)
    Chapeau! Eine großartige Satire !

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