Strategische Niederlage
Von Nikolas Sisic
Im Juli 1975 beschloss die Sozialistische Partei (Partido Socialista, PS), der breiten Koalition, die Portugal seit der ersten provisorischen Regierung im Jahr 1974 regiert hatte, ein Ende zu setzen. Damit führte der PS den Zusammenbruch des Multiparteienkonsenses herbei, der bis dahin die Aufrechterhaltung des portugiesischen Staatsapparats gewährleistet hatte. Nach einer Reihe von erfundenen Skandalen, die den Kommunisten (Partido Comunista Português, PCP) untergeschoben und von der nationalen und europäischen bürgerlichen Presse aufgebauscht wurden, endete die vierte Regierung unter dem linken Offizier Vasco Gonçalves Anfang August.
Gleichzeitig wurde aus den Reihen der Bewegung der Streitkräfte (Movimento das Forças Armadas, MFA) eine Offensive gegen Gonçalves und dessen Verbündete in den Streitkräften, die »Militärlinke«, gestartet. Angeführt wurde sie von dem »marxistischen« MFA-Offizier Melo Antunes, im Zusammenwirken mit mehreren Mitgliedern des Revolutionsrates, die den von Gonçalves favorisierten, an die KP angelehnten »sozialistischen Weg« ablehnten.¹ Die Offensive hatte auch die stillschweigende Billigung von Francisco da Costa Gomes, dem damaligen portugiesischen Präsidenten. Die Auseinandersetzung wurde vorwiegend in den Versammlungen der MFA-Delegierten ausgetragen, wo die Verschwörer versuchten, mehrere Anträge zu verabschieden, anfangs mit wenig Erfolg.
Das »Manifest der neun«
Schließlich wurde am 7. August das »Manifest der neun« (Documento dos Nove) veröffentlicht, herausgegeben von einer Gruppe prominenter MFA-Persönlichkeiten um Melo Antunes, möglicherweise in Zusammenarbeit mit dem US-Botschafter Frank Carlucci. Es war ein gelungener Destabilisierungsversuch innerhalb des MFA, der darauf abzielte, die sich verschärfenden Widersprüche und Konflikte um die wachsende Arbeitermacht, die wirtschaftliche Situation und die Radikalisierung von Soldaten und Offizieren innerhalb der Bewegung der Streitkräfte zuzuspitzen.
Das pathetisch zu Sozialismus, Freiheit und Demokratie aufrufende Manifest zielte vor allem auf die mittleren Ränge der Offiziersklasse, die überwiegend aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammten. Über das in den Monaten zuvor aufgebaute Netz »gemäßigter« Kommandanten fand es weite Verbreitung in der Armee. Veröffentlicht am Vortag der Machtübernahme der fünften Provisorischen Regierung, vermittelte das Manifest eine unmissverständliche Botschaft sowohl nach innen als auch nach außen: die Einheit der MFA war zerbrochen, die Tage der »Militärlinken« gezählt, eine Rückkehr zur »Vernunft« unvermeidlich. Die Konterrevolution hatte fortan ein Programm, formuliert in der Sprache des Sozialismus.
Mit der »Gruppe der neun« verfügte der PS über direkte Unterstützung einer militärischen Fraktion, was ihn dank des hohen Ansehens des MFA in der Bevölkerung in eine sehr vorteilhafte Position brachte, von der aus er die neue provisorische Regierung, den MFA selbst und seinen politischen Erzfeind, die Kommunisten, rücksichtslos angreifen konnte. Tag für Tag füllten seine Kundgebungen die Alleen von Lissabon und Porto. Der PS hatte es geschafft, über sein ursprüngliches Milieu aus Einzelhändlern, Beamten und liberalen Akademikern hinaus zu einer Massenpartei zu werden. Nun sprach der PS auch für Teile der Bourgeoisie, denen sie mangels Alternativen als letzte Hoffnung auf die Wiederherstellung bürgerlicher Normalität galt. Mit dem Versprechen stabiler Löhne und leichter Kredite, sobald Brüssel und Washington ihre Märkte wieder für Portugal öffnen würden, beruhigte die Partei auch Arbeiter, die von Engpässen und der Aussicht auf einen umfassenden sozialen Umsturz erschreckt waren. Landbesetzungen und Verstaatlichungen, so ließ die Partei durchblicken, müssten nicht rückgängig gemacht werden, sondern nur vernünftiger verwaltet werden. »Sozialismus in Freiheit«, war der Slogan, unter dem der SP den Wiederaufbau kapitalistischer Eigentums- und Machtverhältnisse organisieren wollte. Sein Kandidat war der Exkommunist Mário Soares, eine Person, die in den westlichen Hauptstädten bekannt war. Fotogen, fließend Französisch und Englisch sprechend, konnte Soares seine Geschichte von Exil und Gefängnis auf Abruf erzählen und sich als Portugals Premier in spe in Szene setzen.
Ein weiterer Teil der Offensive gegen die Nelkenrevolution ging vom franquistischen Spanien aus, und vieles deutet darauf hin, dass die CIA auch hier die Fäden zog. Nach dem April 1974 hatten dort die alten Folterknechte der PIDE² und die Anhänger von General António Spínola Schutz gefunden. Als konterrevolutionäre Führung entmachtet, blieben sie mit ihrem Hang zu Putschismus und Abenteurertum ein nützliches Personal. Sie waren in zwei geheimen Terrorgruppen organisiert, dem ELP (Armee zur portugiesischen Befreiung) und MDLP (Demokratische Bewegung zur Befreiung Portugals) und in ein weitreichendes Netzwerk aus ehemaligen französischen OAS-Agenten, SS- und Gladio-Veteranen wie Otto Skorzeny, zurückgekehrten portugiesischen Kolonisten, Söldnern, westlichen Geheimdienstlern und den reichsten portugiesischen Geschäftsleuten eingebunden.
Antikommunistische Gewalt
Beide Gruppen erhielten zusammen mit der Gruppe »Plano Maria da Fonte«, dem bewaffneten Arm der nordportugiesischen katholischen Kirche, ab Mai 1975 freie Hand, die nördlichen Regionen des Landes zu verwüsten. Hunderte von Angriffen, Bombenanschlägen und Schlägereien bis hin zu Hinrichtungen wurden durchgeführt. Viele hielten einen Bürgerkrieg für wahrscheinlich. Die vorwiegend gegen die KP gerichtete Gewaltwelle diente daher nicht nur der Delegitimierung der provisorischen Regierungen und der Provokation kommunistischer Gegengewalt, sondern auch der Vorbereitung auf den Ernstfall: In Kooperation zwischen einer sich zunehmend radikalisierenden nördlichen Bevölkerung und paramilitärischen Kräften wurden Guerillataktiken erprobt. Belangt dafür wurde niemand – und alles mit dem Wissen und der aktiven Komplizenschaft hochrangiger Militärs, Sozialisten, Sozialdemokraten (Partido Social Democrata, PSD)³ und Kirchenführer.
Unterdessen war die Linke, im Laufe des Jahres durch Spaltungen geschwächt, nicht in der Lage, eine gemeinsame Strategie zu finden, um dieser neuen Bedrohung entgegenzutreten. Die Kommunistische Partei erhoffte sich, in Allianz mit bestimmten Teilen des Klein- und Mittelbürgertums eine »nationale demokratische Revolution« durchzuführen. Dieses Programm, obwohl es ein reales Projekt zur systematischen Umgestaltung der nationalen Wirtschaft durch Verstaatlichung, Agrarreform und eine zentralisierte Gewerkschaftsföderation umsetzen wollte, war für eine immer radikalere und ungeduldigere Basis offensichtlich nicht ausreichend.
Die Ultralinke, die aus zahllosen Gruppen und Grüppchen bestand, die sich in und um Lissabon und Porto konzentrierten, konnte grob in zwei unterschiedliche Lager unterteilt werden. Das erste umfasste die meisten derjenigen, die später mit dem PCP die kurzlebige Frente de Unidade Popular (FUP; Nationale Einheitsfront) bilden sollten. Sie hatten eine starke Präsenz in den Fabrik- und Nachbarschaftskomitees sowie in mehreren mächtigen Militäreinheiten in Lissabon, wie dem RALIS (Lissabonner Leichtes Artillerieregiment) und der Copcon (Operative Kommandozentrale des Kontinents)⁴. Das andere, hauptsächlich bei jungen Studenten beliebte Lager bestand aus »antirevisionistischen« marxistisch-leninistischen Gruppen, deren Exponent der berüchtigte MRPP (Movimento Reorganizativo do Partido do Proletariado; Bewegung zur Reorganisation der Partei des Proletariats) war. Für diese »Revoluzzer«, viele von ihnen Abkömmlinge der portugiesischen Bourgeoisie, war der PCP eine »sozialfaschistische« Organisation und ein Übel, das aus der Welt geschafft werden musste; eine Theorie, die sie in die Praxis umsetzten, indem sie sich dem antikommunistischen Bündnis aus »Gemäßigten« und faschistischen Rechten anschlossen, das das Land während des Sommers terrorisierte.
Was die »Gonçalvistas« betrifft, so handelte es sich meist um hochrangige Offiziere. Im Unterschied zum PCP, der die Voraussetzungen für einen radikalen sozioökonomischen Wandel nicht gegeben sah, gingen die »Gonçalvistas« zwar von der Möglichkeit eines friedlichen Übergangs zum Sozialismus aus, verfügten jedoch über keine Strategie, wie er zu erreichen wäre.
Wackelige Regierung
Trotz der heftigen Einwände von Copcon-Kommandeur Otelo Saraiva de Carvalho, einer zeitweiligen Leitfigur der Linken, der Berichten zufolge sogar mit Meuterei drohte, erlaubte Costa Gomes Gonçalves die Bildung einer neuen Regierung. Er schien kalkuliert zu haben, dass sich Gonçalves, wenn man ihm nur genügend Spielraum ließ, letztlich selbst diskreditieren würde, was dann auch geschah.
Die fünfte Übergangsregierung trat am 8. August 1975, einen Tag nach der Veröffentlichung des »Manifests der neun«, ihr Amt an und war die erste ohne Beteiligung von Sozialisten und Sozialdemokraten. Gonçalves entschied sich, einen entschlosseneren Kurs einzuschlagen, indem er radikalere Töne anschlug und erstmals Verbündete im ultralinken Spektrum suchte. Er wollte damit nicht nur seine Position gegenüber den »Gemäßigten« absichern, sondern zugleich Rückhalt für ein unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise eingefordertes Sparprogramm organisieren. Eine Zersplitterung der MFA wollte die KP jedoch nicht, und daher bestand sie darauf, dass Gonçalves sich der »Gruppe der neun« nähern sollte.
Anfangs genoss die Regierung großen Rückhalt, doch Gonçalves fehlte es an Entschlossenheit, einen revolutionären Kurs einzuschlagen. Zugleich gelang es ihm weder den Vorsitzenden der KP, Álvaro Cunhal, zu beschwichtigen noch die Befürchtungen der »Gemäßigten«, er könne weiter nach links abdriften, zu zerstreuen. So konnte er keine dauerhafte Stütze für seine Politik gewinnen.
Die »Neun« hatten keine Zweifel, was zu tun war. Unter dem Schutz von Präsident Costa Gomes und mehreren ranghohen Offizieren sowie mit Hilfe des Copcon-Kommandeurs Otelo Saraiva de Carvalho begannen sie, die Machtbasis der »Gonçalvistas« im MFA systematisch zu zerstören. Zuerst räumten sie mit Gewalt die 5. Abteilung des Generalstabs, das wichtigste Zentrum revolutionärer Agitation und Ausbildung im Militär. Die Einheit war als »kulturelles Dynamisierungsorgan« gegründet worden, um die Ideen des MFA zu verbreiten, und hatte im März 1975 entscheidend dazu beigetragen, António de Spínolas Putsch zu vereiteln (siehe jW-Thema vom 11.3.2025). Wenige Tage später war Vasco Gonçalves an der Reihe. Zunehmend isoliert, bot man ihm das Amt des Oberbefehlshabers an, wenn er dafür auf den Posten des Premierministers verzichtete, und lockte ihn somit in die Falle.
Die Versammlung von Tancos Anfang September markierte die endgültige Verschiebung der Machtverhältnisse zuungunsten der »militärischen Linken« innerhalb der MFA-Hierarchie. Es war eine sorgfältig orchestrierte Veranstaltung, bei der manipulierte Delegiertenlisten eine Mehrheit von »Gemäßigten« und die Ablehnung von Vasco Gonçalves als Generalstabschef sicherstellten. Es sollte die letzte Versammlung des MFA sein.
Als nächstes waren die Verbündeten von Gonçalves an der Reihe, die noch strategische Militärposten innehatten. Die meisten Mitglieder des Revolutionsrats wurden durch ideologisch akzeptablere Personen ersetzt. Dasselbe geschah mit dem Kommandeur der nördlichen Region, Eurico Corvacho, der als einziger Militärkommandant bis dahin versucht hatte, die Kontrolle über die paramilitärischen Einheiten und bewaffneten Bauernbanden zu behalten.
Zur selben Zeit folgte der PCP seinen politischen Überlebensinstinkten und signalisierte die Bereitschaft, als kleinerer Koalitionspartner von Sozialisten und Sozialdemokraten in eine Regierung der nationalen Einheit einzutreten. Um seine Verhandlungsposition zu festigen und Druck auf die »Gemäßigten« aufzubauen, initiierte er die Bildung einer Volksfront, der FUP, an der sich zahlreiche ultralinke Gruppen beteiligen. Dieses Bündnis zerfiel aber bereits nach drei Tagen.
Am 19. September lief das Mandat der fünften Regierung aus, und die militärische Linke wurde faktisch von der Macht verbannt. Noch am selben Tag wurde die neue Exekutive präsentiert: ein Ministerposten für die Kommunisten, neun für Sozialisten und Sozialdemokraten. Mehrere Mitglieder der »Gruppe der neun«, darunter Melo Antunes, kehrten ins Kabinett zurück. An der Spitze der Regierung stand fortan Admiral Pinheiro de Azevedo als Premierminister, angeblich linksgerichtet, aus Sicht der US-Botschaft aber »schwach und manipulierbar«.
Widerstand aus der Armee
Die Gruppe SUV (Soldados Unidos Vencerão; Vereinte Soldaten werden siegen) trat zwei Tage nach der Tancos-Charade erstmals öffentlich in Erscheinung. Sie setzte sich hauptsächlich aus einfachen Soldaten zusammen, wandte sich gegen Versuche, die militärische Hierarchie wiederherzustellen, sowie gegen die Absetzung linksgerichteter Armeemitglieder und war der erste ernstzunehmende, organisierte Versuch, den Kampf der einfachen Soldaten mit der Arbeiterklasse zu verbinden.
In der Armee galt Disziplin nun als freiwillig. Soldaten demonstrierten, und Befehle wurden verweigert. Von den SUV organisierte Demonstrationen mobilisierten Tausende. Die Proteste beschränkten sich nicht auf Lissabon. Am 17. September wurde die Region Alentejo von einem Generalstreik lahmgelegt, und am folgenden Tag demonstrierten Arbeiter, Bauern und Soldaten massenhaft zur Unterstützung der »Volksmacht«.
Auch im Oktober hielten die Proteste an, während gleichzeitig die ersten Gelder für die neue provisorische Regierung flossen: 85 Millionen US-Dollar vom US-Außenministerium und 187 Millionen von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). In Porto gipfelte am 6. Oktober eine von den SUV organisierte Demonstration in der Besetzung des Artillerieregiments RASP (Regimento de Artilharia da Serra do Pilar); die Einheit wurde unter Selbstverwaltung gestellt. Proteste von Arbeitern, Bauern und Soldaten fanden weiterhin täglich im Raum Lissabon und im Alentejo statt, zugleich griff der antikommunistische Aufstand im Norden des Landes um sich.
Als die Regierung der Interventionsgruppe (Agrupamento Militar de Intervenção, AMI) – einer wenige Wochen zuvor geschaffenen Eliteeinheit, die der zunehmend unzuverlässigen Copcon etwas entgegensetzen sollte – befahl, die selbstverwalteten Studios von Rádio Renascença zu schließen und deren Ausrüstung zu zerstören, besetzten Arbeiter den Sender unter dem Schutz der SUV und der Militärpolizei erneut und nahmen am nächsten Tag den Sendebetrieb auf. Die Situation spitzte sich zu. Im November begab sich US-Botschafter Carlucci auf eine Inspektionstour zu seinen »Truppen« in mehreren nordportugiesischen Städten, und US-Außenminister Henry Kissinger ordnete einen Notfallplan für den Fall eines Bürgerkriegs an.
Am 7. November entschieden sich die Regierung und der Revolutionsrat für eine dauerhafte Lösung des Rádio Renascença-Dilemmas. Sie erteilten einer Elitekompanie von AMI-Fallschirmjägern den Auftrag, mit Sprengstoff die Antennen des Senders zu zerstören. Die Soldaten handelten offenbar, ohne zu wissen, gegen wen sie vorgingen. Als sie erkannten, dass sie einen revolutionären Sender zerstört hatten, wurde eine Versammlung der Feldwebel einberufen, die mehrheitlich dafür stimmte, künftige Befehle zu ignorieren, wenn diese den Interessen der Arbeiterklasse zuwiderlaufen sollten. Zudem beschlossen sie, sich unter das Kommando von Copcon zu stellen und jeglichen Dialog mit ihrem Kommandeur, General Morais da Silva, einem ehemaligen »Gonçalvista«, zu verweigern.
Dieser erließ daraufhin eine Reihe provokativer Befehle: die Abberufung von 123 Offizieren der Einheit vom Luftwaffenstützpunkt Tancos, die Außerdienststellung der Einheit, die Versetzung der Fallschirmjäger in die Reserve, den Entzug ihres Soldes und die Abschaltung der Versorgungsleitungen ihrer Basis. Mit einem Federstrich war die Schlinge ausgelegt und die Bühne für die Ereignisse des 25. November bereitet.
Am 12. November umzingelten Tausende von Bauarbeitern den Palácio de São Bento, in dem die Verfassunggebende Versammlung tagte, und hielten Abgeordnete und Minister sechsunddreißig Stunden lang im Gebäude fest, nachdem sie von Premierminister Azevedo provoziert worden waren. Die Militärpolizei lehnte es ab, das Gelände zu räumen. Die Belagerung endete erst, nachdem der Premierminister einen sektorweiten Tarifvertrag unterzeichnet hatte, der eine sofortige Lohnerhöhung um 25 Prozent gewährte. Acht Tage später erklärte die sechste provisorische Regierung angesichts des Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung und »der Notwendigkeit garantierter militärischer Unterstützung« einen Streik.
Am 21. wurde Otelo Saraiva de Carvalho trotz seiner Annäherung an die »Neun« vom Kommando der Lissabonner Militäreinheit entbunden und durch Vasco Lourenço ersetzt. Dies rief, wie erwartet, eine unmittelbare Reaktion der radikalsten Militäreinheiten im Raum Lissabon hervor, darunter RALIS, Copcon und die Militärpolizei. Rufe nach revolutionären Aktionen wurden laut. Am selben Tag legten fast zweihundert RALIS-Rekruten statt auf die Verfassung einen Treueeid auf die Arbeiterklasse und die Bauernschaft ab. Der Generalstabschef des Heeres, Carlos Fabião, war dabei zugegen.
Plan der Obersten
Viele dieser »Manöver« gehörten zu einem von mehreren im konterrevolutionären Lager entworfenen Szenario. Der Plan, den die Medien später als »Plan der Obersten« bezeichneten, wurde spätestens im Sommer ausgearbeitet, von einer konspirativen Offizierszelle unter Anleitung von Oberst António dos Santos Ramalho Eanes, der im Juni 1976 zum ersten zivilen Präsidenten der Republik gewählt wurde.
Das Ziel bestand darin, die Linke zu einem übereilten, schlecht vorbereiteten Schritt zu verleiten, um sie rasch zu zerschlagen und eine breit angelegte Repressionskampagne in Gang zu setzen, die den revolutionären Strom brechen und den PCP sowie den MFA auf ein handhabbares Maß zurückstutzen würde. Genau dies geschah, wenn auch mit einigen Abweichungen.
Im Jahr 1974 waren die »Páras« von Tancos eine Eliteeinheit, politisch jedoch nicht festgelegt, was sie zu einem leichten Ziel machte. Spínola hatte versucht, sie in den Putschversuch der »schweigenden Mehrheit« im September 1974 hineinzuziehen, und auch im März 1975 auf sie zurückgegriffen, als er sie dazu brachte, ihre Kameraden beim RALIS in Lissabon zu umzingeln. Ihre Wut am 16. November rührte daher, dass sie erkannten, abermals benutzt worden zu sein; um so bitterer wirkt die Ironie, dass sie, nachdem sie sich endlich für eine Seite entschieden und sich Otelo zur Verfügung gestellt hatten, wenige Tage später, und zum letzten Mal, erneut als unwissentlich eingesetzte Figuren der Konterrevolution dienen sollten.
Einen Putsch hatten die Páras nicht im Sinn. Sie fühlten sich hintergangen und rückten deshalb am 25. November aus, um ihren Kommandeur zu entmachten, ihre Stellung wiederzugewinnen und dafür zu büßen, dass sie sich hatten täuschen lassen, oder, wie es in ihrem Kommuniqué hieß, »unsere Einsatzfähigkeit und revolutionäre Disziplin zu demonstrieren«.
Am Abend des 24. November blockierten Landwirte aus dem rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt gelegenen Rio Maior die wichtigsten Zufahrtsstraßen nach Lissabon. Es war seit Monaten bekannt, dass es Putschpläne von rechten und »gemäßigten« Gruppen gab, die als Auftakt die Teilung Portugals ab Rio Maior vorsahen, um Lissabon zu erwürgen. Einige Stunden danach begann RALIS als Reaktion darauf, strategische Positionen in der Militärregion Lissabon zu besetzen. Ungeachtet dessen, starteten die Páras in den frühen Morgenstunden des 25. November eine koordinierte Operation, um mehrere Luftwaffenstützpunkte und andere Militäreinrichtungen zu besetzen, unterstützt von einer Handvoll Soldaten aus anderen Einheiten.
Ausnahmezustand
Um 16.30 Uhr rief Präsident Gomes den Ausnahmezustand aus und Ramalho Eanes richtete einen operativen Befehlsposten in Amadora ein. Jaime Neves, »Spínolista« und der Kommandant des Kommandos-Battalions, übernahm die Leitung der Operationen im Feld, während Vasco Lourenço und Costa Gomes, die Nummern eins und zwei in der Befehlskette, in Belém blieben. Kurz nach 19 Uhr ergaben sich die Páras in den Luftwaffeneinrichtungen von Monsanto nach kurzer Belagerung durch Neves’ Truppen kampflos, wenig später kapitulierten die Luftwaffenstützpunkte Monte Real und OTA.
Im Verlauf des Tages leiteten Arbeiterkommissionen und Anwohnerkomitees Tausende Zivilisten zu radikalen Einheiten, vor allem zum Artillerieregiment RALIS und zu den Kasernen der Militärpolizei, wo die Menge auf die Herausgabe von Waffen drängte. Vergleichbare Menschenansammlungen bildeten sich um die Infanteristen im Forte de Almada, während Bautrupps im gesamten Stadtgebiet den Vormarsch der Kommando-Einheit stoppten. Das Lissabonner CDR (Comissões de Defesa da Revolução; Komitees zur Verteidigung der Revolution)⁵ und mehrere Zellen des PCP wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Gegen Abend versicherte Cunhal Präsident Costa Gomes, dass die Partei keine Absicht hatte, ihre Basis weiter zu mobilisieren. Die Waffen blieben in ihren Verstecken, und selbst die »Gonçalvisten« zogen ihre Einheiten zurück.
Die Kommandos nutzten dagegen die Gelegenheit, um mit einigen der prominentesten linken Einheiten abzurechnen, und stürmten am 27. November gegen acht Uhr morgens die Kaserne der Militärpolizei. Bei dem Einsatz wurden drei Menschen getötet. Das RALIS entging demselben Schicksal, indem es sich am nächsten Tag ergab. In der Zwischenzeit hatten die Páras Montijo aufgegeben und sich nach Tancos zurückgezogen, um dort eine letzte Stellung zu beziehen. Am 28. November kapitulierten auch sie.
Die Zerschlagung der Páras ebnete den Weg zur Wiederherstellung der militärischen Befehlskette. Unter dem Deckmantel von Ruhe und Ordnung machten sich die Konterrevolutionäre daran, das Offizierskorps von linksgerichteten Kadern zu säubern. Hunderte wurden verhaftet, unehrenhaft entlassen oder vor Militärgerichte gezerrt. Die »Säuberung« machte der gonçalvistischen Strömung den Garaus, doch der PCP blieb bestehen und erhielt einen Minderheitenplatz innerhalb der neuen demokratischen Ordnung.
Ironischerweise überstand die um Melo Antunes gruppierte Fraktion der »Neun« selbst den Übergang nicht, und sogar Präsident Costa Gomes wurde still und leise aus dem öffentlichen Leben gedrängt. Soares dagegen, den Kissinger noch 1974 als den »portugiesischen Kerenski« bezeichnet hatte, wurde 1976 zum Premier gewählt und half fortan, Portugals an den europäischen Imperialismus zu binden.
Die Bewegung der Streitkräfte hatte ihren historischen Auftrag erfüllt: Sie hatte den portugiesischen Staat aus den Trümmern seiner afrikanischen Kriege herausgelöst. Um dies zu erreichen, mobilisierte sie breite Volksmassen gegen die überlebten Strukturen der Diktatur. Einmal mobilisiert, brachten diese Kräfte ihre eigenen, unerfüllten Klassenforderungen vor und erschütterten jene Wirtschaftsordnung, die die Architekten des Putsches zu bewahren hofften. Von da an sah sich das MFA vor die Wahl gestellt: Es konnte als bewaffneter Arm einer revolutionären Arbeiterklasse dienen, oder es konnte seine Waffen gegen sie richten.
Anmerkungen
1 Der Revolutionsrat (Conselho da Revolução) war ein vom MFA gebildetes militärisches Regierungsorgan.
2 Polícia Internacional e de Defesa do Estado, Salazars Geheimpolizei
3 Der Partido Social Democrata war ungeachtet des Namens eine konservativ-liberale Partei.
4 Das Copcon war ein revolutionäres Militärkommando unter Otelo Saraiva de Carvalho.
5 Comissões de Defesa da Revolução waren lokale, vom PCP organisierte Strukturen auf Wohngebietsebene.
Nikolas Sisic schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24. Juni 2025 über den Erfolg der rechten Chega-Partei von André Ventura in Portugal: Der iberische Messias
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