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Schuld und Schulden

Von Helmut Höge
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Kürzlich erschien im Verlag Matthes & Seitz »Die Politik der Schuld – Eine Durchquerung« des Philosophen Luca Di Blasi. Er schreibt, die jüngste Kritik an der deutschen Erinnerungspolitik, sie habe autoritäre, identitäre Züge angenommen, habe ihn nicht überrascht. Der Autor meint, eine nach 1945 diskreditierte Volksgemeinschaft habe im Namen der Schuld als »Tätervolksgemeinschaft« überwintern können. Mit der »deutschen Schuld« seien nicht allein die Weichen für eine progressive, für kollektive Opfer von Diskriminierung und Verfolgung attraktive Identitätspolitik gestellt worden. Sie bot auch eine Alternative für ehemalige Komplizen und Mitwisser auf Täterseite – für die Bewahrung einer kollektiven Identität im Namen der anerkannten Schuld. Di Blasi nennt das »negative Identitätspolitik«.

In seinem Großroman »Die Enden der Parabel« (»Gravity’s Rainbow«, 1973) hat der US-amerikanische Autor Thomas Pynchon auch die deutsche Schuldpolitik thematisiert: »Es wird nicht mehr lange dauern, bis Kinder reicher Zahlväter aus aller Welt nach Heidelberg strömen, um sich im Hauptfach Schuld zu immatrikulieren. Es wird Bars und Nachtklubs geben, die sich der besonderen Bedürfnisse der Schuldenthusiasten annehmen. Die Vernichtungslager werden sich in Touristenattraktionen verwandeln, durch die man kamerabewehrte ausländische Besucher herdenweise treiben wird, angenehm erregt und zitternd vor lauter Schuldgefühlen.«

Wer Schulden gemacht hat, fühlt sich hierzulande oft schuldig, immerhin schuldet er ja einem Gläubiger etwas. In Holland scheint man ein anderes Verständnis von Schulden zu haben – dort dienen die Konkursgerichte dem »Opschoning« – also dem (Wieder-)Aufhübschen. Das deutsche Insolvenzgesetz folgte dem holländischen insoweit, als es nach der »Wende«, als sehr viele ostdeutsche Neugründer Konkurs angemeldet hatten, das Gesetz neu fasste – zum Vorteil der Schuldner und zum Nachteil der Gläubiger. Seitdem gilt: Wer sieben Jahre lang sämtliche Einkünfte bis auf das zum Leben Notwendige zurückzahlt, dem werden danach die Restschulden erlassen, selbst wenn es Millionen sind.

Eine »Politik der Schuld« wurde nicht zuletzt in Japan eher wenig entwickelt. In einem Interview mit der FAZ vom 8. August 2025 sprach der japanische Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro über seinen Roman »Damals in Nagasaki« (2021): »Es gab nach dem Krieg einen großen Widerstand, wirklich gründlich etwas aufzuarbeiten, und natürlich ermutigten auch die USA aus nachvollziehbaren Gründen die Japaner zum Vergessen.«

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