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Aus: Ausgabe vom 18.11.2025, Seite 12 / Thema
Zionismus

Geworden wie sie

Der Dichter Erich Fried gehörte seit den 1960er Jahren zu den schärfsten Kritikern der israelischen Kriegs- und Besatzungspolitik. Eine Erinnerung
Von Matthias Rude
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Erich Fried konnte sich Israel nur als Staat gleichberechtigter Bürgerinnen und Bürger, egal welcher Herkunft vorstellen. Den bürgerlich-nationalistischen Staat der Zionisten lehnte er entschieden ab (London, 1.5.1973)

Wien, Alserbachstraße 11, 24. Mai 1938, nachmittags. Der 17jährige Erich Fried betritt das Treppenhaus, das zur Wohnung seiner Eltern führt. Zwei Männer schleppen einen dritten die Treppen zum vierten Stock hinauf – einen »offenbar sterbenden, röchelnden Menschen«, wird Fried sich später erinnern: »Ich war kurzsichtig, der Treppenaufgang war ziemlich dunkel, und ich habe meinen Vater nie weißhaarig oder unrasiert gesehen. Ich habe ihn nicht erkannt.«

Hugo Fried ist bei einem »Verhör« durch die Gestapo die Magenwand eingetreten worden. Er stirbt noch am selben Abend im Krankenhaus. Einen Monat zuvor sind die Eltern verhaftet worden – wegen »Vorbereitung zur Devisenverschiebung ins Ausland«. Zusammen mit der Großmutter, die im KZ Theresienstadt den Tod finden wird, löst Erich Fried die Wohnung auf. Über Belgien flieht er nach England. Am 5. August kommt er in London an, wo er fortan leben wird.

Das existentielle Erlebnis, das Fried 1938 »aus einem österreichischen Oberschüler in einen verfolgten Juden verwandelte«, wie er sich in der Einleitung zu seinem Gedichtband »Höre, Israel!« (1974) ausdrückte, führte ihn zur Literatur. Er nahm sich vor, wenn er der Verfolgung durch die Nazis entkäme, »zu tun, was mein Vater in den letzten zwölf Jahren seines Lebens vergeblich tun wollte – Schriftsteller zu werden. Ich wollte gegen Faschismus, Rassismus, Unterdrückung und Austreibung unschuldiger Menschen schreiben.« 1983 präzisierte er diese Motivation: »Als mein Vater, meine Großmutter und die Mehrzahl meiner Verwandten ermordet wurden, nahm ich mir vor, zeitlebens gegen Verfolgung unschuldiger Menschen und jede Barbarei dieser Art anzukämpfen. Deshalb konnte ich auch nicht umhin, gegen die Zionisten und den Zionistenstaat Stellung zu nehmen, als ich sah, wie viele Verfolgte zu Verfolgern geworden sind«.

Von den Herren gelernt

Dass er die Erfahrung des Leids und der Vernichtung mit jenen teilte, die er ansprach und aufforderte: »Kehrt um!«, wird im titelgebenden Gedichtzyklus »Höre, Israel« gleich zu Beginn deutlich: »Nicht als Fremder und nicht als Feind / von Hass gegen euch entzündet / ich spreche als einer von euch / der auch Irrwege kennt // In den Gaskammern und in den Öfen / wo eure Familien vergingen / wurden auch meine Verwandten / vergast und verbrannt // Seither kämpfe ich gegen das / was dahin geführt hat / gegen die Mächte / die Hitler zur Macht verhalfen // Sie sind noch nicht verschwunden / von dieser Erde / und was tut ihr? / Ihr lasst euch von ihnen fördern«.

Für Fried war Unrecht stets Unrecht. Besonders schmerzte ihn, dass Palästinenser von Israelis unterdrückt wurden, deren Eltern teilweise selbst unter Hitler Verfolgung erlitten hatten. Dagegen musste er anschreiben – auch wenn ihm das nicht leichtfiel: »Zuerst versuchte ich, meine Gedanken darüber nur in einigermaßen verschlüsselten Gedichten darzustellen.« Doch der Sechstagekrieg 1967 habe ihn schließlich gezwungen, »auf Verschlüsselungen zu verzichten«. Sehr deutlich wurde er in Versen wie diesem: »Ihr habt eure Henker / beobachtet und von ihnen / den Blitzkrieg gelernt.«

Im zweiten Teil von »Höre, Israel!«, überschrieben mit »Gefundene Texte«, kommen prominente Zionisten zu Wort. Fried verwendete dafür Originaltexte, etwa aus Theodor Herzls programmatischem Werk »Der Judenstaat« (1896). Seine besondere Technik bestand darin, den Wortlaut unverändert zu lassen, ihn aber durch Zeilenumbrüche und kritische Überschriften so anzuordnen, dass die »Entfremdungen und Unmenschlichkeiten« der zionistischen Ideologie hervortraten. Texte in Verszeilen zu zerlegen, bewirke, »dass man beim Lesen genauer sieht, was da eigentlich steht«, erklärte Fried. So stellte etwa Herzl für den Fall, dass den Zionisten Palästina überlassen werde, in Aussicht: »Für Europa würden wir dort / ein Stück des Walles / gegen Asien bilden / wir würden den / Vorpostendienst / der Kultur / gegen die Barbarei besorgen«.

Der Begründer des politischen Zionismus war außerdem der Ansicht, dass man, wolle man »heute ein Land gründen« und dieses von »wilden Tieren« säubern, zu modernen Mitteln greifen müsse. Dann würde man »eine große fröhliche Jagd / veranstalten / die Bestien zusammentreiben / und eine Melinitbombe / unter sie werfen«.

Die Vorstellung einer »großen fröhlichen Jagd« in Palästina, bei der die zusammengetriebenen Opfer mit Bomben getötet werden, sei »in mehr als einer Hinsicht geradezu prophetisch«, bemerkte Fried. Den Zionisten warf er vor, sie hätten »nicht von den Völkern gelernt«, sondern »von ihren Herren«.

Neben Herzl zitierte Fried auch dessen Arzt Max Nordau, mit Worten, die zeigen, dass der Zionismus von Anfang an vom europäischen Nationalismus und Rassismus des 19. Jahrhunderts geprägt war. Nordau, Mitbegründer der Zionistischen Organisation, versicherte 1907, die Zionisten seien sich ihres »zweitausendjährigen Europäertums« so sicher, dass sie über die »Neckerei«, in Palästina würden sie »Asiaten werden«, nur lächeln könnten: Sie würden dort so wenig Asiaten »im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit« werden, wie »die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute« geworden seien. Vielmehr werde man in Vorderasien das tun, was die Engländer in Indien getan hätten: »Wir gedenken / nach Palästina / als Bringer von Gesittung zu kommen / und die / moralischen Grenzen Europas / bis an den Euphrat / hinauszurücken«.

Im Juli 1982 äußerte Fried bei einer Rede im Rahmen einer Protestkundgebung gegen die israelische Aggression im Libanon, in der Bundesrepublik habe das verständliche Gefühl einer Schuld, eines schlechten Gewissens gegenüber den vom Hitlerfaschismus verfolgten und vernichteten Juden eine verhängnisvolle Nebenwirkung: »Es macht nämlich vielen Deutschen die Augen blind, die Herzen stumpf und die Köpfe vernagelt gegenüber Verbrechen, die an Palästinensern, Libanesen und anderen Arabern begangen werden.«

Deutsche, die sich – aus »Wiedergutmachungsbestreben« – jede Kritik am Zionismus versagen, haben laut Fried »ihre eigenen Gedanken nur halb gedacht und sie nicht zu Ende gedacht«. Andernfalls wüssten sie nämlich, dass »in Wirklichkeit auch die Palästinenser Opfer des Hitlerfaschismus geworden sind und dass daher gerade die Bundesrepublik eine ganz besondere Verpflichtung gegenüber den Palästinensern hätte«. Die historischen Verstrickungen zwischen Faschismus und Zionismus sah er als Ausgangspunkt für die Unterdrückung der Palästinenser.

Deutlich machte er diese Kausalität auch im Januar 1983 in einem Vorwort für das Buch »Zionismus und palästinensische Araber« des palästinensischen Autors Awad Hegazi. Darin heißt es, dass ohne den Sieg des Faschismus auf deutschem Boden und seine Ausdehnung in Europa kaum je genug jüdische Menschen nach Palästina gekommen wären, um es dem Zionismus zu ermöglichen, »sein Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Vernichtungswerk auf die Spitze zu treiben«. Im Gedicht »Benennungen«, das dem Band »Höre, Israel!« vorangestellt ist, wird dieser Zusammenhang folgendermaßen ausgedrückt: »Die geschrien haben / ›Die Juden sind schuld‹ / sind schuld daran / dass die Zionisten schuld werden konnten // Die geschrien haben / ›Die Juden sind unser Unglück‹ / sind das Unglück der Juden / und der Palästinenser geworden«.

Laut Fried ermutigen Deutsche, die zu allem, was die »Mordbrennerarmee des Zionismus« tut, »Ja und Amen« sagen, eine Haltung, die »auf lange Sicht auch für die dort lebenden Juden nur das Unglück sein kann« – denn Angriffe gegen alle umliegenden Nachbarn sowie eine Politik des Unrechts und der immer wiederholten Aggression könne nur »zu immer neuen Kriegen und auf Dauer nur zum Untergang führen – moralisch, wirtschaftlich, politisch und ganz zuletzt auch militärisch«.

Reaktionäre Todesfalle

Während die Multiplikatoren der herrschenden Meinung nicht müde werden, ein »Existenzrecht Israels« zu propagieren – welches man wie den Holocaust »leugnen« könne –, betonte Fried etwas anderes: das Lebensrecht von Menschen. Den Begriff vom »Existenzrecht« ihres Staates popularisierten nationalistische Hardliner wie Menachem Begin. Fried hingegen machte deutlich: »Ich bin sehr für das Lebensrecht der dort lebenden Juden, ebenso wie ich für das Lebensrecht aller Palästinenser bin, frei und unbenachteiligt in Palästina zu leben.« Gleichzeitig machte er unmissverständlich klar: »Aber das Lebensrecht der Juden kann nicht von einem chauvinistischen, rassistischen, repressiven und aggressiven Zionistenstaat verwirklicht werden, der letzten Endes auch für die dort lebenden Juden nur eine reaktionäre Todesfalle ist.«

Fried stellte also nicht nur die seit dem sogenannten Wiedergutmachungsabkommen zwischen der Bundesrepublik und Israel im Jahr 1952 vielbeschworene besondere historische Verantwortung Deutschlands vom Kopf auf die Füße, sondern entlarvte auch die Rede von Israel als »Schutzraum« der Juden als gefährliche Illusion. Der zionistische Staat wird langfristig nicht zur sicheren Zufluchtsstätte, sondern zum gefährlichsten Ort für Juden überhaupt. Ein Staat, der auf Unterdrückung gründet und dadurch Widerstand hervorruft, kann auf Dauer keinen Schutz bieten, schon allein, weil er immer neue Bedrohungen schafft für diejenigen, die er vorgibt zu schützen. Für den Fall, dass Israel seine Politik nicht ändern sollte, prognostizierte Fried dem Land eine Zukunft »der ewig Verhassten«. Über zionistische Funktionäre nach 1945 schrieb er: »Und sie gaben sich aus als die Erben der sechs Millionen / und sie strichen die Bußgelder ein für ihre eigene Sache / Und mit den Palästinensern begannen sie so zu verfahren / wie die Antisemiten Europas mit den Juden verfahren waren«.

Und die Herren, die einst ihre Mörder gefördert hätten, hätten heute tiefes Verständnis für dieses Verhalten. Diesen restaurativen und revanchistischen Charakter der sogenannten Wiedergutmachungspolitik der Adenauer-Ära entlarvte Fried in einem für ihn typischen Sprachspiel: »Die Wiedergutmachung / kann eine gute Art sein / die Wiederschlechtmachung / wieder gut anzufangen«.

Nach Israels Sechstagekrieg 1967 konnte er in Frankfurt am Main selbst hören, wie Leute sich unterhielten: »Diese Juden, seht euch die nur an! Die haben wir unterschätzt. Das sind Wüstenfüchse! Die haben von Rommel gelernt! Die sind überhaupt zum Großteil ursprünglich aus Deutschland gekommen, natürlich: deutsche Muttersprache! Die sollen es diesen faulen, dreckigen arabischen Kameltreibern nur zeigen!« Auf derartige »Judenliebe«, die Juden zu verkappten Wehrmachtsangehörigen machen und nachträglich für wehrwürdig erklären wollte – quasi um für Deutschland auf der Sinaihalbinsel ersatzweise den Zweiten Weltkrieg doch noch zu gewinnen –, wollte Fried »doch ganz entschieden verzichten«. Ihre Fortsetzung findet eine solche Art der Bewunderung übrigens in der »Israel-Solidarität« der Neuen Rechten.

Die herrschende Klasse der Bundesrepublik wusch sich mit finanzieller »Wiedergutmachung« gegenüber Israel moralisch rein und sicherte sich damit noch dazu einen Exekutor eigener Interessen in der Region. Als Bundeskanzler Friedrich Merz Israel im Juni 2025 den »größten Respekt« für den Angriff auf den Iran zollte, betonte er auch, dass es sich dabei um einen »Dienst« für die westlichen Verbündeten gehandelt habe. »Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle«, so Merz am Rande des G7-Gipfels – eine Aussage, die Netanjahu später zustimmend zitierte. Fried stellte bereits in seinem Gedichtzyklus »Höre, Israel« fest: »Sie wollen das gleiche von euch / was sie von Hitler wollten: / Ihr sollt Vorposten sein / für ihre Ordnung der Welt«.

Den Vereinigten Staaten verkaufe sich – so Fried 1982 – das zionistische Israel als Vorposten gegen den Kommunismus, so wie Hitler das dem Westen erzählt habe. Wer dagegen nichts unternähme, habe »aus den Schrecken des Hitlerfaschismus nichts gelernt oder ganz genau das Falsche. Der macht sich mitschuldig.«

Mit Spott und Verachtung

In einem 2021 zusammen mit der Journalistin Susann Witt-Stahl veröffentlichten Buch über Fried analysiert der israelische Intellektuelle Moshe Zuckermann dessen Judentum als eines, das sein Selbstverständnis aus der Reaktion auf die geschichtliche Leiderfahrung der Juden bezieht. Der daraus resultierende Humanismus besage, dass jemand, der aus dieser Erfahrung Konsequenzen zieht, keiner Gesinnung anhängen dürfe, die Weltanschauung und Praxis der Verfolger und Täter historisch reproduziere – das Andenken der Opfer »werde besudelt, wenn man sich mit der Haltung der Täter identifiziert«. Kurz gefasst kommt das auch in Frieds Gedichtzyklus zum Sechstagekrieg zum Ausdruck: »Als ihr verfolgt wurdet / war ich einer von euch / Wie kann ich das bleiben / wenn ihr Verfolger seid? // Eure Sehnsucht war so zu werden / wie die Völker Europas / die euch mordeten / Nun seid ihr geworden wie sie«.

Wann immer er antisemitische Bemerkungen hörte, fühlte er sich als Jude und kämpfte gegen den Antisemitismus an, sagte Fried 1986. Zugleich betonte er, dass die Israelis einer tragischen Falle der Geschichte zum Opfer gefallen seien: »Diese Menschen waren so lange verfolgt und unterdrückt, dass sie nicht bemerkt haben, wie sie um sich schlagend nach der Devise: jetzt ist eigentlich die Reihe an uns – selbst Unterdrücker geworden sind, Unterdrücker der Palästinenser. Und da nehme ich natürlich Stellung für die, denen Unrecht geschieht, für die Palästinenser.«

Frieds Werk lebt von einer unbedingten Parteinahme für das Leben; er hielt stets am Universalismus des Leidens fest. Für ihn waren die Kinder im palästinensischen Dorf Deir Jassin, die beim Massaker im April 1948 – dem Auftakt der Nakba – niedergemetzelt wurden, nicht »andere« Kinder als jene im Warschauer Ghetto. Solche Vergleiche wurden ihm jedoch zum Vorwurf gemacht. Seine Kritik brachte Fried sogar so weit in die Schusslinie, dass er von der Jewish Defense League des israelischen Faschisten Meir Kahane einmal mit dem Tod bedroht wurde.

Bereits 1976 sah er sich genötigt, einen Essay mit dem Titel »Ist Antizionismus Antisemitismus?« zu veröffentlichen. Vor 50 Jahren setzten die israelische Regierung und proisraelische Kräfte den Antisemitismusvorwurf noch nicht derart inflationär als Instrument und ideologische Waffe ein, um politische Gegner anzugreifen und zum Schweigen zu bringen, wie heute. Bereits damals wurde Fried aber als »jüdischer Antisemit« diffamiert. In seinem Essay machte er deutlich, dass »hier die Antisemitismusbeschuldigung missbraucht« werde und die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus – sowie daraus folgend »das ungerechte Wort vom Linksantisemitismus« – hauptsächlich auf zionistische Propaganda zurückgehe.

Tatsächlich hat sich der Zionismus von Anfang an eine Art Alleinvertretungsrecht für alle Juden angemaßt. So wies Max Nordau bereits 1898 die Rede von einer zionistischen »Partei« im Judentum »mit Spott und Verachtung« zurück: »Die Zionisten sind keine Partei: Sie sind das Judentum selbst.« Dieser Anspruch führte dazu, dass Zionisten Juden, die nicht für den Zionismus waren, als »menschlichen Staub« oder jüdische Antisemiten bezeichneten – laut Fried »gar nicht so unähnlich, wie rechtsradikale Deutsche und dann die Nazis in anderen Deutschen, die gegen ihre Weltherrschaftsträume und gegen ihren Rassismus ankämpften, nur vaterlandslose Gesellen oder Vaterlandsverräter sahen«.

Aber darf man Zionisten mit Nazis vergleichen, so wie es Fried immer wieder tat? »Es heißt, man darf Begin nicht mit Hitler vergleichen und die Untaten und Angriffskriege des zionistischen Staates nicht mit dem Hitlerfaschismus. So ein Vergleich wäre Antisemitismus, erklären Zionisten und wohlmeinende deutsche und amerikanische Bürger. Jeder Antizionist soll angeblich ein Antisemit sein, und die Linken in Deutschland und in der Schweiz und in vielen Ländern Europas werden als Antisemiten verleumdet«, beklagte der Dichter schon 1982.

Im bereits erwähnten Buch merkt Moshe Zuckermann dazu an, Fried überschreite, wenn er den Zionisten Israels bescheinige, »Schüler von Hitler« geworden zu sein, die Grenzen der Integrität. Man könne einem Dichter zwar die Freiheit gewähren, seine Aussage durch Übertreibung zu verschärfen, doch: »Die Verantwortung, inhaltlich nicht die Grenzen zu sprengen, mithin das eigene Argument zu entleeren, obliegt auch dem Künstler.« Warum also diese »Technik des Vergleichs mit dem Unvergleichbaren«? Zuckermann glaubt, dass Fried »die nazistische Monstrosität nicht zu Vergleichszwecken heranzog, sondern als Maßstab der Annäherung an das, was es zu bekämpfen galt – das Monströse. Vergleicht man das heutige Israel mit dem Israel zu Frieds Zeit, so verbreitet sich das Faschistische ungleich bedrohlicher, als es damals noch der Fall war.« Im Jahr 2021 war Zuckermann klar, dass der zionistische Staat zwar seit Jahrzehnten ein barbarisches Regime in den besetzten Gebieten unterhalte – aber: »Israel betreibt keinen Völkermord.«

In der Zwischenzeit wirft eine UN-Kommission Israel einen Genozid im Gazastreifen vor; der Staat sieht sich zudem mit einem Völkermordverfahren vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag konfrontiert. Frieds Diktum »Nun seid ihr geworden wie sie« findet im Vorgehen der israelischen Regierung nach dem 7. Oktober 2023 und in Aussagen israelischer Politiker, die dieses Vorgehen legitimieren, einen bitteren Widerhall. »Wir kämpfen gegen menschliche Tiere«, sagte der damalige israelische Verteidigungsminister Joaw Gallant schon zwei Tage nach dem Angriff der Hamas und weiterer palästinensischer Gruppen. Israels Finanzminister Bezalel Smotrich forderte im April 2024 die »vollständige Vernichtung« und sprach sich vier Monate später für eine Aushungerung der zwei Millionen Palästinenser im Gazastreifen aus.

Das Entsetzliche sei, »dass sie kein Entsetzen fühlen«, heißt es in Frieds Gedicht »Die Höherstehenden«. Darin tun sich Vertriebene, den »Knochenöfen« entgangen, zusammen, um andere zu vertreiben, die nicht schuldig an ihrer Vertreibung waren. Gleichzeitig verlangen sie von jenen, von denen sie vertrieben wurden, als Beweis ihrer Wandlung Hilfe: durch Geld, durch neue Waffen.

»Und sie sagen: / ›Uns hat man auch nicht besser behandelt / und die anderen sollen froh sein / dass wir nicht tun was man uns tat / Wir vertreiben sie / denn uns hat man auch vertrieben / aber wir haben / noch keine / Knochenöfen gebaut!‹«

Das Bittere sagen

Im Defa-Filmporträt über Fried »Die ganze Welt soll bleiben« (1988) ist der Schriftsteller auf einer Bühne zu sehen, hinter ihm ein großes Transparent mit der Aufschrift »Solidarität mit den Palästinensern«. Er spricht ins Mikrofon – davon, dass er auf seiten der Palästinenser stehe, nicht auf seiten derer, die »ein ungeheures Unrecht an den Palästinensern begehen und, oft ohne es zu wissen, sich an ihren eigenen Teufeln, den Nazis, ein Vorbild nehmen«. Er sagt auch: »Man darf nicht erst warten, bis Gaskammern gebaut werden, bevor man so einen Vergleich für gerecht hält.«

Erich Fried war, was Israel angeht, ein Mahner gegenüber jenen, die im Begriff waren, sich »nach dem Ebenbild ihrer Vernichter« zu schaffen, um »selbst Vernichter zu werden«, wie er sich ausdrückte. Er war der Überzeugung, dass er »das Bittere sagen« musste, auch wenn die Ohren, zu denen er sprach, »im Unrecht verstopft« waren »wie zur Zeit der Propheten«.

Dass sich Frieds Warnungen heute bestätigen, macht ihn nicht selbst zum Propheten. Er irrte in anderen Bereichen sogar erheblich, beispielsweise wenn er Hoffnungen in zukünftige »rot-grüne« Koalitionen in der Bundesrepublik hatte. Solche Fehleinschätzungen rührten von mangelnder politischer Klarheit her, die daraus resultierte, dass er sich einem Marxismus verschrieben hatte, der »undogmatisch« sein sollte – einem »freien« Sozialismus –, was revisionistische Positionen bedingte. Als Beispiel sei hier nur sein »Brief nach Moskau für Michael Gorbatschow« von 1987 angeführt, in dem er die Konterrevolution in der Sowjetunion als »Lichtblick« verklärte – Gorbatschow rücke »der Freiheit wieder den Stuhl an den Tisch«, freute er sich. Wohin diese »Freiheit« in Wirklichkeit führte – nämlich zu einer historischen Niederlage des Sozialismus –, musste Fried, der im November 1988 starb, genauso wenig erleben wie die Kriegsverbrechen der ersten »rot-grünen« deutschen Regierung in Jugoslawien 1999.

Mit seiner kritisch-solidarischen Haltung gegenüber dem palästinensischen Widerstand kann der Dichter bis heute Orientierung geben. Er fand es »traurig, dass der Zionismus durch sein Verhalten bei einfachen oder von arabischen Reaktionären irregeleiteten Menschen Judenhass auch dort erzeugt hat, wo es nie zuvor Judenhass gegeben hat«. Zugleich war er sich bewusst, dass in jeder Freiheitsbewegung Fehler vorkommen – aber: »Wer wegen dieser Fehler den Freiheitskampf verurteilt, der ist in Wirklichkeit ein Feind des Freiheitskampfes.« In einer Welt des Terrors betrachtete er Gegenterror grundsätzlich als legitim; eine »falsche Aktion« einzelner war für ihn kein Argument gegen den Kampf selbst. Er schrieb: »Zwar unter denen sind solche / die haben gerufen: / ›Alle Juden ins Meer!‹ / Das sind keine Stimmen der Zukunft // Aber vergesst nicht / es sind nicht alle dasselbe / so wie bei euch nicht alle / dasselbe denken«.

Im Gedicht »Zur Zeit der Verleumder« berichtet Fried, wie er als Verräter an seinem Volk und als jüdischer Antisemit beschimpft wurde, weil er darüber sprach, was im Namen Israels verbrochen wurde – und zwar nicht nur gegen Araber, sondern auch gegen Juden, die »totgeschwiegen werden«. Er war sich sicher, dass später, »wenn dieser Wahnsinn vorbei ist«, Juden nach Spuren von Juden suchen würden, die nicht mittaten, sondern warnten. Das Gedicht endet mit den Zeilen: »Ob dann ein Wort / noch nachlebt / von meiner Warnung? / Wichtiger aber: / ob dann in Palästina / noch Juden leben / Entronnene jener Vernichtung / die sie selbst herbeiführen halfen / durch ihr Unrecht / zu meiner Zeit?«

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