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Aus: Ausgabe vom 17.11.2025, Seite 9 / Schwerpunkt
Energieabhängigkeiten

Strategische Ressource im Wirtschaftskrieg

Wie die LNG-Infrastrukutur neue Schauplätze für globalen Machtkampf eröffnet
Von Jörg Kronauer
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Das Spezialschiff »Excelsior« am neu gebauten Anleger in der Jade nördlich des Tiefwasserhafens Jade-Weser-Port

Das deutsche Importvolumen von Flüssigerdgas (LNG) scheint von Rekord zu Rekord zu eilen. Im dritten Quartal pumpten die inzwischen zwei Terminals in Wilhelmshaven, das Terminal in Brunsbüttel und das Terminal auf Rügen mehr LNG an Land als je zuvor. Die Menge erreichte 13,25 Prozent des gesamten deutschen Erdgasimports. Im vierten Quartal könnte es sogar noch mehr werden – denn das Terminal auf Rügen, das zuletzt wegen Baumaßnahmen vermindert arbeitete, soll dann wieder an seine höhere Leistung vom zweiten Quartal anknüpfen. Die Importe über die deutschen LNG-Terminals kamen dabei nach Angaben des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) bei Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) zu 94 Prozent aus den USA. Auch der gesamteuropäische Import schnellte nach oben: Er lag im ersten Halbjahr 2025 um rund 40 Prozent über dem Wert aus dem zweiten Halbjahr 2024. Ungefähr 57 Prozent kamen aus den USA.

Alles in Butter also für die US-Frackingindustrie? Nicht unbedingt, der LNG-Boom in Europa könnte seine Grenzen haben. Branchenkreise führen die hohen Importe in diesem Jahr auf einige Sondereffekte zurück. So wurde zum 1. Januar die letzte Pipeline, die Erdgas über die Ukraine in die EU brachte, stillgelegt. Seitdem werden Österreich und Tschechien mit Flüssigerdgas aus deutschen Terminals versorgt. Zudem mussten Erdgasspeicher – unter anderem in der Ukraine –, die teils historisch niedrige Füllstände aufwiesen, betankt werden. Reparaturbedingt geringere Lieferungen aus Norwegen und einige weitere Besonderheiten kamen hinzu. Der Ausstieg aus russischem LNG wird die Importe aus den USA noch einmal erhöhen. Dann aber könnte sich bemerkbar machen, was etwa das IEEFA vor kurzem festhielt: Die Umstellung auf erneuerbare Energieträger könnte den Gasverbrauch der EU bis 2030 um rund 15 Prozent senken. Damit schrumpft auch der Bedarf an LNG.

»Europäische Staaten, die unverändert LNG-Terminals bauen oder erweitern, riskieren es, in überflüssige Infrastruktur zu investieren«, stellte Ende Oktober IEEFA-Expertin Ana Maria Jaller-Makarewicz entsprechend fest. Das würde vor allem die US-Fracker treffen. Und es würde wichtige Elemente einer langfristig angelegten US-Strategie konterkarieren: die Drei-Meere-Initiative, die – nach Vorarbeiten nicht zuletzt des Atlantic Council aus Washington – im Jahr 2015 vom damaligen Präsidenten Polens, Andrzej Duda, und von der damaligen Präsidentin Kroatiens, Kolinda Grabar-Kitarović, offiziell gestartet wurde. Im Kern sieht diese vor, die vor allem in Ost-West-Richtung orientierte, auf die BRD zulaufende Infrastruktur Ost- und Südosteuropas um eine Nord-Süd-Komponente zu ergänzen. Und es stimmt ja: Die Nord-Süd-Verkehrsverbindungen in Osteuropa sind oft nicht gut.

In die Drei-Meere-Initiative ordnen sich auch die Pläne ein, an der Ostsee (Polen, Litauen) und am Mittelmeer (Kroatien, Griechenland) Flüssigerdgasterminals zu installieren und das Gas von dort aus mit Pipelines, die in Nord-Süd-Richtung verlaufen, weiterzuverteilen. Bis vor kurzem wurde Europa über Ost-West-Pipelines mit russischem Gas versorgt. Nun wird es via Terminals und Nord-Süd-Röhren mit US-LNG beliefert. Deutschland, das sich mit den Nord-Stream-Leitungen die attraktive Position einer Verteilerdrehscheibe gesichert hatte, muss sich jetzt mit der Durchleitung viel geringerer Flüssigerdgasmengen nach Österreich und Tschechien begnügen, während Staaten mit LNG-Terminals wie Polen und Griechenland an Einfluss gewinnen. Dabei hängt ihr neues Gewicht am Flüssigerdgastropf der USA. Sollte das US-LNG für die Versorgung Europas nur noch in geringerem Maß nötig sein, schwindet er wieder.

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