Bis ans Ende der Welt
Von Marc Hairapetian
How you don’t believe we’re on the eve of destruction?« Das sang Barry McGuire 1965 auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs. Am 15. Oktober ist sein 90. Geburtstag, und die Welt hat sich leider immer noch nicht zum Besseren gewandelt. Sein Protestsong »Eve of Destruction« wäre vielleicht der ideale Soundtrack zu Kathryn Bigelows neuem Film »A House of Dynamite«, statt dessen erklingen neben Volker Bertelmanns Score Songs von Pink Floyd (»Welcome to the Machine«) oder The Doors (»People Are Strange«). Auch eine angemessene Wahl, denn die Menschen sind gelinde gesagt seltsam. Das wussten auch schon Stanley Kubrick und sein Drehbuchautor Terry Southern, die 1964 mit »Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben« Peter Bryants todernst gemeinten Roman »Red Alert« (1958) in eine brillante Weltuntergangsgroteske verwandelten. Von Satire ist Oscar-Gewinnerin Bigelow (2010 für »Tödliches Kommando – The Hurt Locker«) allerdings weit entfernt. Acht Jahre nach ihrem letzten Film »Detroit« ist die mittlerweile 73jährige auf den Regiestuhl zurückgekehrt und meldet sich mit einem an Realismus kaum zu überbietenden Endzeitthriller zurück.
Das von ihr und ihrem Drehbuchautoren Noah Oppenheim entworfene Szenario ist simpel und komplex zugleich: Eine Atomrakete bewegt sich auf die USA zu. Doch in welche Richtung genau sie sich bewegt, ist lange unklar. Auch weiß niemand, wer hinter dem Angriff steckt. Will man die USA zu einem Präventivschlag provozieren? Doch gegen wen überhaupt? Innerhalb kürzester Zeit müssen Entscheidungen getroffen werden, von denen Milliarden Menschenleben abhängen.
»A House of Dynamite« spielt in einer Reihe von Innenräumen, in denen fieberhaft an einer Antwort auf das Unvorstellbare gearbeitet wird. Von der Operationszentrale des Pentagon ausgehend, bekommt man Einblicke in die für Katastrophenfälle unterstützend zuständige Federal Emergency Management Agency sowie diverse Militärbasen, den White House Situation Room und das Oval Office, in dem der von Idris Elba gespielte US-Präsident das letzte Wort haben wird. Gut besetzt sind auch die Nebenrollen. So überzeugen die aus »Past Lives« und »Tron: Ares« bekannte Greta Lee als abgeklärte Nordkorea-Expertin der NSA und »The Night Agent«-Star Gabriel Basso als nervöser Deputy National Security Advisor. Die Inkompetenz sogenannter Experten und die Lächerlichkeit bürokratischer Protokolle in Situationen, in denen es um Minuten geht, werden dabei gnadenlos vorgeführt. Einziger Schwachpunkt ist der etwas flache Look der Netflix-Produktion. Aber warum sollte die Welt auch glamourös zugrunde gehen?
»A House of Dynamite«, Regie: Kathryn Bigelow, USA 2025, 112 Min., bereits angelaufen
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