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Aus: Ausgabe vom 22.07.2025, Seite 12 / Thema
Faschismus

»Hier war doch nichts!«

Über die Schlussstrichmentalität als Hemmschuh lokaler Erinnerungsarbeit am Beispiel Waldkirch
Von Helmut Donat
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Trügerisches Idyll. In Waldkirch im Schwarzwald werden der Aufarbeitung der Naziverbrechen Steine in den Weg gelegt

Menschen neigen dazu, Unangenehmes zu verdrängen. Und dennoch begleitet sie das »Vergessene« oder »Vergessengewünschte und -gemachte« wie ein Schatten. Die Tendenz, das »Dritte Reich« immer mehr aus der lokalen, regionalen Geschichte auszublenden, hat in unseren Tagen dramatisch zugenommen. Bei Ausstellungen und Jubiläen fehlt seit langem jedweder Hinweis auf die Nazizeit. Dabei hat sich jeder Ort mehr oder minder mit dem Faschismus einverstanden erklärt.

Im Juni 2010 hat mein Stadtteil am Rande von Bremen seine 775-Jahr-Feier begangen. Der Borgfelder »Festausschuss« gab dazu eine farbige Hochglanzbroschüre heraus. Sie enthielt unter anderem einen »Kurzen Rückblick auf die Geschichte und Entwicklung unseres Ortes«, der etwa fünf Seiten ausmacht. Eine halbe Seite ist der sogenannten »Franzosenzeit« von 1806 bis 1813 gewidmet, als Bremen unter napoleonischer Herrschaft stand. Die Jahre von 1933 bis 1945 werden mit keiner Silbe erwähnt – als hätte es das »Dritte Reich« nie gegeben. Niemand nahm daran Anstoß, keinem fiel die zweckgefärbte Behandlung der Vergangenheit auf.

Zur gleichen Zeit feierte die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen ihren 300. Geburtstag. Auch hier war die Tendenz unübersehbar, einen Teil der Geschichte auszuklammern. Dabei trieb die Herstellung politischen Porzellans gerade in der Nazizeit mit dem »Führer« in martialischer Feldherrnpose und vielen anderen Erzeugnissen – »Hitler-Junge mit Trommel«, »BDM-Mädel«, Figurengruppe »SA-Alarm« oder »SS-Kämpfer« – besondere Blüten.

2011 ist in meinem Verlag das Buch »Worpswede im Dritten Reich« erschienen. Worpswede, nahe bei Bremen gelegen, ist die wohl bekannteste deutsche Künstlerkolonie. Viele taten auch hier so, als sei da nichts gewesen. Andere behaupteten, es sei doch längst alles geklärt. Dass die Nazis und mit ihnen viele Worpsweder aus dem Ort eine mustergültige »Blut und Boden«-Dependance machen wollten, darüber schwieg man sich aus. Die vier Museen in Worpswede haben das Buch zunächst ignoriert und boykottiert. Schließlich haben es drei von ihnen in ihr Verkaufsangebot aufgenommen. Die Internetdarstellung der Gemeinde über die Geschichte Worpswedes gibt keinen Hinweis auf den Band. Auch der Erste und Zweite Weltkrieg sowie das »Dritte Reich« kommen nicht vor.

Historische Leerstellen

In Saarlouis, mit etwa 38.000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt des Saarlands, hat man 2019 eine Gedenktafel für jüdische Pfadfinder enthüllt. Ob sie »nur« vertrieben oder ermordet worden sind und um wen es sich dabei handelt, ist unklar. Nichts ist darüber gesagt, ob man es herausfinden will. Zu dem Bericht, den die Stadt dazu im Internet präsentiert, gibt es ein Bild mit der Gedenktafel im Hintergrund. Was auf ihr steht, ist nicht erkennbar, auch der Artikel enthält dazu keine Information.

In der Selbstdarstellung der Stadt sucht man unter dem Stichwort »Geschichte« vergeblich nach einer Überschrift wie »Drittes Reich« oder »Nationalsozialismus«. Lediglich unter »Saargebiet und Zweiter Weltkrieg« erhält man ein paar Informationen, kaum mehr als es dem berüchtigten »Vogelschiss« von Alexander Gauland entspricht. Da ist etwa die Rede davon, um 1935 seien viele der 364 Saarlouiser Juden »aus Angst vor Verfolgung im Dritten Reich« ins Ausland geflüchtet, und etwa 100 von ihnen »im Rahmen der NS-Verfolgung ermordet« worden. Was die Stadt selbst, ihre Dienststellen, Bürger etc. damit zu tun gehabt haben, erfährt man nicht. Warum eigentlich nicht? Solch ein Umgang mit der Geschichte, der vermeintlich Lästiges verschweigt und allenfalls am Rande zur Sprache bringt, findet sich fast überall in deutschen Kleinstädten.

Gegen das Vergessen

Aber es gibt seit langem eine Ausnahme, wenn auch eher im Verborgenen: Im Herbst 2011 haben sich in Waldkirch Bürger zusammengeschlossen, um sich gegen den Trend zur Geschichtsvergessenheit zu stemmen. Der Ort, am Rande des Schwarzwalds im Elztal gelegen, hat etwa 22.000 Einwohner. Die Gruppe nennt sich inzwischen »Ideenwerkstatt Waldkirch – Gegen Vergessen – Für Demokratie«. Es handelt sich um eine basisdemokratische Initiative, vergleichbar mit den Geschichtswerkstätten. Ihre Gründung erfolgte, als der in Waldkirch lebende Militärhistoriker und Friedensforscher Wolfram Wette Ende September 2011 die von ihm verfasste Biographie über den als unbescholten geltenden Orchestrionbauer Karl Jäger vorstellte.

Als »Waldkircher Hitler« machte Jäger in der SS eine steile Karriere und zeichnete für die Ermordung von 138.000 Juden in Litauen verantwortlich. Wegen seiner Verbrechen 1959 in der Nähe von Neckargemünd festgenommen, entzog er sich der Verurteilung und erhängte sich in der Untersuchungshaft. Dass die idyllische Kleinstadt einen Massenmörder hervorgebracht hatte, schlug ein wie eine Bombe und löste Empörung, Groll und Ablehnung bei all denen aus, die Jäger gern weiter als »feinsinnigen Mann, musikalisch begabt, immer korrekt« in Erinnerung gehalten hätten. Doch die »Ideenwerkstatt« machte ihnen einen Strich durch die Rechnung und begann, die Rolle Waldkirchs vor, während und nach dem »Dritten Reich« systematisch zu erforschen, was den Unmut in Teilen der Bevölkerung noch steigerte und sogar zu Morddrohungen führte. Doch die »Ideenwerkstatt« ließ sich weder einschüchtern noch beirren – und sie erlebte die Höhen und Tiefen lokaler »Erinnerungsarbeit«. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit schlägt sie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So wurde zum Beispiel Anfang 2017 in Waldkirch ein Mahnmal für die unter Jägers Verantwortung im Jahr 1941 ermordeten Menschen in Litauen errichtet. Auf einer der Texttafeln dazu fragt die Waldkirchener Lyrikerin Eva Maria Berg die Nachgeborenen: »Was tust du fortan, wenn Menschen aufgrund von Aussehen, Glauben, Denken in Frage gestellt werden? Was tust du, um dem entgegenzuwirken?«

Unterstützung fand die »Ideenwerkstatt« in der SPD und bei den »Grünen«, während die CDU und die Freien Wähler sich von Beginn an gegen sie gestellt haben. Es ist wie in anderen Teilen der Republik. Die Ewiggestrigen plädieren stets dafür, das Vergangene ruhen zu lassen. Und wo sie die Macht haben, ihren Standpunkt durchzusetzen, tun sie es – ganz im Sinne der Schlussstrichmentalität. Aber es gelingt nicht immer.

In langjähriger, ehrenamtlicher Arbeit hat die »Ideenwerkstatt« ein von 27 Autorinnen und Autoren verfasstes Gemeinschaftswerk geschaffen. Der Gemeinderat der Stadt hat es mit einer knappen Mehrheit bewilligt und gefördert, wobei die Stimme des Oberbürgermeisters Roman Götzmann (SPD) den Ausschlag gab. Der 2020 erschienene Band »›Hier war doch nichts!‹ – Waldkirch im Nationalsozialismus« hat über die Landesgrenzen hinaus Beachtung gefunden und mehrere Preise erhalten. Er zeigt beispielgebend, was im Sinne einer aufklärerischen und demokratischen Traditionspflege möglich und erreichbar ist – wenn Menschen dazu bereit sind, sich dabei nicht von Widrigkeiten beirren zu lassen.

Konservativer Gegenwind

Zusammen mit der »Ideenwerkstatt Waldkirch« hat Wette jüngst einen zweiten Band herausgebracht unter dem Titel »›Hier war doch nichts!‹ sagt im Elztal niemand mehr – ODER DOCH?« Der Zusatz »Oder doch?« ist nicht unberechtigt, denn dieses Mal lehnte der Gemeinderat jedwede Förderung ab, zunächst im Oktober 2023 und dann im November 2024. Der Wind hatte sich gedreht. Nach der Wahl des neuen Oberbürgermeisters gab es eine konservative Mehrheit von CDU und Freien Wählern (FW). Diese zeigte der »Ideenwerkstatt« die kalte Schulter. Selbst der zweite Antrag, der nicht von ihr ausging, sondern aus der städtischen Verwaltung selbst kam und bei dem es um magere 1.000 Euro ging, fand keine Gnade. Stattgegeben hat man lediglich dem Vorschlag, das Buch in die Reihe »Waldkircher Stadtgeschichte« aufzunehmen.

Seine Entscheidung begründete die Mehrheit des Gemeinderates mit fehlenden Mitteln, was aber für den Herbst 2023 noch nicht zutraf. Zudem wirkt es wenig überzeugend, wenn für ein Projekt, in dem es keine Honorare gibt, nicht einmal 1.000 Euro zustimmungsfähig sind. Einer der Redner bezeichnete bei der Präsentation des neuen Buches die Haltung von CDU und FW denn auch als »schäbig«.

Außerdem: Nach Kassenlage wird stets entschieden. Prioritäten sind immer zu setzen. Was gefördert oder nicht gefördert wird, hängt vom Votum der Entscheidungsträger ab. Sie unterstützen, was ihnen einleuchtet, und sie lehnen ab, was sie im Vergleich mit anderen Vorhaben nicht als förderungswürdig ansehen. Die Ablehnung hat daher weniger monetäre als vielmehr inhaltliche Gründe. Ihnen passt die ganze Richtung nicht. Was die »Ideenwerkstatt« in dem ersten wie im zweiten Buch anprangert, ist jene Schlussstrichmentalität, der die Ratsmehrheit anhängt, was sie aber tunlichst verschweigt. Statt dessen greift sie zu Rechtfertigungsgründen, die sich bei genauem Hinsehen als vorgeschoben erweisen.

So mutet es mehr als fragwürdig an, wenn aus den Reihen der CDU/FW-Stadtoberen gegenüber dem außergewöhnlichen Engagement der »Ideenwerkstatt« eingewandt wird, die historische Erinnerungsarbeit stelle eine »Privatangelegenheit« derer dar, die sie betreiben, und sei keine öffentliche Aufgabe. Des weiteren spielte das Argument eine Rolle, es handle sich bei dem neuen Buch ja nur um Rezensionen. Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern auch eine Abwertung des gesamten Vorhabens sowie respektlos gegenüber den Verfassern, zu denen Leiter von Gedenkstätten, anerkannte Autoren aus dem kulturellen Raum und kompetente Journalisten gehören. Nicht einmal zehn Prozent des gesamten Buches sind dem »Blick von außen«, also den Besprechungen und dem ersten Band, gewidmet. Zudem ist es für die Waldkircher von Interesse, wie man in Frankreich und in der Schweiz das Buch aus dem Jahre 2019 begrüßt und bewertet hat.

Die Behauptung der CDU und Freien Wähler in der Presse Anfang April 2025, es habe bei dem Antrag auf Förderung keine »Transparenz im Hinblick auf ›Ausgaben- und Einnahmenseite‹ (…) gegeben«, ist unzutreffend und führte die Presse und Öffentlichkeit bewusst in die Irre. Der Stadt Waldkirch lag seit dem 3. Juli 2023 eine detaillierte Kalkulation der Einnahmen und Ausgaben des Vorhabens vor. Ergänzend dazu hieß es im Begleitschreiben des Verlags: Ließen sich die veranschlagten Exemplare nicht verkaufen, würde die Stadt Waldkirch damit nicht belastet und der Fehlbetrag als Zuschuss des Verlags gelten. Anstatt die »Ideenwerkstatt« und ihre Ergebnisse zu fördern und verbreiten zu helfen, redet man in einem verschlüsselten Sinne dem »Hier war doch nichts« weiter das Wort.

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An die steile SS-Karriere des Waldkircheners Karl Jäger wollte man nach dem Krieg nicht erinnert werden

Bei dem neuen Buch handelt es sich nicht einfach nur um einen Beitrag zur Regional- oder Heimatgeschichte. Beleuchtet wird, in welchem Umfeld der erste Band entstanden ist, welche Widerstände zu überwinden waren, welche Vorbereitungen im Bereich des Veranstaltungssektors getroffen wurden und welche Resonanz die Aktivitäten gefunden haben. Kurz und gut: Man wollte über die Forschungsergebnisse hinaus das neu gewonnene Wissen vermitteln, damit es möglichst viele erreicht. Das Buch dokumentiert die ehrenamtliche Öffentlichkeitsarbeit einer Gruppe idealistisch motivierter Menschen im Spannungsfeld der Kommunalpolitik einer Kleinstadt wie Waldkirch in den Jahren 2011 bis 2024 – ein solch detaillierter Blick auf die praktizierte Erinnerungskultur in einer Kleinstadt dürfte einmalig sein.

Mühen der Ebene

Beschrieben werden, wie Wette es nennt, »die Mühen der Ebene«. Es geht im doppelten Sinne um Erzählungen über Geschehnisse an der gesellschaftlichen Basis: Zum einen ist aufgezeigt, was »unten, wo das Leben konkret« war, eine Rolle gespielt hat. Zum anderen wird die aufreibende und engagierte Auseinandersetzung mit der Nazizeit in den letzten 80 Jahren geschildert, in der doch stets mit Querschlägen aus dem gegnerischen Spektrum zu rechnen ist.

Was die »Ideenwerkstatt« vor Augen führt, sind Tatsachen und Kontinuitäten, die bis heute noch weitgehend tabuisiert sind. Viele Deutsche sind nie wirklich denazifiert worden. Hass, Russenfurcht, Gewaltdenken, Angst vor dem Bolschewismus und Ressentiments gegen alles, was man nicht als »deutsch« betrachtet, wirken fort. Hätte man sich nach 1945 ernsthaft bemüht und es geschafft, den mit der Ideologie der Nazis untrennbar verbundenen Rassen- und Fremdenhass zu überwinden, so wäre es Anfang der 1990er Jahre in der BRD wohl nicht zu Brandanschlägen auf Asylheime gekommen.

In Waldkirch hat ein großer Teil der Bevölkerung um die Geschichte der Nazizeit schon jahrzehntelang einen großen Bogen gemacht. Das gehört in bestimmten Kreisen offenbar zum guten Ton. In dem neuen Band wird unter anderem an Paul Kowollik erinnert. Er zählt, so Wette, zu den Opfern der »zweiten Schuld« (Ralph Giordano). Kowollik, 1911 in Oberschlesien geboren und dort aufgewachsen, stand der Zentrumspartei nahe. Seit 1934 war er bei einer katholischen Zeitung tätig und weigerte sich, der NSDAP und der Reichspressekammer beizutreten. Im Juni 1938 unrechtmäßig verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, musste er dort als »Asozialer« und »Arbeitsscheuer« Frondienste verrichten. Im April 1939 aufgrund einer Amnestie entlassen, galt er fortan als »gemeinschaftsfremder Volksschädling«. 1940 bis 1945 leistete er Kriegsdienst. 1943 heiratete er Rosa Unmüßig aus Waldkirch, wo er sich nach dem Krieg eine neue Existenz aufbaute. Unterstützt von der französischen Besatzungsbehörde publizierte er mit großem Erfolg die Erlebnisse seiner Zeit im KZ. Von 1948 bis 1959 leitete er die Waldkircher Nachrichten, eine Lokalredaktion der Badischen Zeitung.

Eine Anerkennung als politischer Häftling des Naziregimes hat Paul Kowollik jedoch nie erreicht. Als »Asozialer« hatte er gemäß der Rechtslage in der BRD keinen Anspruch auf Entschädigung. Mit anderen Worten: Man ging davon aus, dass er zu Recht verfolgt worden sei. Erst im Februar 2020 hat der Bundestag diesem Unsinn ein Ende bereitet und die Betroffenen rehabilitiert.

Aggressive Schuldabwehr

Wie aber ist Waldkirch mit Paul Kowolliks Makel umgegangen? Hat die Stadt seine Verdienste als Nazigegner, Autor und Journalist zu seinen Lebzeiten jemals gewürdigt? Wird sie dem Wunsch seines Sohnes folgen und eine Straße nach Paul Kowollik benennen? Hat sie den von den Nazis zum »arbeitsscheuen Asozialen« gestempelten »Volksschädling« jemals verteidigt? Keineswegs. Bei der Bürgermeisterwahl von 1957, als der frühere Nazibürgermeister Max Kellmayer 35,2 Prozent der Stimmen erhielt, wurden den Kowolliks zwei Fensterscheiben eingeschlagen. Die polizeiliche Ermittlung blieb ohne Ergebnis. Offenbar waren – so die Vermutung des Ehepaars – Altnazis die Täter. Handelte es sich um einen Racheakt, weil Kowollik in den Waldkircher Nachrichten gegen Kellmayer votiert hatte? Warum ist dieser naheliegenden Frage in dem vom Waldkircher Geschichts- und Heimatverein 2023 herausgegebenen Buch über Kowollik nicht nachgegangen worden?

Im ersten Kapitel des neuen Bandes verdeutlicht Wette, wie stark das Verlangen nach einem Schlussstrich unter die Nazivergangenheit auch in Waldkirch ausgeprägt war und ist, welche Formen der Schuldabwehr es nicht nur in der Provinz gibt, wer die Träger der »Aufarbeitung« der Nazigeschichte sind und wie fragil die »Erinnerungskultur« bei genauerem Hinsehen einzuschätzen ist.

Wer einen Schlussstrich unter die Geschichte zieht, verlässt diese, ignoriert deren Wirkung und Folgen in die Gegenwart und Zukunft hinein. Er redet der Geschichtslosigkeit schlechthin das Wort. Wer die Beschäftigung mit den Ursachen und Folgen des Naziregimes beenden will und zum Schweigen darüber aufruft, will etwas im Verborgenen lassen, sehnt sich in den Status einer Unschuld zurück, die es so nie gegeben hat.

Um dem Vorwurf aus dem Weg zu gehen, die Erinnerung ausschalten zu wollen, vermeiden die Schlussstrich-Deutschen den Begriff und umschreiben ihr Verlangen, so Wette, mit Formulierungen wie: »Was, jetzt kommt noch ein Buch über den Nationalsozialismus!? – Habt ihr denn nichts Wichtigeres zu tun? – Es kommt doch auf die Zukunft an und nicht auf die Vergangenheit! – Wollt ihr denn immer noch in der belastenden Vergangenheit ›herumrühren‹?! – Könnt ihr denn damit nicht endlich mal aufhören!? – ›Hier war doch nichts!‹ Daher gibt es hier auch für Historiker nichts zu tun. – ›Das Unglück der Stadt sind die Historiker.‹«

Dem entspricht die Ende April 2025 publizierte »Gedenkanstoß MEMO-Studie« – eine Untersuchung der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« und des »Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld«. Dort heißt es: »Erstmalig stimmten mehr Menschen der Aussage zu, es sei Zeit, einen ›Schlussstrich zu ziehen‹, als sich dagegen aussprachen.« Von den 3.000 Befragten sprachen sich 38,1 Prozent für einen Schlussstrich unter die Nazizeit aus, während 37,1 Prozent die Forderung ablehnten. Aber noch in anderer Hinsicht ist die Studie alarmierend. »Antisemitische, rechtspopulistische und geschichtsrevisionistische Haltungen haben im Vergleich zu früheren Befragungen merklich zugenommen und sind nun endgültig wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir sehen sie«, so Jonas Rees, Leiter der Studie und Professor an der Universität Bielefeld, »in allen Bevölkerungsschichten und gesellschaftlichen Gruppen.« Bedenklich ist auch, dass 63,3 Prozent der Befragten, also weit mehr als die Hälfte, angaben, »wenig oder überhaupt nichts über die NS-Verbrechen in ihrem Wohnort zu wissen.« Zudem hat das Wissen über die Naziverbrechen insgesamt abgenommen. Die Studie gelangt zu dem Fazit: »Achtzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges stehen gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung, Wissen um Verstrickungen und Engagement für Erinnerungskultur unter Druck.«

Lichtblicke

Es gibt schon seit langem keinen Grund, so zu tun, als sei die Welt in Ordnung. Eine große Mehrheit der Deutschen hat sich seit Jahrzehnten von »Auschwitz« verabschiedet. Das spielt all jenen in die Hände, die heute dabei sind, völkisch-nationalistische Parolen wieder hoffähig zu machen. Vergessen wir nicht: Die Geschichte des Holocaust ist in Deutschland immer auch Familiengeschichte. Nahezu alle Deutschen waren mit ihr mehr oder minder verwoben, wobei der Ungeist des »Dritten Reiches« in mancherlei Entwicklungssträngen vorgeformt und virulent gewesen ist. Nichts von der brutalen und menschenverachtenden Mentalität oder der moralisch-politischen Verwilderung ist 1933 vom Himmel gefallen oder hat sich erst in den Jahren danach ausgeprägt. Eine Abkehr von den völkisch-ideologischen Grundlagen, auf denen die NSDAP als eine der zahlreichen Spielarten antisemitisch und antidemokratisch gesinnter Vereinigungen, Verbände und Parteien beruhte, ist nicht wirklich und schon gar nicht flächendeckend erfolgt. Die Folgen sind heute mit den Händen zu greifen. Solange man sich nicht wirklich mit dem Wesen und Unwesen deutsch-völkischen Denkens auseinandersetzt und diesem einen klaren und festen Riegel vorschiebt, wird sich kaum etwas ändern. Da helfen auch strengere Gesetze und Verbote nichts.

Umso bedeutsamer sind das Engagement, die Arbeit der »Waldkircher Ideenwerkstatt« und das neue Buch. Es bringt in Erinnerung, was gern übersehen oder verschüttet worden ist. Stellvertretend für die Handlungsspielräume, die sich auch im Naziregime und selbst in der Wehrmacht nutzen ließen, um dem Unrecht zu widerstehen, steht das Beispiel des Feldwebels Anton Schmid, eines widerständigen Retters in Uniform. Ihm gelang es, Hunderte Juden im Wilnaer Ghetto vor dem sicheren Tod zu bewahren. Zu nennen sind auch der in Waldkirch wirkende Pfarrer und Nazigegner Leo Bauer sowie der von den Faschisten verfemte, weit über Deutschland hinaus bekannte Professor und Künstler Georg Scholz, nach 1945 erster Bürgermeister von Waldkirch.

Beiträge über die Euthanasie, den »Waldkircher Stadtrundgang zur NS-Zeit« sowie den Umgang mit Erinnerungstagen – 9. November 1918 und 22. Juni 1941 (Tag des Überfalls auf die Sowjetunion) – und deren Deutung weisen ebenfalls weit über die Grenzen Waldkirchs hinaus. Die Dokumentation der Präsentation des ersten Buches, die Auszeichnungen, die es erhielt, und das Echo, das es in Zeitungen und Zeitschriften fand, verdeutlichen, dass es sich lohnt, der Vergangenheit auf die Spur zu kommen – nicht nur, um sie besser zu verstehen, sondern daraus Nutzanwendungen und Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. In diesem Sinne handelt es sich um einen beispielgebenden Beitrag zu einer demokratischen Traditionspflege und zu einer gelebten Erinnerungskultur.

Die »Ideenwerkstatt Waldkirch« ist der Mentalität des Mitmachens und Verdrängens nicht gefolgt. Mit Widrigkeiten, Hemmnissen, Schwierigkeiten und Gegnern, die nicht mit sich spaßen lassen – auch das macht der Band deutlich –, ist stets zu rechnen. Wie könnte es im Lande des »Holocaust« auch anders sein?

Literatur

Wolfram Wette (Hg.): »Hier war doch nichts!« – Waldkirch im Nationalsozialismus (Waldkircher Stadtgeschichte, Bd. 5), Donat-Verlag, Bremen 2020, 29,80 Euro

Wolfram Wette (Hg.): »Hier war doch nichts« sagt in Waldkirch niemand mehr – ODER DOCH? Höhen und Tiefen lokaler Erinnerungsarbeit (Waldkircher Stadtgeschichte, Bd. 7), Donat-Verlag, Bremen 2025, 29,80 Euro

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