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Aus: Ausgabe vom 11.07.2024, Seite 16 / Sport
Sportpolitik

»Das letzte Quentchen rauszuholen«

Über das Missverhältnis von Soll und Haben im olympischen Sport. Gespräch mit Marc-Oliver Löw
Von Andreas Müller
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Trotz guter Arbeit: Wenn mehrere Olympiasieger aufhören, knirscht es im Gebälk (Denis Kudla vs. Mohamed Metwally, Japan 2021)

Sie tragen einen prominenten Namen. Sind Sie mit einem gewissen, aus dem Schwarzwald stammenden Joachim Löw verwandt?

Diese Namensgleichheit ist reiner Zufall, außerdem komme ich aus Nordhessen.

Athleten aus insgesamt 22 Spitzenverbänden hat Ihr Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig bei der Vorbereitung auf die Sommerspiele in Paris begleitet. In welcher Weise?

Vor allem über die regelmäßige trainingswissenschaftliche Diagnostik. Wir analysieren gemeinsam mit den Athleten und ihren Trainern, wie sich die Ergebnisse nach bestimmten Trainingsperioden entwickelt haben und wie sie weiter verbessert werden können. Dafür haben wir die unterschiedlichsten Messplätze am Institut bis hin zu unserem Strömungskanal. So können wir im Schwimmen wichtige Phasen wie den Start oder die Wenden genau unter die Lupe nehmen. Den Leichtathleten in den Wurf- oder Stoßdisziplinen helfen zum Beispiel unsere Messungen zur Kraftübertragung bei verschiedenen Abwurfwinkeln. Daneben ist die Wettkampfanalyse einer der Arbeitsschwerpunkte sowie die Vorbereitung von Athleten auf ihren Wettkampf mit Hilfe spezieller ­Stärke-Schwäche-Profile der sportlichen Kontrahenten. Nicht zu vergessen die umfassenden Videoanalysen.

Können Sie mit Neuheiten aufwarten?

Das betrifft unter anderem den paralympischen Spitzensport, mit dem eine vertragliche Kooperation erst seit 2021 besteht. Dabei beschränken wir uns entsprechend der zur Verfügung stehenden Mittel auf Biathlon, Schwimmen, Kanu und Wurf/Stoß. In Richtung der Paralympics in Paris haben wir den Prototyp eines Wurfstuhls entwickelt. Je nach körperlicher Behinderung der Athleten erlaubt dieser Stuhl verschiedene Einstellungen, um die optimale Sitzposition für die bestmögliche Wurfleistung zu ermitteln. Für die Parakanuten ist neuerdings ein Ergometer verfügbar, das für alle Paraathleten nutzbar ist – unabhängig von ihrer körperlichen Beeinträchtigung.

Allein die Existenz des IAT wie auch die der Forschungsstelle zur Entwicklung von Sportgeräten FES in Berlin zeigt: Der bundesdeutsche Spitzensport verfügt über Weltklassevoraussetzungen, während die sportlichen Leistungen zunehmend hinterherhinken, wie Platz neun bei den Spielen 2021 in Tokio zeigte oder das durchwachsene Ergebnis der Leichtathletik-EM. Woran liegt’s?

Das betrifft ein ganzes Bündel von Ursachen. Wir haben im Vergleich zu früher nicht mehr so viele Sportlerinnen und Sportler, die diesen steinigen Weg in die absolute Weltspitze auf sich nehmen und diesem Ziel alles unterordnen. Hinzu kommt, dass wir ein Fördersystem haben, das breit aufgestellt und nicht optimal darauf ausgerichtet ist, vor allem die Allerbesten optimal zu unterstützen und aus ihnen das letzte Quentchen herauszuholen. Außerdem sind die Verbände aus Angst vor Mittelkürzungen oft zurückhaltend und vorsichtig, ihre Defizite klar zu benennen. Das wäre anders, wenn die Förderrichtlinien situative Schwankungen und Dellen berücksichtigen würden. Zum Beispiel haben nach den Spielen von Tokio drei Medaillengewinner im Ringen ihre Karriere beendet. Es liegt auf der Hand, dass der Ringerbund diesen Verlust in Paris nicht kompensieren kann. Was aber nicht heißt, dass dort schlecht gearbeitet wird.

Der Deutsche Olympische Sportbund hat für Paris als Ziel einen Rang unter den Top ten ausgerufen. Hat man tatsächlich nicht mehr drauf?

Mit dieser Plazierung haben wir uns inzwischen ein Stück weit abgefunden, könnten aber wieder deutlich besser dastehen. Das ist für meine Begriffe gar nicht einmal primär eine Frage des Geldes, sondern der Hausaufgaben, die es unbedingt zu erledigen gilt. Eine der großen Baustellen sind die Trainer und ihre Ausbildung. Für einen zeitgemäßen Leistungssport brauchen wir einen deutlich höheren Anteil mit akademischer Ausbildung. Zweitens geht aus wissenschaftlicher Sicht am Weg zu mehr Konzentration kein Weg vorbei, damit auf Dauer eine hohe Qualität in den einzelnen Trainingsgruppen gewährleistet ist. Wir brauchen in einzelnen Sportarten nicht sieben, acht oder neun Stützpunkte, sondern zwei, drei oder vier. Das würde auch Geld sparen, das an anderer Stelle wiederum sinnvoll eingesetzt werden könnte.

Die Australier haben pro Sportart in der Regel nur ein einziges nationales Zentrum wie die Niederländer inzwischen bei den Leichtathleten. Frankreich oder Großbritannien handhaben ihr System ähnlich stringent. Was machen andere besser?

Es wäre sicher falsch, andere Modelle blindlings zu kopieren, ohne unsere Besonderheiten wie das konföderative System zu berücksichtigen. Eines haben uns andere Nationen allerdings grundsätzlich voraus: Sie stellen bei ihrer Spitzensportförderung den Leistungsgedanken absolut in den Mittelpunkt und richten sie einzig an diesem Maßstab aus. Sie haben für sich die Kernfrage beantwortet, ob es primär um Spitzenleistungen und um Medaillen gehen soll oder vorrangig darum, bei sportlichen Großereignissen dabei zu sein. Diese Frage ist in Deutschland noch unbeantwortet.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie persönlich auf die Spiele vom 26. Juli bis 11. August?

Ich erwarte ein ähnliches Ergebnis wie vor drei Jahren in Tokio mit einem Platz zwischen acht und zehn im Nationenranking. Ein Ergebnis, das weder unserem Anspruch noch unserem Potential entspricht. Wenn wir künftig unsere Möglichkeiten ausschöpfen, ist ein fünfter Platz im Sommer realistisch.

Marc-Oliver Löw (44) aus dem hessischen Bebra beerbte im Juli 2023 Ulf Tippelt als Direktor des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT), nachdem er seit 2022 sein Stellvertreter war. Ans IAT wechselte der promovierte Sportwissenschaftler 2018 von der Uni Leipzig und leitete anschließend den Fachbereich »Technik und Taktik« für die Spielsportarten sowie für Judo, Ringen und Boxen.

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  • Leserbrief von Emmo Frey aus Dachau (12. Juli 2024 um 14:39 Uhr)
    Einer Zeitung wie der jW stünde etwas mehr Gelassenheit in Sachen »Soll und Haben«, und weniger »letzte Quentchen« im nationalen Leistungssport gut an. Was soll bitte dieses Nationenranking der erreichten Medaillen in einer auf internationale Solidarität ausgerichteten Zeitung? Sport sollte für Lebensfreude, für Gesundheit (im Körper wie im Geiste!), für spielerische Entspannung stehen und sollte weiterhin die unwichtigste, aber eine der schönsten Nebensachen der Welt sein. Warum diese verklemmte »trainingswissenschaftliche Diagnostik«, warum »Wettkampfanalysen«, um »Stärke-Schwäche-Profile der sportlichen Kontrahenten« minutiös zu erkunden? Ist das noch Fairness? Vom Weitsprungwettkampf der Olympischen Spiele 1936 in Berlin wird berichtet, der deutsche Favorit Lutz Long habe seinem stärksten »Kontrahenten« Jesse Owens einen wertvollen Tipp gegeben, seinen Anlauf zu korrigieren. Das klappte, Owens ersprang mit 8,13 Metern die Goldmedaille, Long wurde Zweiter. So geht’s doch auch! (Die Nazis vergaßen diesen »Fauxpas« Longs nicht, sie verheizten ihn als Soldaten in Sizilien.)

    Also bitte, liebe junge Welt, lasst den schweißgesättigten Leistungsmief aus Eurer Sportredaktion heraus! Wozu "paralympischer Spitzensport", wozu "absolute Weltspitze", wozu "Weltklassevoraussetzungen", wozu "Spitzenleistungen" um ein an sich lächerliches Medaillengerangel? Was haben z.B. die deutschen Rentner, von denen die Mehrheit nicht mal 1200 Euro Rente erhält, von einem "fünften Platz" im Medaillenranking der Spiele in Paris? Ich mag zwar die taz schon lange nicht mehr, aber "Leibesübungen" statt Sportseite finde ich immer noch gelungen. Das ist lockere Haltung zum Leben, auch Humor genannt.

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