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Aus: Ausgabe vom 11.07.2024, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Sechstagewoche in Griechenland

Mehr Arbeit geht immer

Seit Anfang des Monats ist in Griechenland die Sechstagewoche möglich. Die deutsche Kapitalfraktion wird blass vor Neid
Von Susanne Knütter
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Gegen die weitere Deregulierung der Arbeitszeit: Gewerkschafter vor dem Arbeitsministerium (Athen, 4.7.2024)

Die Mär von den »faulen Griechen« stimmte nie, und das wird mittlerweile auch statistisch belegt. 2022 betrug die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in dem Mittelmeerstaat im Südosten der EU 42,8 Stunden. In der BRD arbeitete man laut Eurostat 40,4 Stunden. In beiden Ländern viel zuviel im Verhältnis zum Produktivitätsfortschritt. Dennoch: Seit Anfang des Monats können in Griechenland die Bosse den Beschäftigten vorschlagen, anstatt fünf sechs Tage die Woche zu arbeiten. Wer sich darauf einlässt, bekommt mehr Gehalt. Alles freiwillig, und um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen, heißt es.

Derartige Begründungen werden angesichts einer nach wie vor hohen Erwerbslosigkeit von fast zwölf Prozent und niedrigen Löhnen relativiert. Nach langer Stagnation beziehungsweise sogar Rückgang haben die griechischen Löhne im Jahr 2021 das Niveau von 2013 erreicht und steigen seither etwas. Laut Statista kam ein kinderloser Single im vorigen Jahr dennoch nur auf etwa 17.600 Euro netto.

Es spricht viel dafür, dass mit der Sechstagewoche der Ausbeutungsgrad einmal mehr erhöht werden soll. Die kämpferische Gewerkschaftsfront PAME erinnerte am 5. Juli an die letzten Maßnahmen der Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis in diese Richtung. So verschaffe ein Runderlass, der die Pausen und die Vorbereitung der Beschäftigten aus der »produktiven Zeit« herausnimmt, den Unternehmen zusätzliche unbezahlte Arbeit. Mitsotakis ignoriere außerdem die Forderungen nach der Wiederherstellung der obligatorischen Anwendung von Tarifverträgen und der Dreijahresrente (also volles Gehalt in den ersten drei Rentenjahren) sowie nach Maßnahmen zum Schutz von Gesundheit und zur Sicherheit am Arbeitsplatz.

PAME ruft daher alle Gewerkschaften, die regionalen Gewerkschaftszentren und die Verbände auf, »den Kampf gegen die Einführung der Sechstagewoche und der unbezahlten Arbeit an jedem Ort mit noch größerem Engagement fortzusetzen«. Den Gewerkschaftern zufolge gibt es bereits Betriebe, in denen es gelungen sei, die arbeiterfeindlichen Gesetze in leere Briefe zu verwandeln. Ihre Forderung bleibt »sieben Stunden, fünf Tage die Woche«. Laut Umfrage des griechischen Jobportals kariera.gr würden 55 Prozent der Jobsuchenden eine Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich bevorzugen. Die übrigen Befragten wären schon mit einer Lohnerhöhung bei einer Fünftagewoche zufrieden.

In Deutschland werden die Entwicklungen auf dem griechischen Arbeitsmarkt auch von der Kapitalseite mit großem Interesse verfolgt. Denn neben dem Geplänkel um Generation Z und Arbeitszeitverkürzung läuft die Debatte im Grunde in eine andere Richtung. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sinniert in Bild: »In Griechenland gibt es jetzt zum Beispiel eine Sechstagewoche, bei uns wird über eine Viertagewoche diskutiert. So werden wir den Rückstand nicht aufholen«.

FDP-Parteichef Christian Lindner fordert mehr »Lust auf Überstunden« und erklärte auf dem Parteitag der Liberalen im April: »Eine nicht geleistete Arbeitsstunde fehlt für Wachstum, übrigens aber auch als Steuereinnahme und als Beitrag zur Stabilisierung unserer Sozialversicherung.« Und Holger Schäfer vom kapitalnahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln überlegte im Tagesspiegel vom Dienstag, wie mit längeren Arbeitszeiten den Folgen des Bevölkerungsrückgangs begegnet werden könne, er hielt fest: »In Deutschland gibt es keine Beschränkungen der Anzahl der Arbeitstage. Lediglich der Sonntag gilt als arbeitsfrei, abgesehen von einer recht umfangreichen Liste mit Ausnahmen.«

Die Frage, ob man die griechische Idee auch in Deutschland umsetzen solle, stelle sich daher nicht. Wer eine Sechstagewoche mit seinem Vorgesetzten vereinbaren möchte, könne das bereits tun. Gesamtwirschaftlich sinnvoll fände Schäfer das. Das Schlüsselwort der Stunde aber lautet auch hier: Freiwilligkeit. Es gehe »nicht um Zwang, länger zu arbeiten«. Von der Politik seien vielmehr »Maßnahmen gefragt, die eine Ausweitung der individuellen Arbeitszeit attraktiver machen«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (10. Juli 2024 um 23:29 Uhr)
    Herr Schafer, wie wäre es mit mehr »Markt«: Höhere Löhne, dadurch mehr Nachfrage nach »Arbeit« und weniger »Fachkräftemangel«? Oder wollen Sie wirklich das chinesische Modell der staatlichen Maßnahmen?

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