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Aus: Ausgabe vom 11.07.2024, Seite 10 / Feuilleton
Rock

Es ist nie zu spät, Bernd!

Impressionen von der neuen Ausgabe des Rockharz-Festivals
Von Frank Schäfer
Herrlich, Pfand Schäfer hat Spaß!

Am letzten Tag gab es doch noch das große Unwetter, das jedes Festival braucht, wenn sich die alten Reckinnen und Recken noch in Jahrzehnten an den Lagerfeuern der Republik davon erzählen sollen. Dräuende Durchsage: Der Iwan in Gestalt einer fiesen Schlechtwetterfront steht vor der Tür. In nullkommanix war das Infield geräumt und die 25.000 Besucher des Rockharz-Festivals vom 3. bis 6. Juli in Ballenstedt harrten in ihren Autos, Zelten und stillgelegten Bergwerkstollen aus.

»Stell dir mal vor«, meinte ein Harzer Rock ’n’ Roller auf der Flucht ins Trockene, »jetzt verschläft einer im Dixi die Durchsage und kommt in zehn Minuten raus, kann ja jedem mal passieren. Und dann? Alle weg! Der denkt doch sofort an die Zombie-Apokalypse.«

»Richtig so, ne?!«, ruft sein Nachbar.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Zwei Stunden später kehrt sowieso wieder Festivalnormalität ein. Die Pärchen haben die Auszeit genutzt für die Liebe und strömen nun ausgehungert an die recht erlesenenen Verpflegungsstände. Dort kann man sich einmal rund um den Erdball degustieren. Wer am Plattensee schwimmen gelernt hat, darf mit schmalzigen Fladen, die man in Ungarn Langos nennt, seine Urlaubserinnerungen auffrischen. Und selbst für kulinarische Ewiggestrige ist der Tisch gedeckt mit Schweineleber nach pommerscher Art. Was noch? Was noch? Indisches Curry, mexikanische Tapas, finnischer Flammlachs, Nudelpfanne Chiang Kaishek – und das alles mit Musik!

Wobei man schon den Eindruck haben konnte, das ganze Volksfestgewese mit Zeltplatzgaudi sei bei einigen nicht nur Mittel zum Zweck, weil man selbst auf einem Metal-Festival essen, trinken und irgendwann mal schlafen muss, sondern der eigentliche Sinn des ganzen. »Es soll ja jetzt schon Festivals ohne Bands geben«, erzählt mir eine Freundin erzürnt und zeigt Horns mit beiden Händen, wohl um diesen Ungeist ein für allemal zu vertreiben.

Beim Rockharz gab es glücklicherweise immer noch genügend Leute, die sich für laute Musik interessierten, und nicht nur für Klassiker wie Bruce Dickinson, Dirkschneider, Kreator oder – die Älteren erheben sich von den Chaiselongues! – Judas Priest. Der Platz vor den beiden Bühnen stand bereits nachmittags gerammelt voll für Newcomer wie Mammoth WVH, der Band um Eddie Van Halens Sohn Wolfgang, der mit druckvollem US-Radio-Hard-Rock zum Festivalmittwoch die Teezeit versüßte. Oder für die großartigen Speedrabauken von Knife, die alle anwesenden Rechtsausleger wie gute Türsteher am Schlafitchen packten und freundlich zum Ausgang begleiteten. »Verpisst euch aus unserer Szene!«

Einen Topact wie Judas Priest hätte man vor einigen Jahren noch nicht unbedingt erwartet auf dem umgewidmeten Verkehrslandeplatz in Ballenstedt im Nordostharz. Die Verwackenung nimmt also auch hier gewisse Ausmaße an. Aber solange Rob Halford mit seiner Stimme bei »Victim of Changes« immer noch hartgekochte Eier in Scheiben schneiden kann, gibt es wenig Argumente gegen ihn. Nur die ewigen Singspielchen mit der Crowd wirken einigermaßen debil und sein Vortrag über die Evolution des Metal unter besonderer Berücksichtigung seiner Band rennt offene Scheunentore ein. Priest gefallen trotzdem allen.

Ein weißhaariger Altmetaller, der offenbar schon viel gesehen hat in seinem Leben, ergibt sich dann auch endlich seiner Phrenesie. »Das ist ja wie ein Jungbrunnen hier!« Und seine Entourage pflichtet ihm lautstark bei. »Es ist nie zu spät, Bernd!« Und damit zurück zum Funkhaus.

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