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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 16 / Sport
Sportbuch

Der Ronaldinho von Jena

Der Fußballjournalist Christoph Dieckmann schreibt über ein Leben als Fan von Peter Ducke
Von Thomas Behlert
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Schlicht schön: Peter Ducke bei der WM ’74 (DDR vs. Argentinien, Gelsenkirchen, 3.7.1974)

Als Neunjähriger entdeckt Christoph Dieckmann den Fußball. Er beginnt bei Traktor Dingelstädt zu spielen und begeistert sich für den Wunderstürmer Peter Ducke, der bei Carl Zeiss Jena im »Paradies« spielt. Begeistert hört er die wöchentlichen Radioübertragungen der DDR-Oberliga oder sitzt beim Onkel vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher. Einige Jahre später begegnet Dieckmann seinem Idol und ist zunächst enttäuscht. Doch als Journalist kann er die Laufbahn von Peter Ducke noch intensiver verfolgen, interviewt ihn und freundet sich mit dem früheren Idol an. Im Buch »Der Stern von Jena. Peter Ducke und ich« schildert er nun die nicht immer ebene Laufbahn der Jenaer Legende, was ganz automatisch auch eine kleine deutsche Zeitgeschichte vom Nachkrieg bis in die Gegenwart ist.

Jenaer Legende

Was hat Dieckmann nicht alles mit Ducke erlebt: Den bösen doppelten Schien- und Wadenbeinbruch 1966 bei einem Freundschaftsspiel in Mexiko, das mühsame, dann triumphale Comeback, die unvergesslichen Spiele 1970 gegen Ajax Amsterdam, wunderbare Hattricks, Pokalsiege gegen Dynamo-Mannschaften, 207 Tore in 466 Spielen, DDR-Meisterschaften, 68 A-Länderspiele mit 15 Toren. Dazu kommen Olympiateilnahmen, die Ehrungen als Torschützenkönig 1963, Fußballer des Jahres 1971 und nach der »Wende« gar die Wahl Peter Duckes zu Jenas »Sportler des Jahrhunderts«. Als einziger Ostdeutscher schaffte er es bei einer Kicker-Umfrage unter deutschen Sportjournalisten unter die besten zehn der »Spieler des Jahrhunderts« (Rang neun gemeinsam mit Jürgen Klinsmann).

Peter Ducke kam im Sudetenland auf die Welt, ganz in der Nähe von Tetschen an der Elbe, dem heutigen Děčín. Nach dem Weltkrieg floh die Familie nach Schönebeck (Elbe), wo die Brüder bei Chemie zum Fußball fanden. Ende der 1950er Jahre bekamen die Jenaer mit, dass in der Magdeburger Bezirksauswahl ein ganz besonderer Spieler auflief. Trainer Georg Buschner und diverse Sportfunktionäre beknieten Duckes Eltern, damit diese ihren Peter nach Thüringen ziehen ließen.

Nachdem Buschner die Nationalmannschaft übernommen hatte, wurde er von Hans Meyer ersetzt, der auch nach dem Ende der DDR Karriere machen sollte. Als Meyer, längst selbst zur Legende geworden, später in einem Interview gefragt wurde, ob er nicht gerne Weltstars wie Ronaldinho trainieren wollte, antwortete er: »Junger Mensch, ich hab’s in Jena doch gehabt – Peter Ducke!«

Schlicht schön

Meyer wusste den impulsiven Ducke zu bändigen, der schwer aufbrausend bis jähzornig sein konnte. Einen berühmten Ausraster schildert Dieckmann eindrücklich: Beim Pokalfinale 1965 stand es nach dem späten Anschlusstreffer der Magdeburger in der 82. Minute 1:1. Da aber die Friedensfahrt unmittelbar nach dem Spiel im Stadion gestartet werden sollte, durfte es keine Verlängerung geben. Magdeburg bekam in der 89. einen Elfmeter, traf, und es wurde abgepfiffen. Ducke rief voller Zorn: »Den Scheißpokal könnt ihr selber behalten.« Folge: zehn Wochen Sperre.

Ducke entwickelte sich immer weiter, auch dank Buschners Trainingsstil bei der DDR-Nationalmannschaft, wurde technisch beschlagener, athletischer, schneller. Sein Spiel war schlicht schön. Der junge Dieckmann trauerte, als sich Ducke 1974 bei einem Spiel gegen den BFC Dynamo einen Meniskus- und Innenbandschaden zuzog. Intensiv arbeitete der sich wieder heran und fuhr sogar mit zur WM, als Ersatzspieler. Im Spiel gegen Westdeutschland ließ Buschner ihn draußen und setzte Jürgen Sparwasser ein, der bekanntlich das Siegtor schoss.

Nach der Spielerkarriere wurde Ducke Jugendtrainer in Jena, flog aber 1980 wegen unerlaubter Westkontakte. Ein Besucher war mit einem Citroën angereist, ein Automobil des Klassenfeindes. Ducke wurde in den Landkreis verbannt, arbeitete als Stützpunkttrainer nach Kahla und Eisenberg. Mit vielen Emotionen schildert Dieckmann sein Leben als Fan eines genialen Spielers mit Ecken und Kanten. Womit das Buch auch ein spannendes Kapitel DDR-Geschichte ist.

Christoph Dieckmann: Der Stern von Jena. Peter Ducke und ich. Verlag Voland & Quist, Berlin/Dresden 2024, 125 Seiten, 12 Euro

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