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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Der Kapitän geht von Bord

Ballettintendant John Neumeier verlässt nach 51 Jahren das Hamburg Ballett
Von Gisela Sonnenburg
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Der Meister bei der Arbeit: John Neumeier während einer Probe zur »Odyssee«

Wenn man sich das Hamburg Ballett als ein stattliches Schiff vorstellt, geht der Kapitän jetzt von Bord. Intendant und Chefchoreograph John Neumeier, 85, hat die Nase voll von der Verantwortung für Hunderte tanzbesessener Seelen, die für ihn arbeiten. Der dienstälteste Ballettchef der Welt geht zwar nicht in den Ruhestand, aber doch in die wohlverdiente Freiberuflichkeit. Sein Ensemble schenkte ihm zur letzten Premiere »Epilog« einen von allen signierten Stuhl. Und seine Tänzerinnen und Tänzer tragen derzeit Blumen über Blumen, die ihnen das Publikum verehrt, in ihre Garderoben. Die Festzeitstimmung hat einen Namen: Es sind die letzten »Hamburger Ballett-Tage«, die Neumeier selbst leitet. Bis zum kommenden Sonntag, an dem die fast sechsstündige »Nijinsky-Gala« den Abschied Neumeiers als Intendant zelebriert, wird seit dem 30. Juni in Hamburg allabendlich Ballett bejubelt. Weltweit ist so was einmalig – wie auch das Werk Neumeiers mit über 170 Choreographien.

Geboren in den USA, hat John Neumeier kämpfen müssen, um Tänzer zu werden. Seine Eltern – der deutschstämmige Vater war Kapitän auf dem Michigansee – sahen ihn eher im Literaturstudium, das er ihnen zuliebe zunächst auch begann. Doch die Liebe zum Ballett wuchs, und sein geistiger Förderer an der Marquette University in Milwaukee wies dem Studenten den Weg in Richtung Ballettsaal. Nach Tanzunterricht in Chicago, London und Kopenhagen engagierte der Südafrikaner John Cranko den jungen, schönen US-Amerikaner als Tänzer ans Stuttgarter Ballett. Dort reüssierte Neumeier bald auch mit Choreographien. Als jüngster Ballettdirektor Deutschlands gefeiert, verbuchte er dann Erfolge in Frankfurt am Main. Von dort holte ihn 1973 der Theatermogul August Everding als Ballettchef nach Hamburg. Eine Ära begann, die jetzt nach 51 Jahren endet.

»Odyssee« heißt ein Ballett von John Neumeier, in dem er sich mit den Grausamkeiten der USA im Vietnamkrieg auseinandersetzt. Es stammt von 1995, aber wer es kürzlich bei den Hamburger Ballett-Tagen sah, hatte das Gefühl, der Aufführung eines brandaktuellen Stücks beizuwohnen. Ein Klassiker hingegen ist »Die Kameliendame« von 1978: Die internationale Ballettwelt giert regelrecht nach der getanzten Schmonzette um eine sterbenskranke, aber bis zum Schluss edelmütig liebende Kurtisane im Paris des 19. Jahrhunderts.

Ebenfalls den Ballettfans gegenwärtig: Die zahlreichen Ballette zu Musiken von Gustav Mahler, die Neumeier im Laufe seines Lebens schuf. Man kann es so sagen: Er geht darin mit genial-schöpferischer Kraft den Phänomenen wie Liebe, Sehnsucht, Verzweiflung, Glaube auf den Grund.

Dabei ist Neumeier selbst ein Phänomen. Seine Company umfasst nur etwa sechzig Tänzer, aber die haben so viele Auftritte wie sonst keine. Zusätzlich gründete Neumeier seine eigene Ballettschule und das Bundesjugendballett. Im »Ballettzentrum Hamburg – John Neumeier« in Hamburg-Hamm trainieren und proben sie alle. Platz und Personal werden optimal und effektiv genutzt. Pläne für einen Neubau ließ Neumeier fallen. Dafür saniert ihm der Hamburger Senat gerade eine Jugendstilvilla im alsternahen Stadtteil Pöseldorf, wo das »John Neumeier Institut« entstehen soll. Dort wird Neumeier mit seiner umfassenden Sammlung von Büchern, Kunstwerken, Videos und Dokumenten zum Thema »Tanz« wie in ein lebendiges Museum einziehen.

Seine Stücke werden weiterhin vom Hamburg Ballett getanzt. Neun Neumeier-Werke sind es kommende Saison. Dafür übernimmt der junge Deutsch-Argentinier Demis Volpi das Ruder von Neumeier: um diese Tradition mit neuen Programmen zu vereinen. Auch Volpi machte seine ersten wichtigen künstlerischen Erfahrungen in Stuttgart. Als Direktor vom Ballett am Rhein sammelte er weitere Erfahrungen. Nicht nur im Choreographieren, sondern auch darin, spannende und sinnstiftende Themenabende mit Ballett zu gestalten.

Die schier magische Ausstrahlung, die Neumeier künstlerisch wie auch persönlich auf seine Fans ausübt, wird unerreicht sein, das ist unbestritten. Dabei ist er ein Aufklärer in seiner Kunst: Unermüdlich erläuterte er den Hamburgern in »Ballett-Werkstätten«, warum er welchen Tanz wie gestaltete. Stehende Ovationen nach den Aufführungen bezeugen, dass er verstanden wird. Und wenn er jetzt in der Hamburgischen Staatsoper nur auf seinen Platz im Zuschauersaal geht, erntet er großen Applaus. Man kann sagen, dass die Menschen ihn lieben wie niemanden sonst in der Welt der Tanzkunst.

Das spiegelt sich auch in Preisen und Auszeichnungen wider. Mehr als 200 nationale und internationale Ehrungen hat Neumeier erhalten, so die Ehrenbürgerschaft in Hamburg und den japanischen Kyoto-Preis, eine Art asiatischer Nobelpreis für Künstler und Wissenschaftler. Doch in Neumeiers zahlreichen Selbstzeugnissen, darunter Bücher und Videoaufnahmen, wird stets deutlich, dass ihm die Arbeit wichtiger ist als der soziale Aufstieg.

Beim letzten Premierenempfang in Hamburg legte er nachgerade ein Bekenntnis ab: »Man kommt in einen Raum, meist mit Spiegeln, und die Tänzer erwarten etwas von einem. Das ist eigentlich der Moment, für den ich lebe.« Künftig wird er diese Momente am Anfang einer neuen Kreation woanders haben, eher nicht in Deutschland.

Arte zeigt in der Mediathek noch bis September 2024 das Portrait »John Neumeier – ein Leben für den Tanz« und die Aufzeichnung des Balletts »Die Glasmenagerie« vom Hamburg Ballett

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