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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Indonesien

Urwaldzerstörung für Rohstoffe

Kartierung von Rodungen in Indonesien zeigt Auswirkungen von Bergbau. BRD mit Interessen vertreten
Von Thomas Berger
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Der Bergbau hat »The Tree Project« zufolge in Indonesien riesige Löcher in den Urwald geschlagen

Indonesien ist ein Teil des grünen Gürtels auf beiden Seiten des Äquators. Neben ausgedehnten Monokulturen der Palmölplantagen bedroht aber zunehmend auch der Bergbau die artenreichen Regenwälder des Inselstaates. Während es bereits Maßnahmen zum Schutz der Primärwälder vor Brandrodung gibt, bleiben bislang ausreichende Schutzreaktionen der Regierung aus, um auch auf neue Tagebaue und Minen zu reagieren, die im großen Stil zur Waldvernichtung beitragen.

Nach jüngsten Berechnungen wurden für den Bergbausektor zwischen 2001 und 2023 insgesamt 721.000 Hektar Wald gerodet. Das betrifft Bergwerke direkt, aber auch Zufahrtsstraßen und weitere Infrastruktur. Ein Team der Organisation »The Tree Map« hat die bisher umfassendste Kartierung von Waldverlusten erstellt. Das Umweltstartup wertete dafür Satellitenbilder und Daten der US-Weltraumagentur NASA aus. Wie die Organisation vergangenen Freitag mitteilte, entfielen etwa 150.000 Hektar der betroffenen Fläche auf Urwald – bislang weitestgehend unberührte, ökologisch auch durch hohe Artenvielfalt bedeutsame Primärwälder mit uraltem Baumbestand. Diese Waldflächen binden viel klimaschädliches CO2.

Allein für das Jahr 2023 seien 10.000 Hektar intakten Primärwaldes speziell für Bergwerke geopfert worden, erklärte »The Tree Map«-Gründer David Gaveau. Damit liegt der Wert inzwischen etwa dreimal so hoch wie zur Jahrtausendwende. Die auf Satellitenaufnahmen erkennbaren Kohletagebaue, ebenso wie Gold-, Zinn- oder Nickelminen seien etwa mit Registern von Bergbaulizenzen abgeglichen worden. Für die zurückliegenden Jahre flossen auch ehemalige Bergwerke in die Berechnungen ein. Manche holte sich die Natur mit wucherndem Grün scheinbar wieder zurück – allerdings ohne die Artenvielfalt zuvor zerstörter, ursprünglicher Ökosysteme.

In Indonesien schreitet der Regenwaldverlust neben Brasilien mit am dramatischsten voran. Parallel zu den Kartierungen von Tree Map veröffentlichte die US-Akademie der Wissenschaften am 1. Juli eine neue Analyse. Demnach wurde allein von 1990 bis 2020 ein Viertel der Regenwälder mit alten Baumriesen komplett vernichtet. Zudem ist in dieser Zeitspanne die Gesamtfläche der von menschlicher Aktivität gänzlich unberührten Waldflächen sogar um 45 Prozent geschrumpft.

Seit der Jahrtausendwende hat sich der Trend zudem intensiviert: 30,8 Millionen Hektar an Waldflächen, so Global Forest Watch, sind zwischen 2001 und 2023 verschwunden. Das entspricht, neben den Negativfolgen für die Artenvielfalt, einem umgerechneten klimawandelrelevanten Schaden von 22,2 Gigatonnen an CO2-Ausstoß. Bei den Gebieten steht die im Osten der Insel Sumatra gelegene Provinz Riau mit allein 4,2 Millionen Hektar auf dem traurigen Spitzenplatz, gefolgt von drei Regionen auf Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo.

Bislang hat im Bergbausektor der Kohleabbau mit 322.000 Hektar die schwerwiegendsten Schäden angerichtet, gefolgt von Gold (149.000 Hektar) und Zinn (87.000 Hektar), listet das Portal Carbon Pulse aus den Erkenntnissen von »The Tree Map« auf. Nickel steht mit 56.000 Hektar zwar nur auf Platz vier der Auswertung. Das Metall könnte sich künftig jedoch zu einem Haupttreiber künftiger Umweltzerstörungen entwickeln.

Denn Indonesien verfügt über die weltweit größten, nachgewiesenen Reserven (22 Prozent) des Rohstoffs, der etwa für die E-Mobilität und deren Batteriefertigung wichtig ist. Die BRD, bei Nickelimporten bis 2022 noch zu 45 Prozent von Russland abhängig, hat Indonesien als Ersatzlieferanten im Visier. Allein bis 2022 vergebene Abbaulizenzen beliefen sich nach Recherchen des indonesischen Umweltforums WALHI auf eine Gesamtfläche von über einer Million Hektar – der vierfachen Größe des Saarlands.

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