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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 9 / Kapital & Arbeit
US-Fluglinie

Neuer Deal für Boeing

US-Flugzeugbauer gibt Betrug um Software zu. Die Behörden bleiben jedoch gnädig und lassen den Rüstungskonzern erneut mit Zahlungen davonkommen
Von Sebastian Edinger
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Angehörige der Absturzopfer erinnerten Boeing-Chef Calhoun (vorne) bei einer Senatsanhörung an ihre Familienmitglieder

Mittlerweile hat die Führung des US-amerikanischen Flugzeugbauers Boeing eingestanden, die US-Behörden im Nachgang der beiden Flugzeugabstürze 2018 und 2019 betrogen zu haben. Wie aus einem am Sonntag veröffentlichten Dokument des US-Justizministeriums hervorgeht, sind seinerzeit seitens der Unternehmensführung umfassende Zusagen gemacht worden, etwa bezüglich der Umsetzung eines Compliance- und Ethikprogramms. Durch den Deal konnte Boeing einem kostspieligen und imageschädigenden Gerichtsprozess entgehen. Doch obwohl mittlerweile klar ist, dass der Konzern seinen Teil der Vereinbarung nicht einhielt, packt die Regierung in Washington ihn noch immer mit Samthandschuhen an.

So geht aus den Unterlagen des Justizministeriums, die an das zuständige Bundesgericht im US-Bundesstaat Texas gerichtet sind, weiter hervor, dass Boeing nach dem Schuldgeständnis mindestens 455 Millionen US-Dollar in Compliance- und Sicherheitsmaßnahmen investieren soll. Hinzu kommt eine weitere Strafzahlung in Höhe von 243,6 Millionen Dollar. Einen Betrag in gleicher Höhe hatte der Konzern schon nach den Abstürzen bezahlt. Scharfe Kritik an dem neuen Deal kam von vielen Familien der Absturzopfer. Diese fordern unter anderem eine Milliardenstrafe, Entschädigungszahlungen, eine vollständige Aufklärung der Unglücksursachen, einen Kulturwandel innerhalb des Unternehmens und strengere Sicherheitsvorschriften für den Luftverkehr.

Bei den beiden Abstürzen von Maschinen des Typs Boeing 737 Max waren insgesamt 346 Menschen ums Leben gekommen. Auslöser war eine Software, die Piloten unterstützen sollte, aber letztlich stärker eingriff als vorgesehen. Die Software lenkte die Maschinen Richtung Boden, und den Piloten gelang es nicht, sie wieder aufzurichten. Im anschließenden Strafverfahren wurde Boeing des Betrugs beschuldigt, weil Konzernvertreter bei der Zertifizierung des Flugzeugtyps durch die US-Behörden spezielle Schulungen für besagte Software für unnötig erklärt hatten. Für Piloten, die mit früheren Versionen der Boeing 737 vertraut waren, waren diese Schulungen nicht angeboten worden. So wollte Boeing Kosten und Zeit sparen.

Dass die Nichteinhaltung der zugesagten Maßnahmen nun überhaupt aufgeflogen ist, geht auf ein Beinahe-Unglück vom Januar dieses Jahres zurück. Da brach bei einer fast neuen Boeing-Maschine im Steilflug ein Rumpffragment heraus. Dass bei dem Zwischenfall niemand ums Leben kam und es keine Verletzten gab, ist dem glücklichen Umstand geschuldet, dass die Plätze neben dem Loch im Rumpf nicht besetzt waren. Im Zuge der Ermittlungen kam das Justizministerium dann im Mai zu dem Schluss, dass gegen die Auflagen aus dem früheren Deal verstoßen wurde. Nun bekommt der Konzern einen neuen Deal und Reisende dürfen hoffen, dass dieser ernster genommen wird. Immerhin bekommt Boeing diesmal einen staatlichen Aufpasser zur Seite gestellt.

Offenbar will Washington den Konzern wegen seiner großen Bedeutung für die US-Wirtschaft nicht mehr belasten als unbedingt nötig. Boeing konnte die Zahl der Auslieferungen 2023 um rund zehn Prozent auf 528 Passagier- und Frachtflugzeuge steigern. Damit behauptete der Konzern unter den Flugzeugbauern weltweit Platz zwei hinter dem europäischen Wettbewerber Airbus. Die Probleme reißen jedoch nicht ab. Am Montag verlor ein Boeing-Jet in Los Angeles wegen Wartungsfehlern ein Rad. Und am Dienstag wurde bekannt, dass 2.600 Flugzeuge der Reihe 737 wegen Problemen mit den Sauerstoffmasken inspiziert werden müssen.

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