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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 7 / Ausland
Nahostkonflikt

»Brennt das Haus nieder!«

Recherche enthüllt grausamen Alltag und systematische Kriegsverbrechen der israelischen Armee in Gaza
Von Jakob Reimann
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Israelische Soldaten nach getaner Arbeit (Südgaza, 3.7.2024)

Whistleblower berichten schockierende Details: Im Krieg Israels gegen die Bevölkerung im Gazastreifen gibt es »so gut wie keine Vorschriften«. Soldaten könnten »nach Belieben schießen, Häuser in Brand setzen und Leichen auf den Straßen liegen lassen«. All das geschehe »mit der Erlaubnis ihrer Kommandeure«. Das haben sechs israelische Armeeangehörige, die in Gaza im Einsatz waren, dem israelischen +972 Magazine und seiner hebräischsprachigen Partnerseite Local Call berichtet. Die Recherche erschien am Montag unter dem Titel »›Mir ist langweilig, also schieße ich‹: Die Genehmigung gesetzloser Gewalt in Gaza durch die israelische Armee«.

»Routinemäßig richteten israelische Soldaten palästinensische Zivilisten hin«, heißt es dort, »nur weil sie ein Gebiet betraten, das das Militär als No-go-Zone definiert hatte«. Ganze Familien seien so ausgelöscht worden. Da nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten unterschieden werde, könne auch den israelischen Zahlen zu getöteten Hamas-Kämpfern »nicht getraut« werden, meint ein Soldat, der in einer Einsatzzentrale im Dienst war: »Jede Person, die wir getötet haben, zählten wir als Terrorist.«

Die Soldaten widersprechen der Behauptung der Regierung, im Krieg gehe es um die Befreiung der etwa 250 Geiseln, die am 7. Oktober letzten Jahres nach Gaza verschleppt wurden. »Es hat mich am meisten gestört«, meint Yuval Green, ein 26jähriger Reservist und der einzige der sechs Whistleblower, der sich mit Namen zitieren lässt, »dass sie immer wieder sagten: ›Wir sind wegen der Geiseln hier.‹ Doch es ist klar, dass der Krieg den Geiseln schadet.« Insbesondere das planvolle Bombardieren der Tunnelanlagen, in denen die Verstecke der Geiseln vermutet werden, bringe diese in Lebensgefahr. Im Dezember töteten israelische Soldaten drei Geiseln, die sich mit weißen Fahnen in Sicherheit bringen wollten. Da die Soldaten annahmen, es handle sich um Palästinenser, wurden sie erschossen.

Oft seien größere Straßen mit Leichen gesäumt, die dort verwesten oder von Tieren gefressen würden. Wenn ein Hilfskonvoi eine solche Straße durchquere, würden die Leichen zuvor mit Bulldozern im Sand oder unter Trümmern zerstörter Häuser verscharrt, so dass »die Bilder von Menschen in fortgeschrittenen Stadien der Verwesung nicht an die Öffentlichkeit gelangen«, sagt ein Soldat.

»Das ganze Bataillon hat gemeinsam das Feuer eröffnet, wie ein Feuerwerk«, erinnert sich Green an die Nacht des Chanukka-Festes im Dezember. »Das ergab eine verrückte Farbe, die den Himmel erleuchtete.« Da Chanukka »das ›Fest der Lichter‹ ist, wurde es symbolisch«, so Green weiter. »Dieses Bild zeigt auf unheimliche Weise, wie die koloniale Ideologie des Zionismus nicht nur die Vertreibung, Unterdrückung und potentielle Auslöschung der Palästinenser fordert«, kommentiert Wieland Hoban, Vorsitzender des Vereins Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, am Dienstag gegenüber junge Welt, »sondern auch, wie sie sich die Traditionen und Symbole des Judentums aneignet und sie gewaltvoll entweiht«.

»Die Leute haben einfach um sich geschossen, um sich die Langeweile zu vertreiben«, sagt Green. Das sei sogar auf Befehl der Kommandanten geschehen, meint ein anderer, »um Präsenz zu zeigen« – selbst mit »Maschinengewehren, Panzern und Mörsern«. Die Soldaten berichten weiter von Plünderungen und dem systematischen Niederbrennen palästinensischer Häuser: »Bevor ihr geht, brennt das Haus nieder – jedes Haus«, gibt einer die entsprechende Order wieder. Oft werden zivile Häuser vom israelischen Militär als temporäre Operationsbasis zweckentfremdet, eine Taktik also, die gemeinhin der Hamas vorgeworfen wird und als Rechtfertigung zur systematischen Zerstörung ziviler Infrastruktur gilt. Selbst das Einholen von Genehmigungen, um auf »Krankenhäuser, Kliniken, Schulen, religiöse Einrichtungen und Gebäude internationaler Organisationen« schießen zu dürfen, erklärt einer der Soldaten, »fühlt sich an wie eine reine Formalität«. Die Fälle, in denen den Soldaten die Genehmigung verweigert wurde, könne er »an einer Hand abzählen«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Stephan K. aus Neumarkt i.d.OPf. (10. Juli 2024 um 12:31 Uhr)
    Wenn die Russen das in der Ukraine täten, der ungeklärte Abgriff auf ein Krankenhaus, vermutlich ein Versehen, welcher Seite auch immer, langt schon für mehr Empörung als die fast komplette Zerstörung Gazas und seiner Menschen und Krankenhäuser, dann würden NATO Truppen wohl nicht nur im Geiste marschieren, oder die Bomber fliegen. Natürlich, ohne auch nur ein einziges ziviles Ziel zu treffen. Präzise, chirurgisch, humanitär wie im Irak und in Jugoslawien. Wie immer, wenn die Guten Krieg führen. Wenn da nicht die Sache mit den Atombomben wäre …

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