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Aus: Ausgabe vom 10.07.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
Klimawandel

Planet zu heiß, Kasse klingelt

Extreme Wetterereignisse in Serie, während Geschäfte mit fossilen Energieträgern brummen. Ganz vorn dabei: US-Vermögensverwalter
Von Wolfgang Pomrehn
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Helfer versuchen, einen Waldbrand in Stamata bei Athen, Griechenland, zu löschen

Seit Monaten scheint eine regelrechte Welle extremer Wetterereignisse um den Erdball zu schwappen. Erst am vergangenen Wochenende verwüstete Hurrikan »Beryl« Teile der texanischen Küste, indem er mit bis zu 300 Litern Niederschlag pro Quadratmetern für weitflächige Überschwemmungen sorgte, zahlreiche Bäume entwurzelte und Überlandleitungen reißen ließen. Drei Millionen Haushalte in Houston und Umgebung waren zeitweise ohne Strom. Zuvor hatte »Beryl« in der Karibik auf einigen Inseln wie Grenada schwere Verwüstungen angerichtet. Dort war er als Kategorie-5-Hurrikan auf Land getroffen, was die höchste Einstufung war. Nie zuvor wurde in der Region ein der­art schwerer Wirbelsturm so früh im Jahr beobachtet.

Die Ursache ist offensichtlich das besonders warme Meerwasser, aus dem tropische Wirbelstürme ihre Energie beziehen. Seit rund 14 Monaten ist die Oberflächentemperatur der Weltmeere auf einem nie zuvor gesehenen hohen Niveau. Ähnliches gilt für die globale Lufttemperatur, wie jW am Dienstag berichtete. Im südlichen Nordatlantik bestehen damit bei Wassertemperaturen von teils über 30 Grad Celsius ideale Bedingungen für die Entwicklung mächtiger tropischer Wirbelstürme.

Doch die Karibik ist nur ein aktueller Brennpunkt jüngster Wetter- oder besser Klimakatastrophen. Extreme Waldbrände in Sibirien, Kalifornien und im Amazonasbecken oder Überflutungen in Assam und Mumbai in Indien sind andere. Auch China wird gebeutelt. Seit Wochen wird der Norden von einer schweren Dürre geplagt, während der Süden unter schweren Niederschlägen und Überschwemmungen leidet. Mancherorts ist die Rede von den schlimmsten Überschwemmungen seit 1998.

Im Kreis Pinjiang, an einem südlichen Zufluss des Jangtse gelegen, war Anfang Juli gar von den schlimmsten Überschwemmungen seit 1954 die Rede. Der Pegelstand des Flusses stand rund sieben Meter über der Hochwassermarke. Viele Dörfer und größere Teile der Kreisstadt stehen unter Wasser. Derzeit ziehen die Unwetter nach Nordosten in die Provinzen zwischen Shanghai und Beijing weiter.

Beides zusammen, Dürren und Extremniederschläge, bedroht die Ernten. Im Süden sind viele Reisfelder mit Wasser gesättigt und im Norden wird der Ertrag von Weizen und Soja durch die Trockenheit dezimiert. Die Zahl derartiger Wetterereignisse werde in den nächsten Jahren zunehmen, hieß es Ende letzter Woche nach Angaben der in Hongkong erscheinenden Tageszeitung South China Morning Post auf einer Pressekonferenz des chinesischen Nationalen Klimazentrums. Das wachsende Risiko von Hitzewellen könnte künftig die Ernten deutlich dezimieren.

Die Klimakrise hat den Planeten also fest im Griff, und man sollte meinen, dass es Zeit zum Umsteuern wäre, Zeit, Investitionen und Subventionen nicht länger in die weitere Zerstörung des Klimas mit der Verbrennung von Kohle, Gas und Erdölprodukten zu stecken. Doch weit gefehlt. In Deutschland wurden der Straßenverkehr und der Verbrauch fossiler Energieträger in der Industrie auf diversen Wegen 2018 mit rund 65 Milliarden Euro subventioniert, hat das Umweltbundesamt ausgerechnet. Geändert hat sich seitdem wenig. Eine Greenpeace-Studie ergab letztes Jahr, dass der hiesigen Industrie vom Fiskus allein rund zehn Milliarden Euro jährlich als Ausgleich für die CO2-Bepreisung geschenkt werden.

Da wundert es nicht, dass die großen Kapitale weiter auf den fossilen Sektor setzen, wenn der Staat soviel für den Erhalt seiner Profitabilität springen lässt. Das zeigt auch eine soeben veröffentlichte Studie über das Finanzgebaren institutioneller Anleger aus aller Welt. Die deutsche Nichtregierungsorganisation Urgewald hat dafür mit 17 Partnerorganisationen die Anlagen von 7.500 Pensionsfonds, Versicherern, Vermögensverwaltern, Hedgefonds, Staatsfonds, Stiftungsfonds und Vermögensverwaltungstöchtern von Geschäftsbanken unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Ein Vermögen von 4,3 Billionen US-Dollar (vier Billionen Euro) haben diese Anleger in Unternehmen gesteckt, die ihr Geschäft direkt oder indirekt mit Kohle, Öl oder Erdgas machen. Die große Mehrzahl dieser Unternehmen – auch das wurde untersucht – expandiert sogar noch weiter, das heißt, es werden neue Lagerstätten erschlossen, Pipelines gebaut, Flüssiggasterminals errichtet, Probebohrungen abgetäuft und so weiter. Fast vier Billionen US-Dollar (fast 3,7 Billionen Euro) haben die genannten Anleger in derartige Firmen investiert.

Katrin Ganswindt, Leiterin der Finanzrecherche bei Urgewald, sieht vor allem in der fortgesetzten Expansion der fossilen Branche ein großes Problem und verweist auf die sich verschärfende Klimakrise. Ganswindt: »Wenn institutionelle Anleger weiterhin expandierende Kohle-, Öl- und Gasunternehmen unterstützen, ist der rechtzeitige Ausstieg aus fossilen Brennstoffen unmöglich. Die Investoren müssen dem fatalen fossilen Ausbau sofort einen Riegel vorschieben.«

Die Liste der großen Klimaverbrecher wird – wenig überraschend – von vier US-Vermögensverwaltern angeführt, und zwar von Vanguard, Blackrock, State Street und Capital Group. Zusammen halten sie laut Urgewald 1,1 Billionen US-Dollar (eine Billion Euro) in den fossilen Industrien. Deutsche institutionelle Anleger folgen auf der Rangliste erst auf Platz 30 (Deutsche Bank) und Platz 31 (Allianz), die zusammen immerhin rund 40 Milliarden Euro in fossile Aktien und Anleihen halten, und das, obwohl die Allianz seit Jahren deutlich und sehr fundiert vor den Folgen des Klimawandels warnt. So ist er, der Wertewesten.

Hintergrund: Aussichtslos

In Deutschland werden noch immer rund acht Tonnen CO2-Äquivalente pro Einwohner und Jahr in die Luft geblasen. Das sind rund doppelt so viele wie der globale Durchschnitt. Jahr für Jahr geht das so, und diese Treibhausgase reichern sich in der Atmosphäre an. Rund die Hälfte der Emissionen wird auch in 1.000 oder noch mehr Jahren für ein wärmeres Klima sorgen. Es geht daher nicht allein darum, die Emissionen in 20 Jahren tatsächlich auf null heruntergefahren zu haben. Sie müssen auch möglichst rasch reduziert werden, damit die sich bis dahin anreichernde Menge so gering wie möglich gehalten werden kann.

Hierzulande aber wird seit Jahrzehnten hauptsächlich mit dem Finger auf andere gezeigt. Im Straßenverkehr etwa sind die Emissionen nach wie vor so hoch wie 1990. Inzwischen macht er in Deutschland rund ein Fünftel des Problems aus, obwohl es mittlerweile fast 40 Jahre her ist, dass in Westdeutschland Meteorologen und Physiker die Öffentlichkeit wie die Regierung vor dem warnten, was auf uns zurollt.

Derweil ist die globale Erwärmung so weit fortgeschritten, dass schon in wenigen Jahren die ersten sogenannten Kipppunkte erreicht werden, an denen sich einzelne Teile des Klimasystems auf die schiefe Ebene begeben. Das Absterben der tropischen Korallenriffe hat sogar bereits begonnen. Auch der westantarktische Eisschild könnte bereits unwiederbringlich destabilisiert sein. Wenn nicht, dann braucht es wie für das grönländische Eisschild nur ein, zwei, maximal drei Zehntel Grad Celsius weiterer Erwärmung. Dürren und schwere Überschwemmungen könnten schon bald die ohnehin bereits gefährlich hohen Weltmarktpreise für Lebensmittel weiter ansteigen lassen.

Die Lösungen liegen auf der Hand, allein ihre rechtzeitige Umsetzung scheint kaum möglich in einem Land, wo die Umsetzung eines Tempolimits auf den Autobahnen ein Politikum ist. Auch ein solches würde ohne größere Kosten die Emissionen etwas weiter senken, abgesehen vom erfreulichen Effekt, dass die Zahl der Unfallopfer sinkt. Statt dessen werden die öffentlichen Verkehrssysteme vernachlässigt, Investitionen in die Schiene zusammengestrichen, während Milliarden Euros für die Subventionierung des Flugverkehrs und den meist besonders umweltschädlichen Dienstwagen verschenkt werden. Auch der Autobahnbau verschlingt weiter Milliarden, während man das 49-Euro-Ticket gegen die Wand fahren will.

Und wieso der ganze Irrsinn? Die Antwort ist simpel: Mit dem Ruinieren des Klimas lässt sich noch immer sehr viel Geld verdienen. BMW machte 2023 einen Gewinn nach Steuern von 12,2 Milliarden Euro. Bei der Porsche AG waren es 6,8 Milliarden Euro, bei VW weitere 17,9 Milliarden Euro. (wop)

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  • Leserbrief von Georg F. aus Heidelberg (10. Juli 2024 um 12:53 Uhr)
    Diese guten Artikel von W. Pomrehn hätte man sich vor 30 Jahren gewünscht. Da gab es nicht nur rechte »Denier«, die sich bis heute als Trump/AfD-Anhänger noch halten. Es gab ganze »subversive« linke Gruppen als »Denier«. Techno-Szenen verhöhnten »Ökos«, deren »uncoole Latzhosen« z. B. ihnen oder »Anti«deutschen wichtiger als Fakten waren. Pose ersetzte Widerstand. Es stimmt immer noch nicht, dass in Deutschland pro Kopf/Jahr 8 Tonnen CO2 usw. verbraucht werden. Allein die nur-westliche Sucht, die 800 Millionen Menschen oder ein paar mehr treibt, auf Kosten der wirklich Armen der Erde, jeden Brückentag zum nächsten Flug, gern weit weg zu nutzen, führt zu rund 20 Prozent mehr Verbrauch an fossiler Energie. Steuerfrei! Keine Kerosinsteuer, keine Mehrwertsteuer. 11 Milliarden schenkt der Staat den Vielfliegenden im Kapitalismus. In Deutschland sind es 10 bis 11 Tonnen pro Kopf, die verbraucht werden. Infos sind schwer zu finden. Jede Suche führt zum Gesäusel vom »ökologischen Fliegen« in endlosen Variationen, z.B. von Ralf Fücks bis Airbus und zurück. Die Idee dahinter war nach den Nazis: Die Leute sollten von allen Steuern befreit fliegen, um rassistische Vorurteile zu mildern. Es konnten sich aber nur Reiche Flüge leisten. USA und zurück kostete 10 bis 20.000 Mark. Das war auch die Falle für viele Linke: »ist doch besser, man kommt für 269 Euro nach USA, dann Thailand, Bali, Südsee, Chile usw. So können auch Arme fliegen«. Ja, aber nicht 7 Milliarden wirklich Arme … Und von Klimazerstörung wusste man 1945 noch kaum was. Das Luxusfliegen wird in keiner Statistik mitgezählt. Das Ignorieren der Fakten geht weit in Klimagruppen hinein. Influencerinnen reden seit Jahren drumrum. Verbrätst du 10 bis 50 Tonnen/Jahr allein mit Urlauben: »Die Einzelnen zählen nicht!« Schreit einer rassistisch – sofort wehren wir uns. Zurecht! Den Selbstwiderspruch bemerkt niemand, seit 1990. Wo sind die »post colonial« Leute, die ihr eigenes Luxusfliegen auch für 7 Milliarden Ärmere fordern! Auf gehts!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (11. Juli 2024 um 10:44 Uhr)
      Auffällig ist schon, dass viele Leute den Flugverkehr problematisieren, jedoch über den alltäglichen Wahnsinn auf den Straßen und Autobahnen kein Wort verlieren. »11 Milliarden schenkt der Staat den Vielfliegenden im Kapitalismus«. Wie viel schenkt der Staat den Autofahrern? »Laut Umweltbundesamt subventioniert der deutsche Steuerzahler und die deutsche Steuerzahlerin das automobile System mit rund 17 Milliarden Euro pro Jahr – und dass nur für Dieselsubventionierung, Entfernungspauschale, das Dienstwagenprivileg und die Förderung von Biokraftstoffen« (Focus, 03.02.2023). Nicht mitgerechnet der Bau und Unterhalt von Straßen und Autobahnen. Nicht mitgerechnet der gigantische Aufwand beim Bau von Parkplätzen, Parkhäusern, Tiefgaragen usw. Nicht mitgerechnet die Kosten für die Rehabilitation der Schwerverletzten: 52 902 Menschen im Jahr 2023. Pro Tag wurden im Jahr 2023 durchschnittlich 8 Menschen auf deutschen Straßen getötet, 145 schwer- und 859 leichtverletzt (Statistisches Bundesamt). Dass das Flugzeug das sicherste und das Auto das unsicherste Verkehrsmittel ist, sei hier nur am Rande erwähnt.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (10. Juli 2024 um 14:25 Uhr)
      Bitte weiter mit solchen nachdenklichen Zeilen! Auch im linken Spektrum gibt es kaum eine Vorstellung davon, wie parasitär die uns vom Profitwahn vermittelte und als gewohnt bezeichnete Lebensweise in den entwickelten Ländern ist. Vergeudung allerorten – weil es sich deutlich mehr lohnt, die Welt sinnlos aufzubrauchen, statt sie zu bewahren. Wir haben nur eine Erde. Was sinnlos vertan wird, fehlt heute schon allerorten. Von den Lebensbedingungen künftiger Generationen gar nicht zu reden.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (10. Juli 2024 um 16:49 Uhr)
        Das Dumme ist halt: »Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.« Sehr viele, die sich als »Linke« verorten, tun sich schwer damit, den Klimawandel überhaupt und erst recht als menschengemacht zu akzeptieren. Ob Meinungsäußerungen in Leserbriefen in dieser Zeitung oder in »gehobenen« theoretischen Abhandlungen: Als zentrales Thema ist der Kampf gegen den Klimawandel in der Linken noch nicht so recht angekommen, geschweige denn verzichts- oder wachstumskritische Debatten. Die muss übrigens weit über die Kritik von sinnlos Vertanem hinausgehen!

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