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Aus: Ausgabe vom 09.07.2024, Seite 2 / Ausland
Putschversuch in Bolivien

»Das Volk kennt die Geschichte«

Bolivien: Putschversuch scheiterte an fehlendem Rückhalt in der Bevölkerung. Justiz ermittelt gegen Finanziers. Ein Gespräch mit Jorge Ledezma Cornejo
Interview: Thorben Austen, Quetzaltenango
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Präsident Luis Arce (oben, Mitte) begrüßt seine Anhänger vom Balkon des Regierungspalastes in La Paz (26.6.2024)

Bolivien erlebte am 26. Juni den Putschversuch einer Gruppe von Militärs. Hatte sich dieser gescheiterte Coup angekündigt?

In den Tagen vor dem Putsch hatte sich der General Juan José Zúñiga an die Öffentlichkeit gewandt und angekündigt, er würde eine erneute Präsidentschaftskandidatur von Expräsident Evo Morales für die Wahlen 2025 verhindern. Darauf kam es zu Gesprächen mit Präsident Luis Arce, der als Staatschef auch der oberste Befehlshaber der Armee ist. In diesem Treffen bot Zúñiga eine öffentliche Entschuldigung an und erklärte, die Konsequenzen für seine Äußerungen zu tragen.

Offensichtlich war dies aber nur Taktik. Am besagten Tag gegen 14 Uhr Ortszeit versammelten sich bewaffnete Soldaten auf der Plaza Murillo vor dem Präsidentenpalast, angeführt von Zúñiga und den Oberbefehlshabern von Luftwaffe und Marine. Mit einem Panzerfahrzeug zerstörten sie die Eingangstür zum Präsidentenpalast und drangen in den Palast ein, wo – wie jeden Mittwoch – eine Kabinettssitzung vom Staatspräsidenten mit seinen Ministern stattfand.

Der Putschversuch brach innerhalb weniger Stunden zusammen. Die beteiligten Militärs konnten verhaftet werden. Wie wenig Rückhalt hatten diese?

Ich glaube, von den zwölf Millionen Bolivianern gab es keinen einzigen, der an diesem Tag hinter dem Putschversuch stand. Alle Bolivianer waren sich einig in der Verteidigung der Demokratie und des mit großer Mehrheit demokratisch gewählten Präsidenten Luis Arce. Es gab sofort große Demonstrationen. Dann gab es die internationalen Reaktionen, viele Staatschefs weltweit, die teilweise schon Minuten nach den Vorgängen diese verurteilten und zur Verteidigung der Demokratie aufriefen.

Wie viele involvierte Militärangehörige sind derzeit in Haft?

Zur Zeit sind 21 beteiligte Militärs inhaftiert. Es laufen Dutzende weitere Ermittlungen gegen weitere Beteiligte, die Drahtzieher und Finanziers.

Die jüngere Geschichte Lateinamerikas ist nicht arm an Staatsstreichen mit direkter oder indirekter Beteiligung der USA. Im Fall des 26. Juni verurteilte Washington diesen Umsturzversuch offiziell.

Wir sind uns im klaren darüber, dass wir diesen Putschversuch nicht losgelöst von internationalen Interessen sehen können. Es könnten weitere, auch härtere Schläge folgen. Die Mobilisierung des Volkes unmittelbar nach dem Putschversuch auf der Plaza Murillo und in Cochabamba, einer der kämpferischsten Regionen des Landes, hat aber gezeigt: Das Volk hat Bewusstsein und kennt die Geschichte. Bolivien hat einen immensen Reichtum, und das sind unsere Lithiumvorkommen. Selbstverständlich stehen diese im Blickpunkt der Interessen der USA und ihrer Botschaft. Wie unser ehemaliger Präsident Evo Morales einmal sagte: Es gibt nur ein Land auf der Erde, in dem die USA nicht putschen, und das sind die USA selbst, weil es dort keine US-Botschaft gibt.

Am 26. Juni standen Präsident Luis Arce und Expräsident Evo Morales geschlossen. Doch es gibt schon länger Konflikte zwischen beiden, innerhalb der Regierungspartei »Bewegung zum Sozialismus – Politisches Instrument für die Souveränität der Völker«, MAS-IPSP. Arce und Morales wollen offenbar für das Präsidentenamt 2025 kandidieren. Was sind die Ursachen für den Konflikt?

Die MAS-IPSP ist die größte Partei in Bolivien. Wir als Basis hoffen, dass Luis Arce und Evo Morales ihre Konflikte schnell beilegen und wir zur Einheit zurückkehren können. Mit ihr konnten wir die Regierung stellen und den Transformationsprozess der vergangenen Jahre beginnen. Wir haben in den vergangenen 16, 17 Jahren mit unserem wirtschaftlichen Modell der produktiven sozialen Gemeinschaften viel erreicht. Dieses Modell haben wir selbst entwickelt; niemand hat uns gesagt, wie das zu verwirklichen ist. Wir konnten damit bereits Beispiel für andere Länder sein. Die Basis der MAS-IPSP sind die sozialen Bewegungen. Aber ein solches Projekt braucht eine Identifikationsfigur. Da liegt im Moment der Streit.

Wie ist die wirtschaftliche Situation Boliviens?

Es ist das Land mit der zweitniedrigsten Inflation in ganz Südamerika. Es gibt einige Probleme beim Export. Regierung und Wirtschaftsministerium arbeiten aber mit der privaten Wirtschaft an einer Lösung. Vergessen Sie nicht: Präsident Luis Arce ist studierter Ökonom und der Architekt unseres eigenen Wirtschaftsmodells.

Jorge Ledezma Cornejo ist Generalkonsul Boliviens in der peruanischen Hauptstadt Lima

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