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Aus: Ausgabe vom 06.07.2024, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Anna Seghers

»Ich war schon als Kind stolz, eine bekannte Schriftstellerin als Urgroßmutter zu haben«

Über das Thema des Krieges im Theater, den Konflikt in Nahost aus mexikanischer Perspektive und Anna Seghers als Inspiration. Ein Gespräch mit Netty Radványi
Interview: Willie und Frank Schumann
Netty_Anna Seghers, 1979 Kopie2.jpg
Anna Seghers mit Urenkelin Netty Radványi 1979

Soeben hat Mexiko erstmals eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt. Und am 28. August wird Ihre Freundin, die mexikanische Übersetzerin der Werke von Anna Seghers, Claudia Cabrera¹, in Weimar mit der Goethe-Medaille geehrt. Außerdem bringen Sie in Mexiko ein Werk ihrer Urgroßmutter auf die Bühne, das sie 1944 im Exil geschrieben hat … Sind die Frauen in einer sehr männerdominierten Gesellschaft auf dem Vormarsch?

Ich hoffe es.

Sie leben seit etlichen Jahren in Mexiko, sind aber in Frankreich geboren, aufgewachsen, haben dort Geschichte und Politikwissenschaft studiert und als Zirkusartistin, Regisseurin und Filmemacherin gearbeitet. In Mexiko desgleichen. Von 2018 bis 2023 haben Sie auch am »Cirko de Mente« Kunst- und Zirkusgeschichte, Akrobatik und kreative Methodik unterrichtet. Alles für Anna?

Das wäre wahrlich ein wenig übertrieben, auch wenn ich mich schon lange mit dem Werk meiner Urgroßmutter beschäftige. Mit 14 haben mich meine theaterbesessenen Eltern in Paris in ein dokumentarisches Stück über Anna Seghers (1900–1983, jW) mitgenommen. Das war so etwas wie ein Schlüsselerlebnis. Es hat mich sehr berührt und motiviert. Der Wunsch wurde noch verstärkt, als ich nach Mexiko kam, wo sie sechs Jahre mit der Familie im Exil gelebt hatte. Sie war etwa so alt wie ich jetzt, also Mitte vierzig, als sie 1944 die Erzählung »Der Ausflug der toten Mädchen« schrieb. Das hat uns gereizt.

Uns?

Das waren Claudia Cabrera und Micaela Gramajo, eine mexikanisch-argentinische Regisseurin mit einer ähnlichen Familiengeschichte wie ich, also mit osteuropäischen Juden und Kommunisten als Vorfahren. Wir haben gemeinsam den Originaltext von Anna Seghers studiert und analysiert und daraus dieses Stück entwickelt.

Die Erzählung »Der Ausflug der toten Mädchen« ist autobiographisch. Netty, die Ich-Erzählerin, reflektiert die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, zwischen den beiden großen Kriegen und während des laufenden, und sie betrachtet ihr eigenes Dasein im Exil. Es ist die Zeit der Judenverfolgung und des faschistischen Terrors in Europa. Netty ist Jüdin und darum unmittelbar Opfer des rassistischen Verfolgungswahns der Nazis. Ihre Freundinnen und Bekannten sowie viele andere überleben den Naziterror nicht. Die Erzählung ist Anklage und Friedensappell in einem, das Hohelied auf Humanismus schlechthin. Oder was lesen Sie aus dem Text Ihrer Urgroßmutter?

Das ist ein zutiefst pazifistischer Text, der den Krieg in jeder Form als Verbrechen anprangert und verurteilt. Bei der letzten Bearbeitung der Theaterfassung war es Micaela und mir nicht möglich, darüber zu reden, ohne das Drama zu erwähnen, das sich derzeit zwischen Israel und Palästina abspielt. Wir mussten versuchen, den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus verständlich zu machen. Für uns, unsere Familien und viele Menschen mit jüdischem, aber säkularem Hintergrund sind das zwei sehr unterschiedliche Dinge, die aber derzeit von Medien und Politikern – aus Unwissenheit oder mit Vorsatz – gern miteinander vermengt werden. Der Text meiner Urgroßmutter und unsere Inszenierung ermöglichen es uns, dies sichtbar zu machen.

Wie eben auch die antifaschistische und antimilitaristische Botschaft, die in dieser Geschichte zum Ausdruck kommt. Ich verurteile diesen Krieg in Nahost und die völkermörderische Haltung der derzeitigen israelischen Regierung, wie ich auch die Verbrechen der Hamas verurteile.

Sie haben auch Geschichte studiert.

Eben deshalb macht es mich traurig und wütend zugleich, dass sich Völker im 21. Jahrhundert noch immer wegen Religionen und Territorien gegenseitig abschlachten. Wir haben versucht, all diese Verbrechen so künstlerisch und so feinfühlig wie möglich anzuprangern, nachdem wir mit allen am Stück Beteiligten darüber gesprochen hatten. Es ist ein heikles, brisantes Thema, auch wenn wir das Glück haben, in Mexiko zu sein, einem Land, das von diesem Konflikt ziemlich weit entfernt ist, über den wir hier aber völlig offen diskutieren können.

Daraus schließe ich, dass die Debatte anders läuft als etwa in Deutschland. Wegen der Schoah – also der deutschen Schuld – wird vorbehaltlos alles gebilligt und unterstützt, was der Staat Israel unternimmt. Das ist Staatsräson in Deutschland. Wer sich gegen die aggressive Politik der Netanjahu-Regierung stellt und sich mit den Palästinensern solidarisch zeigt, wird des Antisemitismus bezichtigt.

Nach meinem Eindruck ist die öffentliche Meinung in Mexiko mehrheitlich propalästinensisch. Mexiko war ein kolonisiertes Land, und auch der Neokolonialismus ist hier ein sehr sensibles, aber virulentes Thema. Die offizielle Haltung ist darum auch nicht so klar, wie im übrigen bei anderen außenpolitischen Themen auch nicht. Da passt Mexikos Regierung sich den Positionen der USA oft an. Vielleicht ändert sich das jetzt ein wenig.

Lassen Sie uns auf Ihre berühmte Urgroßmutter kommen. Ihr Vater Jean Radványi ist der Sohn von Peter Radványi (1926–2021), der als Kernphysiker in Frankreich lebte und dort Pierre hieß. Das Verhältnis zwischen den beiden soll ein wenig angespannt und distanziert gewesen sein?

Ja, Peter und dessen Frau ließen sich scheiden, als mein Vater noch klein war, und weil Pierre ziemlich schnell wieder eine neue Familie gründete. Aber Tschibi …

Tschibi?

Das war der Spitzname von Netty, also meiner Urgroßmutter Anna Seghers, die ursprünglich Annette (»Netty«) Reiling hieß. Sie war da souverän, hielt unverändert die Verbindung mit beiden, korrespondierte mit ihnen und lud sie regelmäßig nach Berlin ein. So kam auch ich in die DDR. Ich erinnere mich an ein Haus in Prieros (Ortsteil der amtsfreien Gemeinde Heidesee im Landkreis Dahme-Spreewald in Brandenburg, jW), wo wir Urlaub machten.

Welche Rolle spielte Anna Seghers in Ihrer Familie?

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Netty Radványi

Eine wichtige. Sie wurde bewundert und verehrt. Und ich war schon als Kind stolz, eine bekannte Schriftstellerin als Urgroßmutter zu haben. Ich bin zu Hause mit Büchern aufgewachsen, es gab auch ein spezielles Regal nur mit Büchern von Anna Seghers. Mein Vater gab sie mir zu lesen, als ich Teenager war. Die Vorfahren meiner Mutter waren in den Vernichtungslagern der Nazis umgebracht worden. Da gab es nicht viel zu berichten. Wohl aber über die andere Linie. Vater erzählte viel, noch mehr erfuhr ich aber von meinem Großvater Pierre. Unser Verhältnis war sehr gut. Wohl weil ich sein erstes, also ältestes Enkelkind war, und weil ich den Vornamen seiner Mutter trug: Netty. Wir besuchten oft japanische Restaurants im Pariser Quartier Latin, als ich dort studierte, und dann erzählte er von ihr.

Besaßen Sie oder Ihre Eltern noch persönliche Gegenstände, die Sie von Anna Seghers bekommen haben?

In der Pariser Wohnung meiner Eltern, in der aufgewachsen bin und in der sie inzwischen fast ein halbes Jahrhundert leben, gibt es einige Fotos, darunter jenes von 1979, auf dem mich meine Urgroßmutter als Säugling auf dem Arm hält. Die Wohnung gleicht inzwischen einem Museum, meine Eltern – Intellektuelle und Kommunisten – sind viel gereist und sammelten alles mögliche. Aber ob dort auch Erinnerungsstücke von Anna Seghers sind, ich weiß es nicht. Allerdings ist mein Vater gerade dabei, unveröffentlichte Briefe und Texte von seiner Großmutter zu übersetzen, die er im Nachlass seines 2021 verstorbenen Vaters Pierre gefunden hat.

Anna Seghers floh mit ihren beiden Kindern aus dem von Nazideutschland besetzten Paris, kam im März 1941 via Marseille, Martinique und New York nach Mexiko², sechs Jahre später kehrte sie nach Berlin zurück. Da wird sie gewiss nicht viel Gepäck dabeigehabt haben.

Großvater erzählte, dass sie in Paris 1940 in einer Möbelkammer einige persönliche Sachen und Bücher zurückgelassen hatten, von denen er nach ihrer Rückkehr nach Europa einiges an seine Mutter nach Berlin geschickt hätte, anderes sei in Paris geblieben. Soweit ich weiß, haben sie nichts in Mexiko zurückgelassen.

Gibt es in der Stadt Orte, die an Ihre Urgroßmutter erinnern?

Die Familie hat unter verschiedenen Adressen in Mexiko-Stadt gewohnt. Als ich 2015 zum ersten Mal in die Stadt kam, habe ich versucht, sie ausfindig zu machen. Das war nicht so einfach in dieser riesigen Metropole, die sich schnell verändert, in der Straßen umbenannt und Häuser neu errichtet werden. 1985 hatte es zudem das stärkste Erdbeben in der Geschichte des Landes gegeben. Es gibt in einigen Vierteln noch Häuser aus dem frühen 20. Jahrhundert, aber ein Wohnhaus, in dem meine Urgroßmutter und ihre Familie gelebt haben, fand ich nicht mehr.

Erinnert man sich im heutigen Mexiko noch an die deutschen Exilanten, an das, was sie hier taten?

Die deutschen Exilanten kehrten mehrheitlich nach dem Krieg nach Europa zurück, nur wenige blieben und wurden assimiliert. Aber die Erinnerung an diese Gruppe lebt auch durch Projekte, wie wir sie jetzt mit Anna Seghers und ihren Werken verfolgen.

Ist es ein Problem, dass Anna Seghers eine bekennende Kommunistin war?

Für meine Familie nicht. Es erfüllt uns eher mit Stolz, dass die große Mehrheit der Familie Kommunisten oder deren Sympathisanten waren. Auch in Frankreich herrschte Kalter Krieg, aber in seinen Auswirkungen war er nicht so gravierend wie in den USA oder in Deutschland. In Mexiko hat mir der kommunistische Hintergrund meiner Familie eher Türen geöffnet als versperrt. Allerdings soll nicht verschwiegen sein, dass es Jahrzehnte zuvor ziemlich harte, mitunter blutige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen kommunistischen Fraktionen gegeben hat – auch innerhalb der deutschen Exilgemeinde. Ich denke, dass dies meinen Großvater – also Anna Seghers Sohn – davon abgehalten hat, in Frankreich in die Politik zu gehen und er sich lieber der Wissenschaft widmete.

Für Anna Seghers, deren jüdische Mutter ebenfalls von den Nazis deportiert worden war, hieß es, alle Menschen sind gleich im Sinne der Französischen Revolution: Liberté, Égalité, Fraternité. Die Gleichen müssen sich zusammenschließen, um gemeinsam die Ungerechtigkeit auf dieser Welt zu überwinden. Vor Gott sind alle Menschen gleich, lehrte die Bibel – die Aufklärung sagte hingegen: nicht nur vor Gott! Lesen Sie das auch aus diesem Text?

Ja, ich finde das kommunistische Ideal in diesem Text wieder, wenngleich auch etwas weniger deutlich als in anderen Texten von ihr. Tschibi ergreift hier nicht Partei, sondern versucht nur zu verstehen, wie das alles passieren konnte. Alle Personen offenbaren in ihrem menschlichen Handeln die Absurdität des Krieges, es macht sie für mich schön und stark. Das alles zeigt, welch große, humanistische Schriftstellerin meine Urgroßmutter war. Geprägt von der biblischen und der klassischen Kultur, der kommunistischen Bewegung und den Philosophen der Aufklärung, sie selbst war ja eine promovierte Philosophin. Wegen ihrer Haltung und ihrer Überzeugung haben die Nazis auch ihre Bücher erst verboten, dann verbrannt.

Vor genau 100 Jahren – 1924 – hat Ihre Urgroßmutter in Heidelberg promoviert. Kennen Sie das Thema der Dissertation?

Ja, »Jude und Judentum im Werke Rembrandts«. Da steckt schon alles drin, worüber wir sprachen.

Sie wollen mit dem Theaterstück »Der Ausflug der toten Mädchen« nach Europa kommen. Bringen Sie Ihre mexikanische Theatergruppe mit?

Das möchte ich gern. Es gibt im Stück die Netty in drei Lebensphasen. Die jüngste Darstellerin ist 16, sie arbeitet seit zwei Jahren an diesem Projekt. Sie besucht das deutsche Gymnasium in Mexiko-Stadt, ihre Mutter ist eine Deutsche. Die zweite Netty bin ich, ich spiele faktisch meine Urgroßmutter, als sie in meinem aktuellen Alter war. Und die dritte Netty-Darstellerin ist über siebzig und hat am Lycée français de Mexico studiert – jener Einrichtung, die damals mein Großvater Pierre Radványi besucht hat. Und die Koregisseurin Micaela Gramajo spielt auch mit … Mir scheint es schwierig, sie zu ersetzen. Aber vielleicht wäre es interessant zu mischen, also mexikanische und deutsche Darsteller zusammenzubringen. Dieses Problem scheint mir leichter zu lösen als den Krieg in Nahost und in der Ukraine zu beenden. Ich hoffe nur, dass das nicht in einen dritten Weltkrieg mündet.

Netty Radványi ist die Urenkelin von Anna Seghers, geboren 1979 in Frankreich. Sie lebt in Mexiko, arbeitet als Theaterregisseurin und Filmemacherin. Mit der mexikanischen Inszenierung von Anna Seghers’ »Der Ausflug der toten Mädchen« plant sie 2025 Aufführungen in Deutschland

¹ Claudia Cabrera, Jahrgang 1970, arbeitet aktuell an der Neuübersetzung von Werken Anna Seghers, die zum Teil während des Exils in Mexiko entstanden sind. Bereits erschienen sind »Transit« und »La séptima cruz« (»Das siebte Kreuz«). 2020 wurde Cabrera für ihre Übersetzung von Arnold Zweigs antifaschistischem Roman »Das Beil von Wandsbek« von der mexikanischen Regierung und dem Nationalen Institut für Schöne Künste und Literatur ausgezeichnet.

² Im 1980 bei Reclam, Leipzig, erschienenen vierten Band von »Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933–1945« berichtete Wolfgang Kießling über Emigrantenschicksale in Lateinamerika, darunter ausführlich auch über Anna Seghers. Im gleichen DDR-Verlag erschien auch die Dissertation von Annette Reiling (Anna Seghers) aus dem Jahr 1924: »Jude und Judentum im Werk Rembrandts«.

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