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Aus: Ausgabe vom 04.07.2024, Seite 6 / Ausland
Westjordanland

Landraub schreitet voran

Westjordanland: Attacken von Siedlern nehmen zu. Israelische Behörden genehmigen größte Landnahme seit Jahrzehnten
Von Jakob Reimann
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Zerstörung nach einem israelischen Angriff auf das Flüchtlingslager Nur Shams im Westjordanland (Tulkarm, 1.7.2024)

Die Angriffe auf das Dorf halten an: Nach der Zerstörung mehrerer Häuser durch das israelische Militär attackierten radikale israelische Siedler am Montag die Bewohner von Umm Al-Khair im Süden des Westjordanlandes in den besetzen palästinensischen Gebieten. »Die Siedler griffen uns an und verletzten sechs Leute mit Tränengas«, beschreibt der Lehrer Awdah Hathaleen am Montag abend gegenüber junge Welt die Angriffe im Dorf; auch hätten sie mit scharfer Munition geschossen. »Wir brauchen dringend Hilfe«, so Hathaleen weiter. Das Dorf sei »voller Armee und Polizei«, vor denen sich die Bewohner nicht schützen könnten.

Israelische Siedler hatten auch das Haus des Aktivisten Alaa Hathaleen und seiner Familie in Umm Al-Khair angegriffen, berichtet das Onlineportal Middle East Eye. Demnach haben die Siedler Hathaleen sowie vier Frauen aus der Familie geschlagen. Ein in den sozialen Medien veröffentlichtes Video soll zeigen, wie die Angriffe unter dem Schutz israelischer Soldaten stattfanden. Statt der Angreifer sei der angegriffene Hathaleen von den Soldaten festgenommen worden. Das zumeist von beduinischen Schäfern bewohnte Umm Al-Khair befindet sich in der Region Masafer Yatta nahe Hebron im südlichen Teil des besetzten Westjordanlands und steht unter vollständiger ziviler und militärischer Kontrolle Israels. Das strategisch wichtig gelegene Areal wurde 1993 als »Feuerzone 918« ausgewiesen und dient dem Militär als Übungsgelände. Sämtlichen Dörfern droht nach einem Urteil des Obersten Gerichts die Räumung.

Am Mittwoch vergangener Woche wurden elf Häuser in Umm Al-Khair von israelischem Militär mit Bulldozern zerstört. Der britische Guardian veröffentlichte ein Video, in dem Szenen der Zerstörung zu sehen sind. 50 Personen wurden dadurch obdachlos, die nun in provisorisch errichteten Zelten unterkommen. Außerdem wurde ein Drittel der Infrastruktur des Dorfes vom israelischen Militär zerstört, darunter Stromgeneratoren, Solarpaneele und Wassertanks. Auch das Haus des Künstlers und Aktivisten Eid Suleman wurde abgerissen. Suleman betrachtet den Abriss als Bestrafung, da er sich vehement »gegen die Besatzung ausspricht«, erklärte er gegenüber dem Onlinemagazin The New Arab. Zwei Jahre zuvor war sein Vater Suleiman Hathaleen getötet worden. Israelische Soldaten hatten den 73jährigen mit einem Abschleppwagen überfahren.

Israel behauptet, die Abrisse dienten der »nationalen Sicherheit«. Doch die Beseitigung des Dorfes kommt wohl auch der Erweiterung der unmittelbar neben dem Dorf liegenden israelischen Siedlung Karmel entgegen. Auch in anderen Orten im Westjordanland wurden am Mittwoch vergangener Woche mehrere Wohnhäuser zerstört, unter anderem in Jericho, Ramallah und Jerusalem.

Seit Beginn des Krieges in Gaza am 7. Oktober ist auch die Zahl der Tötungen im Westjordanland stark gestiegen. Nach Angaben der UN wurden seit Beginn der Zählung im Jahr 2008 insgesamt 1.530 Palästinenser von israelischen Einsatzkräften und Siedlern getötet. Weit mehr als ein Drittel davon allein in den letzten neun Monaten.

Unterdessen haben israelische Behörden die größte Beschlagnahmung von palästinensischem Land im besetzten Westjordanland seit Unterzeichnung des ersten Oslo-Abkommens im Jahr 1993 genehmigt, wie Associated Press am Mittwoch unter Berufung auf die israelische Friedensorganisation Peace Now berichtete. Demnach seien 12,7 Quadratkilometer Land im Jordantal nordöstlich von Ramallah beschlagnahmt worden. Indem die israelische Regierung das Gebiet zu staatlichem Land erklärt hat, sei nun der Weg für die Verpachtung an Israelis offen, während palästinensischer Privatbesitz verboten bliebe. Der andauernde Landraub und die israelische Besiedlung des Westjordanlands, die von der ultrarechten Netanjahu-Regierung vehement vorangetrieben wird, gelten als zentrales Hindernis für eine friedliche Lösung des »Nahostkonflikts«.

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