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Aus: Ausgabe vom 29.06.2024, Seite 12 / Thema
Röhm-Affäre

Verkürzte Querfront

Im Frühjahr 1934 befand sich das Hitler-Papen-Kabinett in der Krise. Kreise um Kurt von Schleicher schmiedeten Pläne zur Regierungsumbildung. Zur engeren Vorgeschichte des 30. Juni 1934 (Teil 1)
Von Reinhard Opitz
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Rivalen bis aufs Messer: Hermann Göring und Ernst Röhm (vor der Feldherrnhalle in München am 9. November 1933)

Vom frühen Morgen des 30. Juni 1934 bis zum 2. Juli regierte in Deutschland der Mord. SS und Gestapo töteten auf Anweisung des Reichskanzlers Adolf Hitler, des preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring und des Chefs der politischen Polizei Heinrich Himmler fast alle höheren SA-Führer, darunter Hitlers Duzfreund, den SA-Stabschef Ernst Röhm, ferner den langjährigen »zweiten Mann« der NSDAP, Gregor Strasser, den früheren Reichskanzler und Reichswehrminister Kurt von Schleicher, dessen engsten Vertrauten General Ferdinand von Bredow sowie Edgar Julius Jung, enger Mitarbeiter von Vizekanzler Franz von Papen. Namentlich nachgewiesen sind 90 Ermordete, insgesamt könnten es bis zu 200 gewesen sein.

Die Nazipropaganda präsentierte das Vorgehen als präventive Maßnahme gegen einen angeblich unmittelbar bevorstehenden Putsch durch Röhm. Obwohl es solche Pläne nicht gab, hat sich in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft in (West-) Deutschland der damalige Propagandabegriff »Röhm-Putsch« durchgesetzt. Bis heute hält sich dort hartnäckig die Auffassung, die Mordaktion sei eine persönliche Abrechnung gewesen, ein Streit zweier Flügel innerhalb der NSDAP. Viel spricht indessen dafür, dass die Ereignisse Ausdruck eines Richtungskampfs zwischen den mächtigsten Kapitalgruppen waren und zugleich der Motivation folgten, die Krise der noch nicht konsolidierten faschistischen Diktatur mit einem Gewaltstreich zu beenden.

Dieser Frage ist vor allem der marxistische Historiker Kurt Gossweiler in seiner 1983 veröffentlichten Monographie »Die Röhm-Affäre. Hintergründe – Zusammenhänge – Auswirkungen« nachgegangen. Etwa zur gleichen Zeit arbeitete aber auch der marxistische Politikwissenschaftler und Historiker Reinhard Opitz an einem Buch über die »Röhm-Affäre«. Opitz, der am 2. Juli 90 Jahre alt geworden wäre, konnte seine Arbeit nicht beenden. Er starb am 3. April 1986. 1999 erschienen im Marburger BdWi-Verlag bis dahin unveröffentlichte Texte aus Opitz’ Nachlass in einer dreibändigen Edition unter dem Titel »Liberalismus-Faschismus-Integration«. Der dritte Band versammelt das Arbeitsmaterial zum Röhm-Buch. Wir veröffentlichen an dieser Stelle in zwei Teilen einen redaktionell leicht gekürzten Abschnitt, der sich mit der engeren Vorgeschichte des 30. Juni 1934 beschäftigt. Opitz hatte zu diesem Abschnitt angemerkt: »vor Abschluss abgebrochene und verworfene erste Langfassung«. (jW)

Im Frühjahr 1934 war die Politik der Hitler-Papen-Regierung in eine Krise geraten, die von folgenden Momenten gekennzeichnet war: Die bereits ab Mitte 1932 einsetzende Konjunkturbelebung hatte sich als bei weitem nicht stark genug erwiesen, um der Regierung die Finanzierung der beabsichtigten größeren Rüstungsaufträge an die Industrie etwa aus dem Steueraufkommen oder durch Kreditaufnahmen auf dem Kapitalmarkt zu ermöglichen. Zwar hatte die unter amerikanischem Vorsitz stehende, von Hjalmar Schacht mitbegründete »Bank für internationalen Zahlungsausgleich« in Basel auf Antrag der Hitler-Regierung im September 1933 einer Änderung des Reichsbankgesetzes zugestimmt, die es dem Reich ermöglichte, sich durch Schuldverschreibungen an die Reichsbank das benötigte Geld zu beschaffen. Doch der Fortsetzung der Politik der Arbeitsbeschaffung durch Aufrüstung stand nicht nur eine akute Rohstoff- und Devisenkrise und das Scheitern der Versuche der Hitler-Papen-Regierung entgegen, sich auf der Berliner Transferkonferenz im April/Mai 1934 der Auslandsschulden des Reichs zu entledigen, sondern vor allem auch die fortdauernde Geltung der Versailler Rüstungsbeschränkungen und Frankreichs entschiedenes Festhalten an ihnen.

In der Sackgasse

Dies aber war, wie Hitlers Rede vor den Reichswehr-Befehlshabern am 3. Februar 1933 und Konstantin von Neuraths außenpolitisches Programm vom 7. April 1933 bewiesen, die damals größte Sorge der Hitler-Papen-Regierung und der Rüstungsindustrie: dass Frankreich seine Drohung, gegen eine Verletzung der Rüstungsbeschränkungen seitens Deutschlands militärisch vorzugehen, wahr machen könnte und Deutschlands 100.000-Mann-Reichswehr, wie die Reichswehr-Generalität bestätigte, einem solchen Angriff nicht gewachsen wäre. Als die Hitler-Regierung im April 1934 den neuen Haushaltsplan veröffentlichte, der eine Erhöhung des Rüstungsetats um 350 Millionen Reichsmark im Vergleich zum Vorjahr auswies, brach Frankreich auch prompt aus Protest hiergegen die Verhandlungen mit Deutschland über neu festzusetzende Rüstungskontingente im Rahmen eines allgemeinen Absicherungsabkommens am 17. April 1934 ab.

Dieser Verhandlungsabbruch machte offenkundig, dass der Übergang zu einer Politik ungehemmter Aufrüstung und riesiger staatlicher Rüstungsaufträge, wie alle Industriefraktionen ihn erwarteten, gegen Frankreichs Widerstand nicht durchführbar war. Die Politik des Schacht-Thyssen-Flügels, die deutsche Aufrüstung über Frankreich hinweg mit Hilfe der USA durchzusetzen, schien damit in einer Sackgasse angelangt. Sollte die von der Industrie dringlich erwartete Konjunkturankurbelung durch Rüstungsgroßaufträge bald einsetzen, war eine politische Verständigung mit Frankreich, wie Kurt von Schleicher sie angestrebt hatte, unumgänglich. Hielt man hingegen an der Position der demonstrativen bündnisstrategischen Isolierung Frankreichs fest, so würde die im Frühjahr 1934 äußerst gespannte wirtschaftliche Situation auf Grund der dann nicht weiter steigerbaren Arbeitsbeschaffung durch Rüstungsaufträge in einem Kollaps der deutschen Industrie enden. Vor allem in denjenigen Kreisen der Ruhrindustrie, die hinter Papen standen und dessen frühere Bemühungen um einen deutsch-französischen Antiostpakt gefördert hatten, brach daher der alte Gegensatz zum Schacht-Thyssen-Kurs in diesem Punkt erneut auf, mit der Folge, dass sie wieder stärker zur einstigen Linie Schleichers zu tendieren begannen.

Die Arbeitslosigkeit war nach einjähriger Diktatur des Hitler-Papen-Kabinetts nur von sechs Millionen im Januar 1933 auf vier Millionen im Januar 1934 gesunken, und diese Senkung war zudem mit Einkommensverschlechterungen erkauft. Die Löhne lagen 1934 noch immer ein Prozent unter denen des Krisentiefpunktjahres 1933. Die Vertrauensrätewahlen im Frühjahr 1934 hatten ein für die NSDAP und die vom Faschismus einen Betriebsfrieden erwartende Industrie niederschmetterndes Ergebnis gebracht: Die Kandidaten der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) waren von 75 Prozent der deutschen Arbeiterschaft nicht gewählt worden (Gegenstimmen und Wahlenthaltungen zusammengerechnet). Dieses Resultat war für den deutschen Faschismus so fatal, dass seine Bekanntgabe sofort verboten wurde. Aber die Firmenleitungen kannten es natürlich. Und es zeigte den Industriellen, dass die Regierung vom 30. Januar 1933 auch hinsichtlich des Hauptversprechens nur eine ernüchternde Leistungsbilanz vorweisen konnte. Eine wirkliche Integrationskraft jenseits der bloßen Gewalt war von ihr auf die Industriearbeiterschaft offenbar nicht ausgegangen. Das verstärkte in der Industrie abermals Neigungen, sich Schleichers zu entsinnen und sich die Frage zu stellen, ob eine auf eine breitere Basis und sogar freiwillige Mitarbeit rechter Gewerkschafter abgestützte Diktatur nach dem Vorbild von Schleichers Querfrontprojekt nicht doch von sehr viel höheren integrationspolitischen Effekt wäre.

Schacht-Thyssen und ihre Gegner

Die »Einrahmungsstrategien« sowohl des Hugenberg-Flügels wie des Papen-Flügels der Schwerindustrie gegenüber dem Thyssen-Schacht-Flügel und Hitler waren seit Juli 1933 endgültig gescheitert, Wirtschaftsminister Alfred Hugenberg war am 27. Juni 1933 (auf Grund eines die Hitlersche »Friedensdiplomatie« desavouierenden, auf der Londoner Weltwirtschaftskonferenz des Völkerbundes vorgelegten Memorandums, das für Deutschland freie Hand zum Krieg gegen Sowjetrussland erbat) aus dem Kabinett ausgestoßen und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) zur »Selbstauflösung« gebracht worden. Das noch als ein Parteienbündnis von NSDAP und DNVP zwecks gemeinsamer Diktatur angetretene Kabinett war faktisch so umgewichtet worden, dass der von Hugenberg repräsentierte Teil der Schwerindustrie um seinen Einfluss gebracht war, und auch Franz von Papen oder Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk immer weniger die ursprünglich hinter ihnen stehenden Industrie- und Landwirtschaftskreise zu repräsentieren vermochten.

Freilich erlaubte die Kräftelage im Gesamtkapital dem Schacht-Thyssen-Flügel der Schwerindustrie dennoch nicht, die Diktaturgewalt ganz allein an sich zu reißen. Vielmehr wurde zunächst, um von der einseitig schwerindustriellen Ausrichtung des Kabinetts abzukommen und die zur Mitarbeit im faschistischen Staat drängenden Kräfte der Chemie- und Elektroindustrie konstruktiv einzubinden, ein ihnen nahestehender Mann und Gegner der Vereinigten Stahlwerke, Kurt Schmitt vom Allianz-Konzern, zum neuen Reichswirtschaftsminister ernannt.

Die vom Thyssen-Göring-Flügel betriebene Verdrängung der beiden einstigen Partnerfraktionen aus dem Diktaturbündnis vom 30. Januar aber hatte natürlich unter ihnen Annäherungen bewirkt. Als im Frühjahr 1934 die Politik des Schacht-Flügels auf ein offenkundiges Dilemma zusteuerte und die Besorgnis hierüber in weiten Kreisen der Industrie anwuchs, führte dieser Prozess der Annäherung der vom Einfluss verdrängten Fraktionen auch zu einer Annäherung an die nach wie vor vorhandenen alten Kreise um Schleicher und Heinrich Brüning in der gemeinsamen Absicht, eine Änderung der Zusammensetzung der Hitler-Regierung herbeizuführen, mit der ihr gemeinsamer Gegner, der Schacht-Thyssen-Flügel, ausgeschlossen würde.

Alte Querfrontpläne

Schleicher entfaltete von Beginn des Jahres 1934 an eine emsige Aktivität. Er arbeitete an der innen- und außenpolitischen Vorbereitung einer Veränderung der Einflussverhältnisse in einer Regierung Hitler, an deren Spitze Hitler als »Führer« allerdings verbleiben sollte, da die Herrschaftsform der faschistischen Führerdiktatur als solche von ihm und den mit ihm verbündeten Industriekreisen ja gerade als »Fortschritt« geschätzt wurde.

Doch auch eine solche bloße Kabinettsveränderung, die Hitler in seiner Stellung als Führer und Reichskanzler beließ, konnte sich, da sie gegen den mächtigen, skrupellos mit allen Mitteln der Gewalt arbeitenden Schacht-Thyssen-Göring-Flügel gerichtet war, nur erreichen lassen, wenn man auch die Macht der bewaffneten Armee auf seiner Seite hatte. Da die Reichswehr unter der Führung von Werner von Blomberg und Walter von Reichenau stand und damit fest in der Hand Görings war, mussten alle Überlegungen eines Regierungsumbaus notwendig zuerst um die Frage kreisen, wie sich Görings Einfluss auf die Reichswehr brechen ließe.

In diesem Zusammenhang kam dem Umstand, dass Ernst Röhm ein 3.500.000 Mann starkes Parteiheer befehligte, natürlich entscheidende Bedeutung zu. Denn so wenig sich weder bei Schleicher noch bei Röhm die alte, mit Hitler geteilte Grundeinstellung geändert hatte, dass die SA niemals die reguläre Reichswehr ersetzen könne und solle, so sehr kam doch jetzt dem Umstand, dass Röhm der Befehlshaber einer die Reichswehr um ein Vielfaches zahlenmäßig übertreffenden Truppe war, unter dem Blickwinkel des Kampfes um die Befehlsgewalt über die bewaffnete Macht des Faschismus ein erstrangiges Gewicht zu. Weniger mit Blick auf eine Machtprobe zwischen der schlecht bewaffneten SA und der vorzüglich bewaffneten Reichswehr, sondern mit Blick darauf, wer – und das hieß: welcher Kapitalflügel – die Gewalt über beide in seine Hand bekäme.

Röhm als eigentlicher (nicht nomineller) Chef der SA war ein unschätzbarer Aktivposten und der einzige Ansatzpunkt für diesen Kampf überhaupt. Denn nur auf Grund seiner Stellung ließ sich die Entmachtung der Göring-Parteigänger Blomberg und Reichenau betreiben: indem man die Forderung lancierte und virulent werden ließ, die oberste Koordination der militärischen Gewalt im faschistischen Staat, die den seit 1933 nicht gelösten Dualismus von zwei Waffenträgern im faschistischen Staat überwunden hätte, Ernst Röhm zu übertragen, dem Führer der weit größeren Truppe, der als damaliger Generalstabsoffizier aber auch ein Mann der Reichswehr war.

Eine solche Forderung war, so sehr sie auch Göring und Blomberg in Alarmstimmung versetzte und deren Widerstand auf den Plan rufen musste, bei weitem nicht so unrealistisch, wie es zunächst scheinen mag. Denn angesichts des französischen Widerstands gegen eine Vergrößerung der Reichswehr im Rahmen der Genfer Abrüstungsverhandlungen, den auf diplomatischem Wege zu brechen man mit Hilfe Englands und der USA möglicherweise noch Jahre benötigen würde, waren die Milizpläne Schleichers, denen Frankreich entgegenzukommen bereit schien, nun offenbar auch für Hitler zumindest erwägenswert geworden. Jedenfalls erhob er gegen Röhms Vorstellung, neben dem 100.000-Mann-Heer der Reichswehr unter stillschweigender Duldung Frankreichs und der übrigen Weltmächte eine millionenstarke Miliz nach Schweizer Vorbild mit der SA als deren Kern aufzustellen, keinen Einspruch und ließ ihn damit, ohne sich selbst schon endgültig festzulegen, in dem Glauben, mit ihnen und den zu ihrer Verwirklichung erforderlichen vertraulichen Sondierungen bei französischen Diplomaten und Militärs einverstanden zu sein.

Brüning im Boot

Bereits am 5. Dezember 1933 gab der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Bernhard von Bülow, eine Aufzeichnung über ein Gespräch zwischen ihm und dem französischen Botschafter Francois-Poncet über die SA-Frage an Hitler weiter, demzufolge sich Francois-Poncet für ein zwischenstaatlich zu vereinbarendes »Statut d’associations paramilitaires« ausgesprochen habe, in dessen Rahmen auch Einigung darüber erzielt werden könne, in welchem Umfange den paramilitärischen Verbänden »Wehrsport« erlaubt sein solle.

Am 21. Februar 1934 traf Röhm auf einem Empfang des Protokollchefs des Auswärtigen Amtes mit Francois-Poncet zusammen. Röhm unterrichtete Hitler in einem Brief vom 6. März 1934 schriftlich von seinem Kontakt mit dem französischen Botschafter. Am 24. März 1934 arrangierte Schleicher eine weitere Begegnung Röhms mit Francois-Poncet im Landhaus des Bankiers Wilhelm Regendanz, der Schatzmeister der Konservativen Volkspartei von Gottfried R. Treviranus (ehemaliger Arbeitsminister Schleichers und engster Vertrauter Heinrich Brünings) gewesen war. Im Mai 1934 vermittelte Regendanz ein zweites Treffen bei ihm zwischen Röhm und dem Botschafter.

Wie eng die Zusammenarbeit dieses engeren Kreises um Schleicher und Heinrich Brüning war, wie weitgehend sie auf die Rekonstruktion des Querfrontplanes von 1932 zielte und Brüning überhaupt ihr eigentlicher Initiator war, ist erst seit Brünings eigener sensationeller Aussage aus dem Jahre 1947 (in Deutschland im wesentlichen erst seit deren Veröffentlichung im Jahre 1974) bekannt. Brüning erklärte damals in seiner Darstellung der Vorgänge des 30. Juni 1934 gegenüber dem US-Journalisten Theodor Draper: »Die Fühlungnahme zwischen einzelnen Führern begann im Mai 1933. Ich traf mich mehrmals mit (Wilhelm) Leuscher und brachte ihn in Verbindung mit (Carl) Goerdeler, und über Goerdeler mit gewissen Offizieren der Schleicher-Gruppe im Reichswehrministerium und mit Gregor Strasser, der noch mit Schleicher in Verbindung stand. Ich hatte Schleicher geraten, sich im Hintergrund zu halten wie ich (…). Andere Gruppen bildeten sich unabhängig (…). Goerdeler ging von einer Gruppe zur anderen, um die Ziele einer neuen Regierung zu besprechen. Im April 1934 hörte ich, dass Hindenburg wohl nicht länger als bis August leben würde. Drei Wochen später erfuhr ich, dass Hitler einen Coup vor Hindenburgs Tod plante (…)«

Eine Umorientierung der Politik des faschistischen Deutschlands auf eine militärische Verständigung mit Frankreich war ohne eine Regierungsumbildung, die den schärfsten grundsätzlichen Gegner eines solchen Kurswechsels, den Schacht-Thyssen-Flügel, von der Macht verdrängt, schlechterdings unvorstellbar. Die Bedingungen für eine solche Veränderung schienen durchaus günstig. Nicht nur, dass mit Schleicher, Ferdinand von Bredow, Eugen Ott, Wilhelm Groener, Kurt von Hammerstein-Equord und deren über Treviranus gehaltenen Kontakten zu Brüning sowie dessen weitergepflegte Verbindungen zu den Führern des einstigen »Gewerkschaftsflügels« des Zentrums und zum Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband das alte, neuindustriell orientierte politisch-militärische Kräftebündnis der Jahre 1930–32 nahezu intakt bereitstand und auf eine solche Änderung, an der weiterhin der Deutschen Bank und den IG Farben gelegen sein musste, hindrängte. Unter dem Eindruck der Erfahrungen des ersten Jahres der Diktatur hatten sich nun auch Teile der hinter Papen stehenden Industrie und Großgrundbesitzer, die »monarchistischen« Kräfte, und wichtige Männer aus Papens engstem Mitarbeiterkreis, von der tatsächlichen Einflusslosigkeit ihres Flügels in der Regierung enttäuscht, den Kreisen um Schleicher und Brüning genähert. Unter ihnen war vor allem Edgar Julius Jung, Papens Redenschreiber, der sogar mit dem jetzt nach Prag emigrierten Otto Strasser und dessen von dort aus operierender »Schwarzer Front« Kontakt aufnahm.

Vor allem aber stand es um die Aussicht auf Unterstützung innerhalb der NSDAP und sogar in der Regierung selbst keineswegs schlecht. Der neue Reichswirtschaftsminister Kurt Schmitt stand in Gegnerschaft zum Schacht-Thyssen-Flügel und so konnte er von seiner Position aus an einer Gewichtsverschiebung im Kabinett zugunsten des Chemie-Elektro-Kapitals nur interessiert sein. Das wirtschaftspolitische Amt der NSDAP bestand ausschließlich aus Parteigängern der neuen Industrien. Ein um die Sozialdemokratie und den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) verkürztes, auf die äußerste großbürgerliche Rechte beschränktes »Querfront«-Kabinett schien in den Bereich des Möglichen zu rücken. Hierfür musste als allerstärkstes Symptom der Umstand empfunden werden, dass Adolf Hitler im April 1934 über Rudolf Heß wieder Verhandlungen mit Gregor Strasser über dessen Wiedereintritt in die Regierung aufnehmen ließ und Strasser dann am 13. Juni 1934 sogar persönlich zu einer Unterredung empfing. Otto Strasser erhielt am 20. Juni von seinem Bruder Gregor die Nachricht, es sei zwischen ihm und Hitler zu einer Einigung auf seinen Eintritt in die Regierung im September und auf das gleichzeitige Ausscheiden Görings gekommen. Gregor Strasser wurde am 23. Juni sein goldenes Parteiabzeichen zurückerstattet. Dies alles konnte in den Kreisen um Schleicher und Wilhelm Regendanz nur so aufgefasst werden, als sei es Röhm und ihnen selbst gelungen, Hitler für die eigene Sache zu gewinnen und auf seiner Seite zu haben.

Rückkehr der Hohenzollern?

Bereits nach dem französischen Abbruch der Verhandlungen mit der deutschen Regierung am 17. April waren in der Auslandspresse Nachrichten aufgetaucht, die von einer bevorstehenden Regierungsumbildung in Deutschland und den dann günstigeren Aussichten auf eine Rüstungsverständigung mit Frankreich sprachen. Tatsächlich war es zu Beginn des Jahres 1934 zu recht offenen Vorstößen zugunsten einer Rückberufung der Hohenzollern seitens monarchistischer Verbände wie auch der Hohenzollernfamilie selbst gekommen. Papen hatte Hindenburg sogar dazu ermuntert, in seinem Testament den Kronprinzen zu seinem Nachfolger als Staatsoberhaupt zu benennen. Auch im Kreise um Schleicher stand für die Hindenburg-Nachfolge ein Hohenzollernprinz und damit die Überleitung der faschistischen Diktatur in eine Monarchie zur Diskussion.

Im Frühjahr/Sommer 1934 kursierende Personallisten für eine neue Kabinettszusammensetzung sahen – abgesehen von Prinz August Wilhelm von Preußen als nach Hindenburgs Tod einzusetzenden »Reichsverweser« – ein Kabinett unter Hitler als Reichskanzler vor, in dem Schleicher das Amt des Reichswirtschaftsministers, Ernst Röhm das Amt des Reichswehrministers und Brüning das Amt des Außenministers übernehmen sollte. Für Göring, von Neurath und Papen war kein Ministeramt vorgesehen. Ob nun mit dieser oder jener personellen Variante – eine solche Veränderung hatte die Isolierung des Göring-Flügels von der Reichswehr zur Voraussetzung, die Ablösung Blombergs durch Röhm war damit der springende Punkt für das Gelingen des gesamten Unternehmens.

Reinhard Opitz: Liberalismus – Faschismus – Integration. Edition in drei Bänden, Band III: Die »Röhm-Affäre«, BdWi-Verlag, Marburg 1999, S. 121-141

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  • Leserbrief von Joachim Seider aus Berlin (1. Juli 2024 um 14:21 Uhr)
    Das ist ein unendlich wichtiges Material. Zeigt es doch präzise, dass der Faschismus weder ein Ausrutscher der Geschichte noch das Werk durchgeknallter Psychopathen ist. Faschismus ist das bewusst herbeigeführte politische Resultat der Interessen einer bestimmten Kapitalfraktion, der die sich gesetzmäßig erschöpfenden Quellen des Profits zu trocken geworden sind. Militarisierung und Krieg lassen deren Profite wieder sprudeln – bis alles in Scherben fällt. Brecht hatte gewarnt »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«. Das sollte uns lehren: Das den Faschismus gebärende Finanzkapital war nie weg oder gezähmt. Es lauerte weiter im Hintergrund. Deutlich erstarkt zeigt es heute der Welt wieder seine Giftzähne. Bis alles in Scherben fällt? Die AfD einzuhegen, ist gewiss nicht unwichtig. Die Entwicklung zum Faschismus aber muss dort gestoppt werden, wo es seine Wurzeln hat. Und die stecken ganz tief im Kern unserer so hehren Gesellschaft. Viel tiefer, als sich manch einer zu träumen wagt.
    • Leserbrief von N.N. (4. Juli 2024 um 02:43 Uhr)
      In der Tat. Ähnliche Beobachtungen mit geringerer polit. Wirkung ließen sich auch in Frankreich machen, siehe der rechte »Sturm« aufs Parlament 1934, nachdem die rechten Industriebarone sich gegen eine Linke ausgesprochen hatten (»Lieber Hitler als Blum«.). Es hat u. U. auch an der rechtsradikalen, jedoch zutiefst nationalistischen Croix de Feu gelegen, die trotz über 1 Mio. Mitglieder, hier polit. nichts erzwungen hat, so dass es zur Spiegelung deutscher Verhältnisse nicht kam und man eine Front Populaire ab 1936 gewähren ließ. Ohne das weiter an dieser Stelle zu forcieren, würde ich natürlich ganz populistisch auf die USA heute verweisen, wo jeder siebte, manche argumentieren jeder dritte, Arbeitsplatz mit dem MIC zusammenhängt. Es ist auf jeden Fall nicht zu leugnen, dass die »Wertschöpfung« unter der dt. Besatzung im Westen eine völlig andere war, als im, dem Vernichtungskrieg anheimgegebenen, Osten. Zwang und Kooperation in Ersterem. Raub, Mord, Enteignung in Letzterem. Weshalb Wolfgang Streeck nicht daneben liegt, wenn er das originale, prä-1945er »gemeinsame Europa«, rückblickend, nun ja, zu einem ursprünglich faschistischen Projekt umwidmet. (Wem gehörte die frz. Industrie am Vorabend von »1940«? Wem heute? Selbe Preisfrage BRD, ITA, GB, SPA, Skandinavien).

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