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Aus: Ausgabe vom 27.06.2024, Seite 2 / Ausland
Imperialismus

»USA und CIA waren zentral verantwortlich«

Guatemela: Auswirkungen des Putsches vor 70 Jahren sind bis heute spürbar. Ein Gespräch mit Claudia Árbenz
Interview: Thorben Austen, Quetzaltenango
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Gedenken an den sozialdemokratischen Präsidenten, der mit Hilfe der USA weggeputscht wurde (Guatemala-Stadt, 20.5.2023)

Vor genau 70 Jahren wurde gegen Präsident Jacobo Árbenz Guzmán geputscht. Ihr Großvater musste zurücktreten, vorangegangen waren dem Bombenangriffe und der Einmarsch einer Söldnertruppe aus Honduras. Was bedeuten diese Tage für Ihre ­Familie?

Für uns sind diese Tage Ausdruck der Ungerechtigkeit und der Erinnerung. Mein Großvater Jacobo Árbenz war ein revolutionärer Präsident, der versuchte, das Volk Guatemalas aus Armut und Elend zu holen. Mit dem Dekret 900, das die Landreform regelte, beschlossen vom Parlament, konnte er in einem Jahr 600.000 Hektar Land verteilen. 100.000 Kleinbauern und Indigene erhielten Land für ihre Familien. Das betraf rund 500.000 Menschen, damals rund ein Sechstel der Bevölkerung Guatemalas. Jede Familie sollte etwa sieben Manzanas (1 Manzana = ca. 0,7 Hektar, jW) Land erhalten. Das war einmalig in der Geschichte Guatemalas. Das tat der United Fruit Company, den USA, und transnationalen Konzernen weh. Jacobo Árbenz war Sohn von Schweizer Auswanderern, er wollte Guatemala zu einem modernen Land der »Ersten Welt« machen.

Welche Rolle spielten westliche Staaten bei dem Putsch?

Die USA und ihr Auslandsgeheimdienst CIA waren zentral verantwortlich für den aus ihrer Sicht erfolgreich verlaufenen Putsch. Zuvor hatte es schon 48 Putschversuche gegen Juan José Arévalo, seinen Vorgänger, gegeben. Wir kritisieren aber auch die Schweiz und sind der Meinung, dass eine Entschuldigung und eine Wiedergutmachung korrekt wären. Die Schweiz hat sich außenpolitisch an die Seite der USA gestellt. Obwohl mein Großvater Schweizer Herkunft war, hat sie sich nicht gegen seinen gewaltsamen Sturz positioniert. Sie hat ihm auch nicht die Möglichkeit angeboten, in der Schweiz zu leben. Statt dessen musste meine Familie in verschiedenen Ländern umherreisen, mein Großvater starb 1971 in Mexiko.

Welche Bedeutung hat Jacobo Árbenz für die heutige Gesellschaft in Guatemala?

Er ist eine Ikone der Demokratie, gegen die Oligarchie in Guatemala und den US-Imperialismus. Er symbolisierte die Hoffnung für die Bauern, die Indigenen und die Arbeiterklasse. Nach dem Sturz der Diktatur am 20. Oktober 1944 gehörte er einer Revolutionsjunta an. Diese hat aber nie versucht, selbst an der Macht zu bleiben, sondern bereitete die demokratischen Wahlen von 1945 vor. Die Junta führte in fünf Monaten die Gewaltenteilung ein, bereitete eine neue Verfassung vor und führte den Autonomiestatus für die öffentliche San-Carlos-Universität ein. Als er 1951 gewählter Präsident wurde, blieben ihm bis zum Putsch genau drei Jahre, drei Monate und zwölf Tage. In dieser Zeit wurde die Atlantikstraße gebaut und begann der Bau des Hafens Santo Tomás de Castilla am Atlantik sowie des Wasserkraftwerkes Jurún Marinalá. Dies alles sollte der gesamten Gesellschaft zugute kommen, nicht nur der Arbeiterklasse, auch den Unternehmern.

1999 hat sich der damalige US-Präsident William Clinton für den Putsch und die Unterstützung der darauffolgenden Diktaturen entschuldigt. Im vergangenen Jahr, bei dem versuchten technischen Staatsstreich gegen Bernardo Arévalo, haben die USA diesen deutlich verurteilt. Stehen die USA jetzt in Guatemala auf seiten der Demokratie?

Was genau die Motive der USA für ihr Verhalten im vergangenen Jahr waren, weiß ich nicht. Ich glaube aber, einen direkten blutigen Putsch wie 1954 wird es im Moment nicht geben, dazu bräuchten die Kreise um den Pakt der Korrupten die Unterstützung der Armee. Auch ist die weltpolitische Lage heute eine andere als 1954, als mein Großvater sich direkt gegen die damals erste Weltmacht stellte.

Sie leben in Costa Rica, wie sehen Sie die ersten fünf Monate von Arévalo?

Ich bin jedes Jahr einmal in Guatemala, oft um den 20. Oktober, den Jahrestag der Revolution oder zu Veranstaltungen an der Universität, dort werde ich häufig eingeladen. Arévalo hat 70 Jahre Korruption geerbt, katastrophale Zustände in Bildung und Gesundheit. Ich denke, er analysiert momentan, will sehen, wie er seine Ideen umsetzen und finanzieren und die strukturellen Probleme lösen kann. Ich denke aber auch, dass die Kreise um den Pakt der Korrupten, wenn sie auch nicht direkt putschen können, Arévalo destabilisieren werden, wo sie können.

Claudia Árbenz ist die Enkelin von Jacobo Árbenz und lebt in Costa Rica

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