75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Dienstag, 16. Juli 2024, Nr. 163
Die junge Welt wird von 2849 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 22.06.2024, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Asbest

Der stille Tod der Seefahrer

Ein Arbeitsleben lang Asbest ausgesetzt. Über den Umgang mit dem lebensbedrohlichen Faserstoff in der italienischen Schiffahrt
Von Francesco Bertolucci
Das Fischerdorf Marina Corricella auf der Insel Procida vor Neapel
Auf dem Schiff George F. Getty II arbeitete ­Carabellese jahrelang
Blick auf die ehemalige Asbestmine Balangero bei Turin

»Procida ist eine Insel mit 10.000 Einwohnern, davon etwa 2.000 Seeleute. Vor dreißig, vierzig Jahren waren es mindestens doppelt so viele«, erzählt Nicola Carabellese, Präsident der 2012 gegründeten internationalen Vereinigung Asbestos Personal Injury Network (Apin) mit Sitz in Procida auf der gleichnamigen Insel im Golf von Neapel und fast 6.000 Mitgliedern in aller Welt. »Als Anwalt hatte ich hier acht Klienten mit Mesotheliom, einem seltenen Tumor, der einen von 100.000 Arbeitern trifft. Normal wäre einer von 800.000. Und das sind nur die Fälle, die ich bearbeitet habe.« Seine Worte verdeutlichen das Problem, die Häufigkeit asbestbedingter Krankheiten bei Seeleuten zu ermitteln. Die Branche zählt heute in Italien etwa 40.000 Beschäftigte, in den 1970er Jahren waren es jedoch weit über 100.000. Die Werftarbeiter und Seeleute arbeiteten in einem für Italien lebenswichtigen Sektor: Laut dem Blue Economy Report 2022 steht Italien im Seeverkehr auf Platz zwei und im Schiffbau auf Platz drei in Europa.

Auf der Insel Procida gibt es außer der Seefahrt nichts, das eine so hohe Zahl asbestbedingter Erkrankungen bedingen könnte. Das Pleuramesotheliom ist ein seltener Tumor, der das Rippenfell befällt, die Auskleidung der Lunge. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass dieser Tumor von Asbest ausgelöst wird und bis zu 40 Jahre nach der Exposition auftritt. Die Verwendung des Materials wurde in Italien erst 1992 verboten. Das Land verzeichnete von 1993 bis 2018 jährlich 4.000 asbestbedingte Todesfälle. Die Mesotheliomfälle, die auf berufliche Exposition zurückgeführt werden, würden nur zwei Prozent der insgesamt 2.410 Fälle von Lungenfellkrebs ausmachen. Berücksichtigt man jedoch, dass es lange keine Gesundheitsüberwachung gab und dass Menschen Asbest unwissentlich eingeatmet haben, ist eine genaue und realistische Schätzung nicht möglich. »Wir können sagen, dass fast alle Seeleute Asbest ausgesetzt waren«, merkt Rechtsanwalt Ezio Bonanni an. »In Italien werden nur die Mesotheliomfälle gezählt, und die Daten für asbestbedingte Krankheiten werden unterschätzt. Das Asbest verursacht ein wahres Massensterben der Seeleute«, so der Vorsitzende der Nationalen Informationsstelle Asbest weiter.

Schiffe aus Asbest

Brände an Bord werden von Seeleuten gefürchtet. Sie sind schwer zu bändigen und können leicht verheerend sein. Da Asbest nicht nur feuerfest ist, sondern auch schalldämpfende Eigenschaften hat, wurde er seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts in großem Umfang auf Schiffen zur Isolierung von Dampfmaschinen verwendet. Dann wurden vor allem Handels-, Militär- und Kreuzfahrtschiffe praktisch komplett damit ausgekleidet. Ob bei der Isolierung von Rohren oder der Schotten selbst, von Fußböden, Trennwänden … kurzum, von den Wohnräumen bis zum Maschinenraum über Küchen und Gänge gab es wahrscheinlich auf dem gesamten Schiff keinen Ort ohne Asbest.

Die Dauerbelastung, der jedes Schiff ausgesetzt war, bewirkte, dass ein Teil der Fasern kontinuierlich freigesetzt wurde, während sich Seeleute rund um die Uhr in den durch Umluftsysteme verbundenen Räumen aufhielten. Solange das erlaubt war, verbrauchte Italien mehr Asbest, als im Steinbruch von Balangero, der größten Mine Europas in der Provinz Turin, abgebaut werden konnte. Der auf dem Seeweg nach Italien exportierte oder importierte Asbest, vor allem aus Südafrika, Russland und Kanada, wurde hauptsächlich in den Seehäfen umgeschlagen. Exponiert waren hier auch Träger und Gütertransporteure, Hilfskräfte in Lagern, im Kommunikationswesen, Kran- und Geräteführer. Das lag auch daran, dass bis Anfang der 1970er Jahre Asbest auf den Schiffen in Jute- und Leinensäcken transportiert wurde, die dann durch Papier-, synthetische Jute- und Kunststoffsäcke und später durch Container ersetzt wurden. Aus diesen Säcken entnahmen die Seeleute den Asbest, um ihn während der Reise nach Bedarf zu verwenden, gegebenenfalls wie Zement mit anderen Bestandteilen gemischt. »Wenn die Isolierung kaputtging«, erinnert sich Santo Manucra, der sich mit 17 Jahren eingeschifft hatte und in den 1960er Jahren als ehemaliger Kohlenmann und Heizer auf den Schiffen der Italia – Società di Navigazione tätig war, »musste man sie von Hand durch Kneten des Asbests reparieren. Heute habe ich eine Pleuraverdickung.«

Es gibt Geschichten von Menschen, die nicht überlebt haben, wie die eines Seemanns, der zwar ausschließlich als Schiffsbarkeeper arbeitete, aber dennoch an einer asbestbedingten Krankheit erkrankte und starb. Er hatte täglich Asbest eingeatmet, der auch in den Dichtungen der Kaffeemaschine enthalten war. »Wir haben Asbest gegessen, es war deutlich sichtbar«, erinnert sich Pietro Serarcangeli, ehemaliger Kesselwärter auf Marineschiffen und Vorsitzender der Vereinigung der asbestexponierten Familien von La Spezia, einer Stadt mit 90.000 Einwohnern. In der Stadt mit ihren Werften sind Seeleuten und Militärangehörige stark von asbestbedingten Krankheiten betroffen. Jährlich sind mehr als 100 eindeutig auf Asbest zurückzuführende Todesfälle zu beklagen: »Dass ich noch auf der Welt bin, ist reines Glück«, erzählt Serarcangeli weiter. »Das Zeug war überall auf dem Schiff. Und die Besatzungen waren mit keinerlei Schutz ausgestattet. Das Ergebnis ist uns allen bekannt: Hunderte von Toten.«

Verbote und trotzdem...

Es kommt erschwerend hinzu, dass das italienische Gesetz von 1992 eine Entschädigung für diejenigen vorsieht, die eine ununterbrochene Exposition über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren an ein und demselben Arbeitsplatz nachweisen können. »Doch die Seeleute« – so Rechtsanwalt Bonanni – »hatten bei jeder Einschiffung neue Verträge mit unterschiedlichen Reedereien, was die übliche Schuldverschiebung ermöglichte.« Wie Natale Colombo, Generalsekretär der Transportgewerkschaft FILT-CGIL, hinzufügt, »verbietet das SOLAS-Übereinkommen die Verwendung von Asbest oder seiner Derivate auf Handelsschiffen erst seit dem 1. Januar 2011«. Während also das Gesetz von 1992 die Asbestexposition für viele italienische Beschäftigte »blockierte«, galt das nicht für Seeleute. »Wir waren weiter dem Asbest ausgesetzt«, so Bonanni weiter, »weil selbst die alten Schiffe, die Ende der 1990er Jahre vom Stapel liefen, noch Asbest enthielten. Und es ist immer noch in vielen italienischen Schiffen vorhanden und vor allem in den Schiffen der Länder, in denen Asbest nicht verboten ist.«

Die ersten Hinweise auf die Gefährlichkeit von Asbest stammen aus dem Jahr 1906. Damals stellte Hubert Montague Murray, Arzt am Charing Cross Hospital in London, bei der Autopsie eines Mannes, der in einer Asbesttextilfabrik gearbeitet hatte, tiefe Lungenveränderungen fest. Es folgten Studien aus der ganzen Welt, die die Gefährlichkeit des Faserstoffs bestätigten, aber die Industrie machte weiter. Der »Wendepunkt« – von dem an auch italienische und europäische Seeleute betroffen waren – kam wahrscheinlich zwischen 1939 und 1945, als die USA beschlossen, kriegsbedingt ihre Flotte um 6.000 Schiffe zu erweitern. Die Folge: Vier Millionen Arbeiter, die 30 Jahre später massenhaft betroffen waren. 14 Todesfälle durch Mesotheliom und eine unbekannte Zahl von Todesfällen durch Asbestose pro 1.000 Arbeiter führten dazu, dass Asbest in den 1970er Jahren in vielen US-Bundesstaaten verboten wurde, um die US-amerikanischen Seeleute zu schützen. »Aber nicht die in anderen Ländern«, betont Apin-Präsident Carabellese, der seinen Vater mit 62 durch eine asbestbedingte Krankheit verlor, nachdem er jahrelang auf Schiffen einer US-Gesellschaft gefahren war.

»Sie wussten, dass es schlecht für sie war, aber sie schickten trotzdem Italiener und andere Europäer in den Tod.« Denn in Europa fanden sie einen »fruchtbaren« Boden: hungernde Nachkriegsarbeiter. »Sie ließen sie alle möglichen Arbeiten verrichten, ohne ihnen zu sagen, dass Asbest schädlich ist«, fügt Silvio Boezio von der Vereinigung der Asbestopfer in der Seefahrt (Amva) hinzu. »Sie haben wahrscheinlich gezählt … wie viele Menschen werden krank … fünf Prozent? Zwei? Wie viele werden klagen, 0,1? Sie haben also nachgerechnet und sich bewusst dafür entschieden, die Menschen einem sehr großen Risiko auszusetzen.« Auch US-Unternehmen wie Texaco, Exxon, Mobil, Socal, Gulf Oil oder die Carnival-Gruppe beschäftigen jahrelang italienische und andere europäische Seeleute auf ihren Schiffen. »In den 1980er Jahren«, erklärt Rechtsanwalt Pierpaolo Petruzzelli, der sich mit Asbestklagen italienischer Seeleute in den USA befasst, »waren Rohöltransporte vom Persischen Golf zu den amerikanischen Küsten sehr häufig. Das Gute an einer Klage in den USA ist, dass es, wenn das beklagte Unternehmen in Konkurs geht, einen staatlichen Fonds gibt, der die Opfer trotzdem entschädigt. In Italien gibt es so einen Fonds nicht, und es ist oft sehr schwierig, eine Entschädigung zu erhalten«, konstatiert Petruzzelli.

Kosmetischer »Schutz«

Und es ist kein Problem aus einer anderen Zeit. »Es gibt Schiffe, die völlig asbestfrei sind und eine Asbestfreiheitszertifizierung haben«, berichtet Carabellese. »Aber es gibt auch Schiffe, die im Mittelmeer fahren und eine sogenannte Containmentsanierung durchgeführt haben, d. h. sie haben den Asbest noch an Bord, aber eingekapselt. Dabei handelt es sich sowohl um italienische als auch um ausländische Schiffe.« Im Grunde genommen wurde ein »Anstrich« vorgenommen. »Die Einkapselung ist ein Verfahren, das bei asbestbeschichteten Rohren in Gebäuden angewandt wird, um die Ausbreitung zu verhindern«, fährt der Präsident von Apin fort, »aber wir sprechen hier von statischen Elementen. Auf einem Schiff, das ständig Vibrationen, stürmischer See und Salzwasser ausgesetzt ist … Wie kann man bei all diesen Belastungen Fasern einschließen, die tausendmal dünner sind als ein Haar und mit bloßem Auge nicht sichtbar? Wie stellt man sicher, dass keine Mikrobrüche entstehen? Man atmet sie einfach ein. Dann tritt das Problem in 30 Jahren wieder auf.« Sicherheitsüberprüfungen fänden im Hafen statt, wenn das Schiff stillsteht, und dann findet man nichts. »Und das ist normal: Die Belastungen sind unter diesen Bedingungen nicht vorhanden. Also können sie aufs Meer hinausfahren«, erklärt Carabellese weiter.

Seit Jahren wurde in Italien von einem »Höchststand« an Betroffenen gesprochen, erwartet für das Jahr 2020. So sollte es demnach auch in Monfalcone sein, einer Stadt, die aufgrund ihrer Schiffbauindustrie, die das Mineral in großem Umfang verwendete, vom Asbestproblem betroffen ist. »Der Spitzenwert ist reine Phantasie«, erklärt dagegen Paolo Barbina, Leiter des einzigen regionalen Asbest­zentrums in Friaul. »Wir wissen, dass es ihn nicht gegeben hat und auch nicht geben wird. Im Durchschnitt sind die Daten stabil. Das Problem besteht heute darin, dass die Fälle in Lebensgemeinschaften auftreten: Ehefrauen und Kinder.« In Monfalcone sterben nicht nur ehemalige Werftarbeiter, sondern auch solche, die nicht mit Asbest gearbeitet haben, vielleicht weil sie mit der Arbeitskleidung in Berührung gekommen sind, wie es bei vielen Familienmitgliedern von Seeleuten der Fall war.

»Der Staub war überall, und es gab keine Vorsichtsmaßnahmen, keine Masken oder irgend etwas«, erinnert sich Carmelo Cuscunà, ehemaliger Präsident der Vereinigung der Asbestexponierten. »In den ersten Tagen hat man nicht aufgepasst, man hat gearbeitet, ist unter den Brunnen gelaufen, um sich die Nasenlöcher und den Hals zu putzen, um den Staub loszuwerden. Irgendwann atmeten wir schwer, wir und die anderen Arbeiter auf der Baustelle, aber niemand gab uns eine Antwort. Sie sagten uns immer, wir sollten Milch trinken. Dann haben wir viele Prozesse geführt und gewonnen. Aber viele starben. Wir waren zur Arbeit gegangen, um unsere Familien zu ernähren, nicht um zu sterben.«

Heute sind vor allem die Wartungsarbeiter betroffen. Die bis 2018 registrierten italienischen Werftarbeiter, die an Mesotheliom erkrankt sind, machen 7,4 Prozent der Gesamtzahl aus. Auch hier handelt es sich um eine niedrig angesetzte Zahl. »Hätten wir das Gesetz nicht 1992 erlassen, sondern zwanzig Jahre früher – stellt Barbina klar – «hätten wir heute wahrscheinlich zumindest das Gesundheitsrisiko ›beseitigt‹». Für den Leiter des Asbestzentrums bleibt nur, sich zu entschuldigen, «weil wir es wussten, aber nicht wollten: Wir wollten nicht auf das leichte Geld verzichten.»

Großes Kino für kleines Geld!

75 Augaben für 75 €

Leider lässt die Politik das große Kino vermissen. Anders die junge Welt! Wir liefern werktäglich aktuelle Berichterstattung und dazu tiefgründige Analysen und Hintergrundberichte. Und das zum kleinen Preis: 75 Ausgaben der gedruckten Tageszeitung junge Welt erhalten Sie mit unserem Aktionsabo für nur 75 €!

Nach Ablauf endet das Abo automatisch, Sie müssen es also nicht abbestellen!

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage