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Aus: Ausgabe vom 22.06.2024, Seite 15 / Geschichte
Zweiter Weltkrieg

Vom Gegner gelernt

Vor 80 Jahren startete die Rote Armee die »Operation Bagration«, genau drei Jahre nach dem Überfall der Nazis auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941
Von Reinhard Lauterbach
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Rasche Erfolge der »Operation Bagration«. Sowjetische Panzer im belarussischen Mogiljow, Anfang Juli 1944

Seit dem Scheitern der deutschen Zangenoffensive im Kursker Bogen im Juli 1943 hatte der Schwerpunkt der Kämpfe an der deutsch-sowjetischen Front in deren Südabschnitt gelegen. Im Oktober 1943 wurde Kiew befreit, in den ersten Tagen des Jahres 1944 erreichte die Rote Armee die alte polnische Ostgrenze, im Laufe des Frühjahres 1944 wurde der Großteil der Ukraine befreit. Im Mittel- und Nordabschnitt verlief die Front bis in den Sommer 1944 mehrere hundert Kilometer weiter östlich, auch wenn die Rote Armee mit dem Durchbruch durch den deutschen Belagerungsring um Leningrad im Januar 1944 einen bedeutenden operativen Erfolg hatte erzielen können. Die Sorge, dieser Frontvorsprung könnte von Süden her angegriffen werden, verdrängte die deutsche Führung, weil sie die hier gelegenen Pripjetsümpfe für Fahrzeuge als unpassierbar wähnte.

Allerdings waren die Positionen der in Belarus stationierten deutschen Heeresgruppe Mitte im Frühjahr 1944 ausgedünnt, und die Wehrmacht hatte kaum noch Reserven. Das deutsche Oberkommando hatte im Frühjahr mehrere mobile Divisionen und große Munitionsvorräte nach Italien verlegt, nach der alliierten Landung in der Normandie auch nach Frankreich. Ähnliches galt für die deutsche Luftwaffe, die ihre noch flugfähigen Maschinen im Westen und im Luftraum über dem Reich konzentrieren musste. Treibstoff und Munition waren knapp, weshalb die Wehrmacht darauf angewiesen war, Transportaufgaben überwiegend mit Pferdegespannen zu lösen. Hinzu kam: Die Truppen der Wehrmacht waren in vielen Fällen unterernährt. Denn die deutsche Kriegführung im »Osten« war von Anfang an darauf abgestellt worden, »die Truppe« aus dem besetzten Gebiet zu ernähren; diese Raubbauwirtschaft stieß jetzt an ihre Grenzen, weil die vielen Vernichtungsangriffe auf Operationsräume sowjetischer Partisanen im belarussischen Hinterland kaum noch Zivilisten übriggelassen hatten, die Lebensmittel hätten anbauen können, die die Wehrmacht hätte rauben können. In dieser Situation verfiel das deutsche Oberkommando auf Hitlers Anweisung auf die Idee, die Verteidigung auf sogenannte Feste Plätze zu konzentrieren: insgesamt elf Städte von Witebsk im Norden bis Bobrujsk im Süden. Diese sollten auf jeden Fall gehalten werden und einen möglichen sowjetischen Angriff zumindest aufhalten. Deutsche Generalstäbler erkannten die Schwäche dieses Konzepts durchaus: nämlich, dass diese Festungen im Falle eines sowjetischen Durchbruchs durch schwächer verteidigte Linien zwischen ihnen schnell zu Fallen für ihre Verteidiger werden könnten.

Nachschub verhindert

Ende April 1944 fiel auf sowjetischer Seite die Entscheidung, die geplante Sommeroffensive im zentralen Frontabschnitt vorzubereiten. Da die deutsche Seite kaum noch Flugzeuge zur Luftaufklärung besaß, blieb ihr der sowjetische Aufmarsch in seinem vollen Umfang verborgen. Zudem rechnete das Oberkommando der Wehrmacht mit einer sowjetischen Offensive weiter südlich, ausgehend vom Raum Kowel in der Westukraine nach Nordwesten in Richtung Ostsee. Daher konzentrierte sie die verbliebenen Panzereinheiten dort, wo sie in der Folge von geringem Nutzen waren. Aber auch wenn sie die sowjetischen Absichten durchschaut hätte, hätte die Wehrmacht ihnen wenig entgegenzusetzen gehabt: Beim Beginn der Offensive, exakt am dritten Jahrestag des deutschen Angriffs, betrug die sowjetische Überlegenheit bei den Soldaten etwa drei zu eins, bei Panzern, Artillerie und Flugzeugen zwischen sieben und zehn zu eins. Vor allem die Feuerkraft der sowjetischen Artillerie war erdrückend: In den für den anfänglichen Durchbruch vorgesehenen Abschnitten konzentrierte die Rote Armee auf einen Kilometer Frontbreite bis zu 180 Geschütze: eine Kanone alle fünf bis sechs Meter.

Die nach einem russischen Heerführer aus den napoleonischen Kriegen »Bagration« getaufte Offensive startete drei Tage vor ihrem Beginn an der Front mit großangelegten Aktionen der im deutschen Hinterland operierenden sowjetischen Partisanen. 145.000 Kämpfer brachten an den drei einzigen ins Hinterland der Front führenden Eisenbahnlinien gut 10.000 Sprengladungen an, von denen zwei Drittel explodierten. Das schnitt die Wehrmacht für die ersten Angriffstage vollständig vom Nachschub ab. Die eigentliche Offensive begann am 22. Juni mit einem zweistündigen Trommelfeuer der sowjetischen Artillerie auf die deutschen Stellungen in den vordersten und den rückwärtigen Linien. Die Angriffswelle der Bodentruppen war von Norden nach Süden gestaffelt: Sie begann in der Umgebung von Witebsk, einen Tag später kam der Vorstoß auf Mogiljow, und einen weiteren Tag danach der auf Bobrujsk. Überall wurden die deutschen Fronteinheiten zerschlagen oder eingekesselt. Versuche zu örtlichen Gegenstößen scheiterten an fehlendem Treibstoff und daran, dass die möglichen Marschwege von der sowjetischen Luftwaffe kontrolliert wurden. Die Rote Arme wiederholte 1944, was die Wehrmacht 1940 in Frankreich vorgemacht hatte: die Lähmung des Gegners durch die Blockade der wenigen vorhandenen Straßen durch Luftangriffe. Widersprüchliche Befehle auf deutscher Seite führten dazu, dass kein geordneter Rückzug möglich war. Deutsche Soldaten versuchten, sich in kleinen Trupps nach Westen durchzuschlagen. In den Wäldern, wo sie hofften, sich vor sowjetischen Flugzeugen verbergen zu können, wurden sie von Partisanen angegriffen. Zehntausende deutscher Soldaten fielen in diesen Tagen. Bis zuletzt verübte die Wehrmacht abscheuliche Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung: So wurde zufällig aufgegriffenen Kindern zugunsten deutscher Verwundeter das Blut abgezapft und die Sterbenden in ein Massengrab geworfen.

Majdanek befreit

Das erste operative Ziel, die Befreiung von Minsk, erreichte die Rote Armee bereits Anfang Juli; die Stadt wurde kaum noch verteidigt, die deutsche 4. Armee war auf der Flucht. So erreichte die nachstoßende Rote Armee bereits Mitte Juli polnisches Territorium. Nordöstlich von Warschau besetzten sowjetische Truppen das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka, bei Lublin wurde das Vernichtungslager Majdanek befreit. Dadurch konnte der Holocaust erstmals an seinen Tatorten belegt werden. Wenige Tage später trat in Chelm östlich von Lublin das »Komitee zur Nationalen Befreiung« in Erscheinung, die Keimzelle der späteren Volksrepublik Polen. Am nördlichen Rand des Angriffskeils stießen sowjetische Einheiten bis an die Rigaer Bucht vor; dadurch wurde die deutsche Heeresgruppe Nord eingeschlossen und besaß eine Zeitlang keine Landverbindung mehr nach Süden. Die Gesamtzahl der Verluste betrug auf deutscher Seite knapp 500.000 Soldaten – um die Hälfte mehr als in der Schlacht um Stalingrad. Auf sowjetischer Seite fielen bei der Befreiung von Belarus etwa 180.000 Soldaten, 570.000 wurden verwundet. Die Operation »Ba­gration« gilt als größte Niederlage der deutschen Militärgeschichte.

Die erfolgreiche sowjetische Offensive in Belarus wurde zum Katalysator wichtiger politischer Entwicklungen: In Deutschland fasste die Militäropposition, die sich bisher in Erwägungen ergangen hatte, ob man den auf Hitler geleisteten Treueid brechen dürfe, den Entschluss, nun doch, »koste es, was es wolle« (Henning von Tresckow), Hitler zu beseitigen. Das Scheitern des Anschlags auf Hitler am 20. Juli 1944 machte ihre Hoffnungen, den Krieg wenigstens gegenüber der Sowjetunion noch mit einem Remis beenden zu können, gegenstandslos.

In Polen veranlasste der zeitweise panikartige deutsche Rückzug von der belarussischen Front die Führung der antisowjetischen »Heimatarmee« (Armia krajowa) zu der nicht minder panikartigen Entscheidung, durch einen Aufstand wenigstens die Kontrolle über Warschau zu gewinnen, um den »Sowjets« bei der absehbaren Befreiung der Stadt als »Hausherren« gegenübertreten zu können und der Londoner Exilregierung noch einen Rest von Einfluss auf das Nachkriegsgeschehen zu verschaffen. Der überstürzt und mit viel zu wenigen Waffen begonnene Warschauer Aufstand vom 1. August 1944 scheiterte militärisch schon in den ersten Tagen; die Wehrmacht konzentrierte ihr verbliebenes Vernichtungspotential auf Verbrechen an den Zivilisten der polnischen Hauptstadt und auf deren vollständige Zerstörung. Ob die sowjetische Führung bewusst die »Schmutzarbeit«, die Elite des antisowjetischen Polens auszuschalten, den Deutschen überließ, oder ob nach sechs Wochen pausenlosen Vormarsches ihre Truppen erschöpft waren und sie nicht die Möglichkeit hatte, dem Aufstand zu Hilfe zu kommen, ist eine unter westlichen und polnischen Historikern bis heute kontrovers diskutierte Frage. Die entscheidenden sowjetischen Akten sind nach wie vor unter Verschluss.

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  • Leserbrief von Raimon Brete aus Chemnitz (1. Juli 2024 um 12:44 Uhr)
    Mit der Zeit verblassen historische Erinnerungen und Wahrheiten verschwinden im Nebel des Vergessens. Am 22. Juni 1941 überfiel das faschistische Deutschland die Sowjetunion und eröffnete damit einen beispiellosen Raubzug. Mordend und brandschatzend drangen Millionen Deutsche, Angehörige der Wehrmacht, der SS, Polizei und Beamte, in das Land ein und gingen auch gnadenlos gegen Männer, Frauen und Kinder vor. Begleitet und aktiv unterstützt wurden die deutschen Aggressoren durch faschistische Kollaborateure besonders in der Ukraine und im Baltikum. Mit Bandera wurde ein Mann installiert, der in besonderer Weise für Verrat und bedingungslose Unterstützung der deutschen Besatzer steht. In Lettland, Estland und Litauen bildeten Einheimische überwiegend freiwilligen SS-Kampfformationen, deren Angehörige heute eine »Ehrenrente« beziehen und öffentliche Aufzüge veranstalten. Militärische Verbände aus Italien beteiligten sich auch am Vernichtungsfeldzug, der letztendlich nach neueren Schätzungen 28 Millionen Sowjetbürgern und mehr als 8 Millionen Soldaten im Großen Vaterländischen Krieg das Leben kostete. Hinzu kommen über 100.000 zerstörte Städte und Dörfer, Tausende vernichtete Betrieb und fast die gesamte Infrastruktur im europäischen Teil der Sowjetunion wurde zerstört.
    Dem Überfall der Sowjetunion nach dem Plan »Barbarossa« ging 1939 die Erpressung des tschechoslowakischen Präsidenten Emil Hácha voraus, der der Okkupation seines Landes zustimmte. Am Anfang stand 1938 das Münchner Abkommen, indem der britische und französische Premierminister Arthur Neville Chamberlain und Edouard Daladier, unter Vermittlung des italienischen Faschistenführers Benito Mussolini die CSR gezwungen hatte, sogenannten Sudetengebiete an Deutschland abzutreten. Damit war für Hitler und seine Gefolgsleute der Weg nach Osten mit Leningrad – Moskau – Kaukasus, über Polen, frei. An dieser mörderischen Unternehmung beteiligten sich sowohl Ungarn als auch Rumänien.
    Das faschistische Deutschland hatte in Europa eine mächtige antikommunistische Allianz geschaffen, das ihnen die Eroberung und Vernichtung der Sowjetunion ermöglichen sollte.
    Mit den Schlachten um Moskau und Stalingrad(1941/1942) sowie dem standhaften fast 1.000tägigen Widerstand der Leningrader gegen die mörderische Blockade wurde die entscheidende Wende zur Vernichtung der faschistischen Aggressoren und Kollaborateure erzwungen. Der Weg zur Befreiung Berlins führte über die Befreiung des größten Vernichtungslagers der Deutschen in Auschwitz durch die Rote Armee. Die Landung der Alliierten zum Ende des Krieges im Juni 1944 unterstützte wesentlich diesen Befreiungsprozess, der seinen Abschluss am 8. Mai 1945 fand. Und, obwohl der Zweite Weltkrieg entschieden war, ließen die USA über Hiroshima und Nagasaki Atombomben abwerfen, was Hunderttausende Menschenleben forderte.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (24. Juni 2024 um 12:09 Uhr)
    Zum vorletzten Satz: »(…) ist eine unter westlichen und polnischen Historikern bis heute kontrovers diskutierte Frage«. Die westlichen und polnischen Historiker, also in der großen Mehrheit antikommunistisch ausgerichtet, sind für den Autor das Maß aller Dinge. Der spekulative Schluss »Die entscheidenden sowjetischen Akten sind nach wie vor unter Verschluss«, darf natürlich auch nicht fehlen. Lauterbach, wie man ihn kennt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (23. Juni 2024 um 11:12 Uhr)
    Zum letzten Satz: Bei Antipenko, Kodratjew und Kabanow (Chef rückwärtige Dienste einer Front, Chef Kfz-Dienst einer Front und Chef der Eisenbahntruppen) waren die Nachschublage und die Logistik durch den unerwarteten schnellen und tiefen Vorstoß bis an die Weichsel unbeherrschbar. Vor allem die Eisenbahnlinien waren nicht in der erforderlichen Zeit wiederherzustellen, dazu kam das Spurweitenproblem, das bis Juni 45 nicht nachhaltig gelöst war. Ohne die Eisenbahn ging damals gar nichts. Die Kfz-Truppen der Roten Armee waren damals weder von der Anzahl noch von der Nutzlast her in der Lage mehr als nur »Feuerwehr« zu sein. Tierfutter, Verpflegung, Munition, Ersatzteile, neue Waffen, Treibstoff, Ersatz und Verwundetenabfuhr für mehrere Fronten waren in bis dahin nicht dagewesenen Größenordnungen zu transportieren. Riesige Tierherden wurden deshalb von der Wolga bis zur Weichsel über Land getrieben. Zu repatriierende Sowjetbürger mussten vor Ort bleiben und in der Landwirtschaft helfen. Usw. Es dauerte Monate bis im ehemaligen Kampfgebiet die Brücken und Eisenbahnlinien wieder kriegsmäßig funktionierten mit wenigen Zugpaaren pro Tag unter provisorischen Umständen, dabei kam es zu größeren Reibereien der Frontoberfehlshaber und zu unbeständigen Entscheidungen wegen der Spurweite und den Umladeräumen. Aus meiner Kenntnis gab es damals kaum eine reelle Möglichkeit, Warschau der Zerstörung durch die Deutschen zu entreißen. Politisch mag das schon wieder komplizierter sein, aber der Triumph, die polnische Hauptstadt vor der endgültigen Zerstörung bewahrt zu haben, können weder Stalin noch die Frontoberfehlshaber unbeachtet oder opportunistisch übergangen haben. Man hat es hingenommen mangels eigener Möglichkeiten. Das ist meine Meinung.

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