75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 15. Juli 2024, Nr. 162
Die junge Welt wird von 2849 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 22.06.2024, Seite 5 / Inland
Lebensmittelindustrie

Akkord im Schlachthof

Tierleid und Fehlbetäubungen bei Millionen Schweinen. Linke fordert Ende der Arbeitshetze in Fleischbranche
Von Oliver Rast
imago0102102005h.jpg
Protest von Tierschützern vor dem Hauptsitz des Fleischindustriellen Clemens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

Kein Entkommen, kein Entrinnen. Endstation Betäubefalle. Die Elektrozange sitzt fest hinter den Ohren, dazu eine Diode am Herzen. Stromschläge schießen durch Hirn und Herz. Der massige Körper erstarrt, wirkt besinnungslos. Ein Schnitt in die Halsschlagader folgt, Blut fließt in Strömen. Nach der Waschung des leblosen Corpus werden Ohren abgetrennt, Augen herausgenommen, innere Organe entfernt – und der Körper mit einer Säge längs geteilt in zwei Hälften. Das Handwerk eines Arbeiters bei der Schweineschlachtung. Ein Knochenjob. Und oftmals unter Akkordbedingungen. Wegen der »Zeit- und Kosteneffizienz, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können«, sagen Fleischindustrielle. Nur, diese Fließbandarbeit bedeutet Hatz für Beschäftigte, Extraleid für Tiere – etwa wegen Fehlbetäubungen. Zustände, die Ina Latendorf (Die Linke) anprangert.

Denn weniger Akkord im Job müsste zu weniger Fehlern beim Betäuben von Schlachtvieh führen, oder? Das fragte die agrarpolitische Sprecherin ihrer Gruppe im Bundestag kürzlich die Ampelkoalition während der parlamentarischen Fragestunde. Die Antwort aus dem zuständigen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) liegt jW vor. Ophelia Nick, parlamentarische Staatssekretärin im BMEL, verweist auf die »einschlägigen tierschutzrechtlichen Vorschriften«, wonach Tiere in Schlachtbetrieben so zu betäuben seien, »dass sie schnell und unter Vermeidung von Schmerzen oder Leiden in einen bis zum Tod anhaltenden Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit versetzt werden«. Dafür hätten die Beschäftigten die notwendige »Sachkunde« mitzubringen. Jene Vorgaben seien vollständig und jederzeit einzuhalten, »unabhängig des Entgeltmodells«, so Nick weiter. Übersetzt: Akkordhetze hat keinen Einfluss auf fachspezifische Fehler beim Schlachten.

Eine Aussage, die durch ein jüngst veröffentlichtes Gutachten der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutz (DJGT) widerlegt sein dürfte, sagte Latendorf am Freitag gegenüber jW. Schließlich sei der Zusammenhang zwischen Zeitdruck und Fehlbetäubungen unbestreitbar. Durch Akkordlöhne würden die Arbeitenden im Schlachthof unnötig unter Stress gesetzt, »da sie zu möglichst schnellem Arbeiten angehalten werden.« Und eh, diese Art der Entlohnung sei Teil der ohnehin schon miesen Arbeitsbedingungen in der Branche.

Aber: Wie viele Fehlbetäubungen mit elektrischem Strom etwa bei Schlachtschweinen gibt es hierzulande? Die Rate liege in Deutschland nach offiziellen Zahlen bei Schweinen zwischen 3,3 und 12,5 Prozent, steht im DJGT-Gutachten. »Das sind bis zu 7,5 Millionen Schweine jährlich.« Deshalb müssten Akkordlöhne und Stückprämien im Rahmen der aktuellen Novellierung des Tierschutzgesetzes (TierSchG) verboten werden, fordert die Organisation.

Davon will das BMEL, wie erwähnt, nichts wissen – und betont lieber die Einführung einer Videoüberwachung an Schlachthöfen, wie unlängst im Entwurf zur TierSchG-Novelle beschlossen. Damit sei es Behörden besser möglich, »Tierschutzverstöße zu erkennen und abzustellen.« Völlig unzureichend und ignorant gegenüber dem Problem sachgerechter Betäubungen in der Fleischindustrie, findet hingegen Latendorf. Und: »Der Schutz von Arbeitern und Arbeiterinnen und der Tierschutz müssen zusammengedacht werden, gerade in dieser Branche.« Aber was macht statt dessen die Bundesregierung? Latendorf: Die Ampel ordne diesen Doppelschutz den Profitinteressen von Fleischereikonzernen unter. »Das ist völlig inakzeptabel.«

Großes Kino für kleines Geld!

75 Augaben für 75 €

Leider lässt die Politik das große Kino vermissen. Anders die junge Welt! Wir liefern werktäglich aktuelle Berichterstattung und dazu tiefgründige Analysen und Hintergrundberichte. Und das zum kleinen Preis: 75 Ausgaben der gedruckten Tageszeitung junge Welt erhalten Sie mit unserem Aktionsabo für nur 75 €!

Nach Ablauf endet das Abo automatisch, Sie müssen es also nicht abbestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (23. Juni 2024 um 07:49 Uhr)
    Na, da wird das Kapital aber erzittern, wenn die PdL eine bodenlose Sauerei anprangert und von der Regierung desselben Kapitals ihre Beendigung fordert. Die Arbeiterschaft des späten 19. Jahrhunderts war da im Verständnis schon deutlich weiter: »... uns (und vielleicht auch die Schweine) von dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!« Auf, auf, liebe PdL, die Welt wartet! Vielleicht nicht mehr auf euch. Aber auf Veränderung.

Mehr aus: Inland