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Aus: Ausgabe vom 21.06.2024, Seite 5 / Inland
Verkehrspolitik

A5, Highway to hell

Ampel erwägt Ausbau von Autobahn in Frankfurt am Main auf zehn Spuren. Anwohner und Umweltschützer warnen vor Lärm und Klima-GAU
Von Ralf Wurzbacher
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»In Asphalt ausgedrückter Wahnsinn«: Die noch achtspurige A 5 bei Darmstadt

Es gibt in Frankfurt am Main eine Bürgerinitiative (BI) namens »Es ist zu laut«. Darin sind Bewohner der Ortsteile Goldstein und Schwanheim organisiert, deren Häuser und Gärten »teilweise weniger als 30 Meter« an die Autobahn A 5 angrenzen. Sie kämpfen seit Jahren erfolglos für Schutzmaßnahmen gegen Gestank, Feinstaub und eine Dauerbeschallung, die »aggressiv und krank« mache. Dabei könnte alles noch viel schlimmer, sprich viel lauter, werden. Planspiele des Bundesverkehrsministeriums (BMDV) sehen für einen rund 30 Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Friedberg im Norden und dem Flughafen im Südwesten der Stadt den Ausbau der A 5 vor – auf nicht weniger als zehn Spuren und zu astronomischen Kosten.

Das Thema wird in Hessen heiß diskutiert, seit Anfang Juni die bundeseigene Autobahn GmbH eine Machbarkeitsstudie zu dem Projekt veröffentlicht hat. Die wurde zwei Jahre unter Verschluss gehalten und erst auf Initiative eines BI-Mitstreiters vor Gericht »freigeklagt«. Ein »durchgehender zehnstreifiger Ausbau« sei »grundsätzlich technisch umsetzbar« und werde zu einem »guten Verkehrsfluss« führen, lautet das zentrale Ergebnis des Gutachtens. Nach »aktueller Abschätzung« sei mit Ausgaben von rund 1,1 Milliarden Euro zu rechnen. Begründet wird das Vorhaben mit der »Verkehrsmenge«, die bis 2030 weiter steigen werde. Täglich zuckeln heute schon 200.000 Fahrzeuge rund um Frankfurt über die Autobahn, und für die Planer erscheint ein weiterer Zuwachs wie gottgegeben. Eigentlich würden sie gerne größere Brötchen backen. Es fehlte nicht viel, und sie hätten zwölf Spuren empfohlen.

Über eine Milliarde Euro »für die Klimakatastrophe und gegen die Menschen im Frankfurter Westen«, empörte sich die BI in einer Pressemitteilung: »Ohne uns!« Das könnte hinhauen. Tatsächlich müssten bei einer 50 Meter breiten Betonpiste etliche Bewohner in den Wohngebieten Neufeld, Lindenhag und Goldstein aus ihren Immobilien vertrieben werden. Der Ausbau ginge zudem zu Lasten des gefährdeten Trinkwasserschutzgebiets Stadtwald und eines Vogelschutzgebiets am Main und wäre vor allem klimapolitisch ein Sündenfall. Aber zu umweltrechtlichen Hürden steht in der Studie praktisch kein Wort. Und das Argument der Luft- und Lärmbelastung wird mit der Zunahme der Elektromobilität weggewischt. Insofern sei das Projekt sogar »nachhaltig«, befand Studienautor Justin Geistefeldt von der Universität Bochum gegenüber dem Spiegel, der am Dienstag online zu dem Fall berichtete.

Nicht alle Wissenschaftler teilen diese Haltung. Mehr Straßen hätten immer auch mehr Verkehr zur Folge, sagt etwa Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin, der deshalb ein Moratorium für den Autobahnbau fordert. Eine neuere Studie hat die Auswirkungen einer Fahrbahnverbreiterung in London von sechs auf acht Spuren untersucht. Schon ein Jahr später war die Strecke in der Rushhour so dicht wie ehedem. »Eine zehnspurige Autobahn ist in Beton und Asphalt ausgedrückter Wahnsinn«, äußerte sich am Donnerstag der Sprecher von »Bahn für alle«, Carl Waßmuth. »Abgewickelte Überholgleise verursachen bei der Bahn eine Verspätung nach der anderen und füllen so auch die Fernstraßen«, erklärte er gegenüber junge Welt. Dabei kündigte er eine ab diesem Freitag erhältliche Sonderzeitung seines Verbands an, »die zeigt, wie alle dem Teufelskreis entkommen – auch die Autofahrer«.

Noch ist nichts entschieden. Die Frankfurter Politik stemmt sich mit (Ohn-)Macht gegen die Pläne. Dafür ist die hessische CDU, die mit der SPD die Landesregierung bildet. Die Sozialdemokraten winden sich beim Thema noch, im Wahlkampf hatte der nun amtierende Verkehrsminister Kaweh Mansoori (SPD) den harten Widersacher gemimt. Jetzt sagt er, »das Auto gehört zu Hessen wie Ahle Wurst und Ebbelwei«. Das letzte Wort hat ohnehin die Ampel im Bund, und BMDV-Chef Volker Wissing (FDP) ist ein waschechter Autominister. Am Mittwoch ließ sich dessen Sprecher vor der Hauptstadtpresse keine Festlegung in der Frage entlocken. Dafür polterte der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Omid Nouripour, im ZDF: »Dieser irrsinnige Autobahnausbau wird nicht gebraucht.« Das klingt fast schon wie Zustimmung.

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