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Aus: Ausgabe vom 15.06.2024, Seite 15 / Geschichte
Kalter Krieg im US-Hinterhof

Staatsstreich wie aus dem Bilderbuch

Vor 70 Jahren putschte die CIA in Guatemala und ließ den sozialdemokratischen Präsidenten entfernen
Von Volker Hermsdorf
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Mural in Erinnerung an den Putsch gegen Jacobo Árbenz Guzmán (Guatemala-Stadt, 6.6.2004)

Wer US-Konzernen in die Quere kommt, steht mit einem Bein bereits im Grab. Das erfuhren 20 Jahre vor den Tausenden chilenischen Opfern des von der CIA organisierten Staatsstreichs gegen Präsident Salvador Allende bereits die Unterstützer von Jacobo Árbenz Guzmán, des ebenfalls demokratisch gewählten Staatsoberhauptes von Guatemala. Am 18. Juni 1954 tötete eine CIA-Invasion auch dort die Hoffnung der Bevölkerung auf weniger Armut, weniger Hunger und mehr soziale Gerechtigkeit. Neben Washington hatten lateinamerikanische Diktatoren sowie westliche Regierungen und Medien den Sturz von Árbenz vorbereitet, dem 40 Jahre lang eine von der CIA unterstützte blutige Militärdiktatur auf die andere folgte.

Mit einer Fläche von knapp 110.000 Quadratkilometern, die etwa der Größe Bulgariens entspricht, und zu dieser Zeit rund drei Millionen überwiegend indigenen Mayaeinwohnern, war Guatemala in den 1940er Jahren fest in der Hand einer kleinen einheimischen Oligarchie, ausländischer Kaffeeplantagenbesitzer und vor allem der US-amerikanischen United Fruit Company (UFC). Zwei Prozent der Bevölkerung, meist Weiße europäischer Abstammung, besaßen gut 70 Prozent der Ländereien.

Die später in Chiquita Brands International umbenannte UFC, die ihren Hauptsitz bis 1985 in Guatemala hatte, unterhielt Plantagen, die Post, die Eisenbahn und den einzigen Karibikhafen des mittelamerikanischen Landes. In der gesamten Region setzte der Konzern, der einer der größten Bananenexporteure der Welt war, seine wirtschaftlichen und politischen Interessen skrupellos durch. So schickte er 1910 ein Schiff mit Söldnern nach Honduras, um den Präsidenten zu stürzen, weil dieser sich geweigert hatte, United Fruit Steuererleichterungen zu gewähren. Am 6. Dezember 1928 wurde in Kolumbien – in einer als »Bananenmassaker« bekannt gewordenen Aktion – eine große Zahl streikender UFC-Arbeiter ermordet. In Guatemala lief dagegen bis zum Sturz des Diktators Jorge Ubico (1931–1944), der dem Unternehmen zollfreie Importe auf Baumaterialien und geringe Ausfuhrzölle auf Bananen garantierte, alles nach Wunsch. Doch nach dem Ende der Diktatur veranlasste der erste demokratisch gewählte Präsident Juan José Arévalo (1944–1949) unter anderem eine Agrarreform, besseren Arbeitsschutz und eine Reform des Bildungssystems.

Vorherrschaft bedroht

Zu seinem Nachfolger wurde 1950 mit großer Mehrheit der Sohn eines Schweizer Immigranten, der Offizier und Politiker Jacobo Árbenz Guzmán gewählt. In seiner Antrittsrede betonte der Sozialdemokrat, er wolle Guatemala von einem »rückständigen Land mit feudalistischem Wirtschaftssystem« in ein »modernes, kapitalistisches Land« umwandeln. Obwohl auch Árbenz aus der Oberschicht stammte, nahm er eine gemäßigte Landreform in Angriff. Seine Regierung enteignete gegen Entschädigung rund 530 Quadratkilometer Land der UFC und verteilte es an Kleinbauern. Betroffen waren nur brachliegende Anbauflächen, weil in Guatemala viele Menschen hungerten. Außerdem versprach die Regierung bessere Arbeitsbedingungen, darunter das Recht auf Tarifverhandlungen und Streik, Mindestlöhne und Sozialleistungen. Die einheimische Oligarchie, der allmächtige United-Fruit-Konzern, die US-Regierung, aber auch benachbarte Diktaturen und einige westliche Länder sahen dadurch ihre Vorherrschaft bedroht.

Die UFC protestierte beim US-Außenministerium und forderte unter dem Vorwand, die Regierung von Árbenz sei kommunistisch, deren Sturz. In Lateinamerika unterstützten die Diktatoren Anastasio Somoza (Nicaragua) und Rafael Leónidas Trujillo (Dominikanische Republik), die um ihre Macht bangten, den Vorschlag unter Berufung auf die »Dominotheorie«. Auch deutsche Kaffeeplantagenbesitzer, die nach der Niederlage des deutschen Faschismus in Europa wieder Morgenluft witterten, machten mit Unterstützung aus Bonn Front gegen Árbenz. »Nach Korea und Indochina ist jetzt Guatemala das Ziel der kommunistischen Angriffe«, warnte Kanzler Konrad Adenauer 1952. Im April 1953 reiste er in die USA. Im selben Jahr verhängte seine Regierung zur Unterstützung von enteigneten Plantagenbesitzern ein Kaffeeembargo gegen Guatemala.

Rote Gefahr

Der Hauptdrahtzieher des Putsches waren jedoch die United Fruit Company und deren Interessenvertreter in den USA. Washingtons Außenminister John Foster Dulles und dessen Bruder, CIA-Direktor Allen Welsh Dulles, waren als Rechtsanwälte und Lobbyisten für den Konzern tätig gewesen. Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens war mit der Privatsekretärin von US-Präsident Dwight D. Eisenhower verheiratet. Mit Erfolg fütterten sie Journalisten in aller Welt mit Dossiers über die »rote Gefahr in Guatemala«. Árbenz sei ein »gefährlicher Kommunist«, verbreiteten US-Medien unisono. In der BRD sekundierte der Spiegel unter der Schlagzeile »Unter rotem Pantoffel« (5. Mai 1953): »Die Bananenrepublik Guatemala ist der einzige nichtkommunistische Staat, in dem sich ein Kommunist alles und ein Antikommunist nichts herausnehmen darf.«

Im Laufe des Jahres 1954 zeigten die zermürbenden Kampagnen die erwünschte destabilisierende Wirkung. US-Regierung und CIA hatten eine Militäroperation zum Sturz von Árbenz, der gegen einen willfährigen Offizier ausgetauscht werden sollte, längst vorbereitet. Als »Casus Belli« diente eine tschechoslowakische Rüstungslieferung an Guatemala. Am 18. Juni marschierte die von der CIA instruierte bewaffnete Söldnerbande unter der Führung von Oberst Castillo Armas in das Land ein. Unterstützt wurden die Putschisten von US-Kampfflugzeugen, die zivile Ziele bombardierten. Ende des Monats trat Árbenz zurück und wurde durch den Diktator Castillo Armas ersetzt. Ein Zeitzeuge und Betroffener der Ereignisse war der argentinische Arzt Ernesto Che Guevara, der nach eigener Schilderung vergeblich versucht hatte, den bewaffneten Widerstand gegen die Invasoren zu organisieren und später tief enttäuscht schrieb: »In Guatemala war es notwendig, zu kämpfen. Aber niemand kämpfte.«

Von langer Hand geplant

»Der Sturz von Jacobo Árbenz Guzmán wurde fast ein Jahr lang sorgfältig und Schritt für Schritt vorbereitet. (…) Das Hauptquartier der Operation wurde in Opa Locka in den Außenbezirken von Miami errichtet. Der Diktator von Nicaragua, Anastasio Somoza, stellte sein Land als Einsatzbasis für Luftangriffe wie auch als Ausbildungsort für Söldner zur Verfügung. Dreißig Flugzeuge wurden für die ›Befreiung‹ abkommandiert und in Nicaragua, Honduras und Panama stationiert, von wo amerikanische Piloten die Einsätze flogen. Panama wurde als Waffenlager vorgesehen, aus dem die Waffen an die Rebellen verteilt wurden (…). Auch wurden Waffen, die mit falschen russischen Aufschriften versehen waren, herbeigeschafft, um sie vor der Invasion in Guatemala zu verteilen und so den Behauptungen der USA, es handele sich um eine sowjetische Intervention, größeres Gewicht zu geben. Nicht weniger wichtig als die Waffen waren die in und um Guatemala herum versteckten Radiosender, einer davon sogar in der Botschaft der Vereinigten Staaten. (…)

Für alle Fälle wurden auch an der ökonomischen Front Einsatzpläne geschmiedet, wie etwa Guatemala den Kredithahn im Ausland abzudrehen, seine Ölversorgung zu zerstören und einen Angriff auf seine Devisenreserven herbeizuführen. (…)

Am 18. Juni begann die Offensive: Flugzeuge warfen über Guatemala Flugblätter ab, in denen Árbenz zum sofortigen Rücktritt aufgefordert und damit gedroht wurde, ansonsten würden etliche Einrichtungen bombardiert. Am Nachmittag kamen die Flugzeuge zurück und belegten Häuser in der Nähe von Kasernen mit MG-Feuer, warfen Splitterbomben ab und beschossen den Präsidentenpalast. (…) Die Luftangriffe wurden die ganze folgende Woche fortgesetzt. Jeden Tag beschossen oder bombardierten die Flugzeuge Häfen, Benzintanks, Munitionsdepots, Kasernen, den internationalen Flughafen, Schulen und mehrere Städte.«

William Blum: Killing Hope, 3. Aufl., Frankfurt am Main 2015, S. 145ff.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (16. Juni 2024 um 14:15 Uhr)
    Bananenrepublik in Not: Vom Agrarreformtraum zum Albtraum Arévalo, der erste demokratisch gewählte Präsident, hatte die Dreistigkeit, an Agrarreformen, besseren Arbeitsschutz und ein gerechteres Bildungssystem zu denken. Ein Frevel! Doch noch dreister war sein Nachfolger, Jacobo Árbenz Guzmán. Ein sozialdemokratischer Offizier mit Schweizer Wurzeln, der tatsächlich dachte, Guatemala in ein modernes, kapitalistisches Land verwandeln zu können – wie vermessen! Árbenz wollte den Menschen Land geben, das brachlag und niemandem nützte, außer vielleicht den Spekulanten und Plantagenbesitzern, die es als Backup für ihre Kaffee-Imperien betrachteten. Er wagte es sogar, der allmächtigen United Fruit Company ein bisschen Fläche abzuknöpfen – gegen Entschädigung, versteht sich. Doch das war natürlich ein Affront, der nach Wiedergutmachung schrie. Die USA, immer auf der Hut, wenn es darum geht, demokratische Bewegungen in ihrem »Hinterhof« zu erkennen und zu unterdrücken, entschied, dass es Zeit für einen kleinen Staatsstreich war. Die CIA setzte ihre eleganten Hütchen auf, nahm einen kräftigen Schluck kalten Kriegs aus dem Kaffeebecher und organisierte einen Putsch, der so sauber war, dass man ihn fast schon als Kunst bezeichnen könnte. So wurde Árbenz 1954 elegant aus dem Amt gehoben, und das Experiment sozialer Gerechtigkeit in Guatemala endete so abrupt, wie es begonnen hatte. Die Oligarchie konnte aufatmen, die United Fruit Company sah ihre Bananen wieder ungestört reifen, und die CIA klopfte sich zufrieden auf die Schulter. Ein weiterer Tag, ein weiterer erfolgreicher Putsch. Zumindest lief wieder alles nach Plan – für einige wenige.

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