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Aus: Ausgabe vom 15.06.2024, Seite 8 / Inland
Rechter Schulterschluss in Mannheim

»Wir gehen von einem isolierten Ereignis aus«

Faschisten und AfD marschieren nach tödlicher Messerattacke in Mannheim auf. Ein Gespräch mit Fabian Barren
Interview: Hendrik Pachinger
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Auf Regierungslinie: Rechte Kundgebung, zu der die AfD aufrief, nach der Messerattacke in Mannheim (7.6.2024)

Faschisten sind in der vergangenen Woche in Mannheim aufmarschiert. Zum Anlass dafür nahmen sie den für einen Polizisten tödlichen Messerangriff durch einen 23jährigen Mann aus Afghanistan. Wie ist die Tat vom 31. Mai in der Stadt thematisiert worden?

Da es direkt brutale Szenen in Videoaufnahmen von der Tat in den sozialen Medien zu sehen gab, stand die Mannheimer Stadtbevölkerung zu Recht unter Schock. Erste Reaktionen von politischen Kräften waren neben Beileidsbekundungen ein direktes Anheizen der Diskussion über Abschiebungen nach Afghanistan. Die AfD sah sich in ihren Inhalten bestärkt. Teile der Presse griffen diese ohne kritische Einordnung auf. Die Debatte haben wir vorwiegend als undifferenziert wahrgenommen. Eine Mahnwache der Jungen Alternative (AfD-Jugendorganisation, jW) auf dem Marktplatz konnte am Sonntag nach der Tat nur mit Gegenprotest stattfinden, bei dem auch unserer Spontandemonstration viel Unterstützung und nach Repression durch die Polizei große Solidarität durch Umstehende entgegenkam.

Die AfD hatte für Freitag vergangener Woche zu der rechten Kundgebung mobilisiert. Wer folgte dem Aufruf?

Es kamen auch Faschisten aus dem Spektrum der Partei »Der III. Weg« und der »Identitären Bewegung« sowie Personen aus dem Hooliganspektrum mit teilweise sehr weiten Anreisen und durchweg hoher Gewaltbereitschaft. Es kam schließlich zu einem Schulterschluss zwischen der AfD und der »Bürgerbewegung Pax Europa«.

Diese hatte zum Tatzeitpunkt eine ihrer islamfeindlichen Kundgebungen abgehalten. Am Rande davon hatte der Täter mit einem Messer mehrere Menschen attackiert, darunter auch der »Pax Europa«-Mann Michael Stürzenberger. Wie hat die politische Linke in Mannheim schließlich auf die Mobilisierung, wie sie vergangene Woche erfolgt war, reagiert?

Gemeinsam mit dem Bündnis »Mannheim gegen Rechts«, von welchem wir ein Teil sind, wurde eine Demonstration vorbereitet. Die klare Zielsetzung war, die rechte Kundgebung lautstark zu stören und so ein starkes Zeichen gegen Rassismus und Islamismus zu setzen.

Betrachten Sie den Protest im Rückblick als erfolgreich?

Allein zahlenmäßig spricht der Tag für uns: Über 3.000 Antifaschisten waren auf der Straße gegen höchstens 500, aus der halben Republik angekarrte AfD-Sympathisanten, welche mit Gittern umstellt ihre Kundgebung isoliert und unter lautem Protest auf dem Mannheimer Paradeplatz abhalten mussten.

War die rechte Kraftprobe in Mannheim ein isoliertes Ereignis oder könnte daraus so etwas wie eine neue Pegida-Welle folgen?

Wir gehen stark davon aus, dass dies ein isoliertes Ereignis war. Zum einen konnte die AfD am Freitag vergangener Woche keine Erfolge feiern. Zum anderen ist der Mannheimer AfD-Kreisverband momentan nur schlecht aufgestellt und versucht zusätzlich, ein eher moderateres Auftreten an den Tag zu legen. Die Sorge, einen erneuten Dauerprotest – wie es zum Beispiel von 2018 bis 2020 im südpfälzischen Kandel der Fall war – in der Stadt zu haben, bleibt daher momentan unbegründet.

Von eigenen Aktionen haben Sie sich nicht durch die rechte Mobilisierung abhalten lassen. Eine Demo am Abend vor der Mannheimer Kommunalwahl vom 9. Juni fand wie geplant statt. Wieso war dies so wichtig?

Bereits seit Anfang Mai lief in Mannheim eine von uns organisierte Kampagne zur Kommunalwahl, mit der wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, eine linke Perspektive zu liefern. Ein Ziel dieser Kampagne war es auch, dass wir als Antifaschisten aktuelle Fragen mit eigenen Inhalten beantworten und prägen müssen. Dafür haben wir unter anderem eine eigene Broschüre veröffentlicht. Ein linker, gesellschaftlicher Gegenentwurf muss sichtbar sein, damit wir unsere Bewegung wieder mehr von der Reaktion in die Aktion holen. Als Abschluss unserer Kampagne war daher auch unsere Vorabenddemo für uns nicht verhandelbar. Das Interesse der Passanten an unseren Inhalten war groß. Das hat uns nach den zurückliegenden Tagen und Wochen zusätzlich bestärkt.

Fabian Barren ist aktiv im »Offenen Antifaschistischen Treffen Mannheim«

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