3000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Freitag, 26. Juli 2024, Nr. 172
Die junge Welt wird von 2849 GenossInnen herausgegeben
3000 Abos für die Pressefreiheit! 3000 Abos für die Pressefreiheit!
3000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 13.06.2024, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Kirschen an Türklinken

»Was für ein Glück« meint das Debütalbum der österreichischen Band Endless Wellness
Von Eileen Heerdegen
10.jpg
»Ich möchte kein Eisbär sein, ich möchte eine Zukunft« – Endless Wellness

Cedrick Mugiraneza aus Burundi hatte 2011 das zweite Gesicht und die österreichische Leitkulturdiskussion kommen sehen. Wohl auch die Folgen, und so bekannte er sich als schwarzer trachtentragender »Ösi Bua« rappend und schuhplattelnd zu den Grundfesten des Fluchtziellandes: »I bin stoiz auf mi und hob an Grund dazua / I moch des wos i wü denn i bin da Ösi Bua / I iss gern Schweinsbrotn, dazua an Leberkas, fünf Tage horte Orbeit, zwoa Tog defekt / Ois is rot-weiß-rot, das L’bn is perfekt / De Drinks w’rdn teira, trozdem bum zua.«

Sind die Initiatoren der Leitkulturdebatte »bum zua« oder gar »blunznfett«? In Wien wird jedenfalls gerade eine Kommission gebildet, die passend zu den Aufrufen zu mehr Wehrbereitschaft (nur 14 Prozent sind bereit, ihr Land mit der Waffe zu verteidigen) eine Marschroute in den Untergang festlegen soll – Dirndl, Schnitzel, Blasmusik. »So sind wir nicht«, meint Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen, und vier junge Salzburger, die jetzt in Wien leben, singen »An manchen Tagen will ich leben … und an andern lieber nicht«.

Endless Wellness heißt die Band von Philipp Auer, Adele Ischia, Milena Klien und Hjörtur Hjörleifsson, »Was für ein Glück« ihr Debütalbum, und was für ein Glück, dass es immer wieder künstlerischen Nachwuchs gibt, der mit eigensinnigen Gedanken die Welt ein bisschen vielfältiger und schöner macht.

Nur vordergründig lustige Kindheitstraumata – »Meine Mama hat gesagt, wenn ich nackig durchs Haus glaufen bin, da kommt ein Wiesel und frisst dein Spatzi« (»Hand im Gesicht«) – wechseln mit schrägen Ideen. Im Opener »Donnerwetterblitz« heißt es: »Ich weiß jetzt endlich, wo ich sein mag, das ist entweder bei Spar in der Tiefkühlabteilung oder in einer dicht gefüllten Bar« und klingt, als hätten sich Snow Patrol ganz am Anfang ihrer Karriere an The Velvet Underground versucht. »Schöne Dinge« sinniert: »Könnt ich schimmeln, wär ich weiß wie ein Turnschuh«, kippt aber gleich in tiefe Traurigkeit, die allerdings durch unnötige Reimerei augenzwinkernd an Schwere verliert: »Manchmal denk ich, es wär leichter, ich geb’ mich auf / Und schlimm wird’s, wenn ich mir das auch noch wirklich glaub’ / Dann braucht’s einen Menschen, der mich mitnimmt in die Sternwarte / Ich will mich nicht aufgeben, ich bin ja keine Postkarte.«

Musikalisch sind die elf Titel ein wilder (nicht allzu wörtlich nehmen) Mix aus Folk, Grunge, Pop, Punk, un peu de Chanson und a bisserl Protestliedermacher. Gelegentlich wabert eine Heimorgel, jault eine Hawaiigitarre, manches klingt charmant unperfekt und Sänger Auer versteht es, seine Stimme anzupassen und selbst in den leisen Partien Kitsch durch verhaltene Ironie zu verhindern.

Ironie auch in der Abrechnung mit der Elterngeneration, »Danke für alles«, verpackt in 80er Titelzitate und NDW-Anmutung: »Ich möchte kein Eisbär sein, ich möchte eine Zukunft / Wir haben heute nix versäumt, das waren die Eltern / Wenn’s nur ein paar Grad heißer wird, ich werd’ ein Fleck auf dem Asphalt / Waren das die best days of our lives?« Und niemandem das gleiche Schicksal zumuten: »Dass ich keine Kinder will mit dir, und auch sonst mit niemandem / Wo sollen die auch hin, wenn die Küste brennt / Und Rauch liegt über jedem Kontinent?«

Und trotzdem ist »Was für ein Glück« ein Album voller Leichtigkeit und Hoffnung. »Vielleicht gibt’s grad wieder Kirschen, die sind schön, wenn man sie an Türklinken hängt / Schöne Dinge trägt die Erde, hier bin ich eigentlich sehr gerne / Zeigt uns nicht von Anfang an jedes Mobile die unerträgliche Gleichgültigkeit der Sterne.«

Auch wenn man sich angesichts gesellschaftspolitischer Kälte manchmal selbst in der Tiefkühlabteilung von Spar noch besser fühlen mag, so heißt es doch: durchhalten. Nicht für den Krieg, fürs Leben: »Ich weiß jetzt endlich wo ich sein mag / Und das ist entweder zuhaus / Oder irgendwo anders / Zum Beispiel nicht zuhaus. // Ich weiß jetzt endlich wo ich sein mag / Und das hat keine Nation / Keinen Gott und keinen Bausparvertrag / Keine Resignation« (»Donnerwetterblitz«).

Endless Wellness: »Was für ein Glück« (Ink)

Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren. Denn nicht allen lernen die junge Welt kennen, da durch die Beobachtung die Werbung eingeschränkt wird.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Regio:

Mehr aus: Feuilleton