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Aus: Ausgabe vom 10.06.2024, Seite 1 / Titel
Nahostkonflikt

Tödliche Geiselbefreiung

Gazakrieg: Israels Armee richtet erneut Blutbad in Flüchtlingslager Nuseirat an. Demonstrationen für Waffenruhe reißen nicht ab
Von Knut Mellenthin
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Unter Wasserwerfern: Demonstranten fordern Waffenstillstand und Gefangenenaustausch (Tel Aviv, 8.6.2024)

Israel feiert die Rückkehr von vier Geiseln aus dem Gazastreifen, die am Sonnabend bei einer Kommandoaktion im Flüchtlingslager Nuseirat befreit wurden – eine Frau und drei Männer: Noa Argamani (26), Almog Meir Jan (21), Andrey Koslow (27) und Schlomi Ziv (40). Auf palästinensischer Seite wurden bei dem Angriff nach Stand von Sonntag mittag 226 Menschen, mehrheitlich Kinder, Jugendliche, Frauen und alte Menschen, getötet. Mehr als 400 weitere wurden verletzt. Das Al-Aksa-Krankenhaus in Zentralgaza ist durch die neu Eingelieferten, von denen viele schwere, teilweise lebensbedrohliche Verletzungen haben, extrem überlastet. Ärzte beschreiben ein »Blutbad« und Bilder »wie in einem Schlachthaus«. Auch drei weitere Geiseln seien bei der Befreiungsaktion ums Leben gekommen, gaben die Al-Kassam-Brigaden der Hamas am Sonntag auf Telegram an. Der Außenpolitikchef der EU, Josep Borrell, äußerte zugleich mit der Forderung nach »Freilassung aller verbleibenden Geiseln« auch sein »Entsetzen« über »ein weiteres Massaker an Zivilisten«. Die Zahl der seit Beginn der israelischen Kriegführung gegen die Bevölkerung des Gazastreifens Anfang Oktober 2023 Getöteten lag nach Angaben der palästinensischen Behörden am Sonntag erstmals über 37.000.

In vielen Städten Israels gab es trotz der Freude über die Befreiung der vier Geiseln auch an diesem Wochenende Demonstrationen und Kundgebungen für die rasche Vereinbarung eines umfassenden Gefangenenaustausches einschließlich eines Waffenstillstands. Die Proteste richten sich auch gegen den kompromisslosen Kriegskurs von Premierminister Benjamin Netanjahu, der um jeden Preis einen »totalen Sieg« und »die Vernichtung der Hamas« anstrebt. Die Angehörigen und Freunde der noch in Gaza Gefangengehaltenen und alle mit ihnen Bangenden und Hoffenden wissen, dass das Risiko für die übrigen Geiseln durch den Gewaltstreich vom Sonnabend gestiegen und die Chance auf die Aushandlung eines zweiten Gefangenenaustausches geringer geworden ist.

Nach offiziellen israelischen Angaben wurden bei den Angriffen bewaffneter Palästinenser am 7. Oktober vorigen Jahres 251 Menschen gefangengenommen und in den Gazastreifen verschleppt. 105 von ihnen, ausschließlich Zivilpersonen, überwiegend Frauen, Jugendliche, Kinder und alte Leute, kamen im November durch einen Gefangenenaustausch frei, der mit einer mehrtägigen Waffenruhe verbunden war. Vier andere hatten schon vorher nach Israel zurückkehren dürfen. Sieben Geiseln wurden durch Kommandoaktionen befreit, drei andere nach einem Ausbruch trotz einer mitgeführten weißen Fahne versehentlich von israelischen Soldaten erschossen. Außerdem entdeckten israelische Truppen im Gazastreifen 14 Leichen von Entführten. Insgesamt sind nach israelischen Erkenntnissen mindestens 41 Geiseln inzwischen tot.

Allgemein war erwartet worden, dass Benjamin Gantz, Chef der stärksten israelischen Oppositionspartei Nationale Einheit, am Sonnabend seinen Rückzug aus dem dreiköpfigen Kriegskabinett bekanntgeben würde. An diesem Tag lief ein Ultimatum ab, das Gantz dem Regierungschef im Mai gestellt hatte: Netanjahu solle, wie offiziell auch die US-Regierung fordert, endlich seinen Nachkriegsplan für den Gazastreifen offenlegen. Nach dem Bekanntwerden der Befreiungsaktion sagte Gantz jedoch eine angekündigte Pressekonferenz ab.

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