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Aus: Ausgabe vom 07.06.2024, Seite 15 / Feminismus
Japan

Der lange Kampf japanischer Frauen

Ohnehin gesellschaftlich diskriminiert, sind auch sexualisierte Gewalt und Belästigung weiter salonfähig
Von Igor Kusar, Tokio
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Protest gegen sexualisierte Gewalt beim Blumenfest in Saitama (11.2.2021)

Bereits 14 Jahre dauert der Leidensweg einer Angehörigen der Luftwaffe der japanischen Selbstverteidigungskräfte (SVK). Die sexistischen Sprüche begannen, gleich nachdem sie auf den Stützpunkt in Naha auf Okinawa versetzt worden war. Ein männlicher Kollege machte häufig Bemerkungen über ihren Körper und erkundigte sich öffentlich nach ihrem Sexualleben. Nach drei Jahren beschwerte sie sich bei ihrem Vorgesetzten. Dieser meinte bloß, der männliche Kollege habe Familie. Danach suchte sie während der nächsten zehn Jahre Hilfe bei nicht weniger als elf Stellen, unter anderem beim Justizministerium. Außerdem gelangte ihr Fall 2016 vors Gericht in Naha. Überall wurde sie abgewiesen. Im Februar letzten Jahres hat sie nun die japanische Regierung verklagt, da sie sich nicht genügend geschützt gefühlt habe. Der Prozess läuft noch, die nächste Anhörung findet Mitte Juni statt.

Dieses Beispiel sexualisierter Gewalt ist bei den SVK kein Einzelfall, wie eine Untersuchung des Verteidigungsministeriums im Jahr 2022 ergab. Dabei kamen mehr als 170 ähnliche Fälle ans Licht. Viele trauten sich bisher nicht an die Öffentlichkeit, aus Angst, zum Austritt aufgefordert oder bei der Beförderung übergangen zu werden. Kein Wunder, dass die SVK Mühe haben, genügend Frauen zu rekrutieren. Und das in Zeiten, in denen Japan dabei ist, seine Verteidigungsausgaben zu verdoppeln und die Armee aufzustocken. Die Zahl der Frauen, die sich im Fiskaljahr, das im März 2023 endete, bei den SVK meldeten, ist gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent zurückgegangen – nach Jahren des Zuwachses. Frauen machen in Japan nur neun Prozent des Militärpersonals aus. Zum Vergleich: In den USA sind es 17 Prozent.

Trotzdem scheint im Verteidigungsministerium kein Umdenken stattzufinden. Im vergangenen August veröffentlichte eine von der Regierung eingesetzte Kommission Vorschläge, wie Schikanierungen und sexuelle Belästigungen beseitigt werden könnten. Die Kommission sah einen Grund für deren Existenz in der ungenügenden Schulung der Soldaten. Aber gemäß Reuters haben zuständige Beamte des Verteidigungsministeriums kürzlich ausgesagt, keine Pläne für die Umsetzung der Empfehlungen zu haben.

Trotzdem gibt es bei den SVK auch Lichtblicke im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Ein Beispiel dafür ist ein Gerichtsurteil im vergangenen Dezember. Gonoi Rina hatte geklagt, nachdem sie von drei ihrer Kollegen sexuell angegriffen worden war. Das Gericht verurteilte die drei ehemaligen Soldaten zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung. Gonois Sieg sorgte für einigen Wirbel in der Presse, aber auch für bissige Bemerkungen und Attacken an ihre Adresse in den sozialen Netzwerken. 2023 war auch das Jahr, in dem viele gesetzliche Reformen genehmigt wurden, die Vergewaltigung und partnerschaftliche Gewalt strenger ahnden, wie es japanische Aktivisten seit langem gefordert hatten. So muss sich etwa ein Opfer sexualisierter Gewalt während der Tat nicht mehr zur Wehr gesetzt haben, damit es zu einer Verurteilung kommen kann.

Auch das allgemeine Bewusstsein unter japanischen Männern, dass sexualisierte Gewalt ein Problem ist, nimmt langsam zu. Trotzdem hinkt das Land in diesem Bereich hinter den meisten europäischen Staaten hinterher. Jeder und jede in Japan kennt zwar das Wort »Sekuhara« (aus dem Englischen von sexual harassment, sexuelle Belästigung). Aber viele Männer hier scheinen immer noch kein Verständnis dafür zu haben, dass sich Frauen durch sexuelle Anspielungen, obszöne Witze oder hartnäckige Avancen am Arbeitsplatz angegriffen fühlen. Experten sehen dafür strukturelle Gründe. Da die meisten Frauen nicht regulär arbeiten, werden sie in den Firmen nicht als gleichwertige Arbeitskraft akzeptiert und in vielen Bereichen diskriminiert. Und von den Frauen wird erwartet, dass sie sich mädchenhaft benehmen, und alles mit einem Kichern über sich ergehen lassen. Eine wirkliche Änderung ist erst möglich, wenn das zugrundeliegende System überholt wird.

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