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Aus: Ausgabe vom 31.05.2024, Seite 2 / Inland
Fußballrealität

»Der BVB steht jetzt für Rüstung und Krieg«

Dortmund: Kritik an Sponsorenvertrag mit Rheinmetall. Erste Gegenaktionen samt Petition an Klubbosse angelaufen. Ein Gespräch mit Utz Kowalewski
Interview: Oliver Rast
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Das Fähnchen im Wind – oder: Positionswechsel an der Eckfahne (Dortmund, 16.4.2022)

Am Dienstag wurde bekannt, dass die Profiabteilung von Borussia Dortmund einen Werbedeal mit dem Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall eingefädelt hat. Was war Ihre erste Reaktion darauf als langjähriger BVB-Fan?

Ich wurde sauer. Es dauert lange, Vertrauen aufzubauen und die PR-Kampagne des BVB rund um die »Wahre Liebe« war sicher auch teuer. Aber mit so einer Aktion zerstört man Vertrauen und Identifikation sehr schnell.

Und was mich dabei besonders ärgert: Dortmund hat eine lange Tradition als Friedensstadt. Als beispielsweise deutsche Tornados im Jugoslawien-Krieg über serbischen Städten Bomben abgeworfen haben, hat Dortmund Decken und Medikamente in die Partnerstadt Novi Sad geschickt. Als die Briten für den Afghanistan-Krieg über Dortmund die Hubschraubereinsätze über Kabul trainieren wollten, hat der Dortmunder Stadtrat sie aufgefordert, diesen Unsinn zu lassen. Auch in der aktuellen Wahlperiode hat Dortmund nach dem Erdbeben in der Türkei nicht nur Hilfe in den türkischen Teil des Katastrophengebietes geschickt, sondern auch in die unter dem Krieg leidenden kurdischen Gebieten in Syrien.

Und Feste und Feiern des BVB finden oft auf dem Dortmunder Friedensplatz statt …

Stimmt. Public Viewing für den BVB findet meistens auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus statt. Im Zentrum des Platzes steht die Friedenssäule. Auf dieser Säule wird in verschiedenen Sprachen der Friede auf Erden angemahnt. Direkt neben dem Platz steht ein Ginkgobaum, der an den Atombombenabwurf auf Hiroshima erinnern soll. Es ist kaum vorstellbar, dort auch weiterhin BVB-Veranstaltungen durchzuführen, wenn der Klub über seinen Werbepartner für Rüstung und Krieg steht.

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke rechtfertigt die zunächst auf drei Jahre angesetzte »Partnerschaft« mit Rheinmetall so: Sicherheit und Verteidigung seien elementare Eckpfeiler der hiesigen Demokratie. Ferner öffne sich der Klub mit dem Deal für einen Diskurs einer neuen Wehrhaftigkeit. Was ist daran falsch?

Das ist eine Ausrede, um die Entscheidung für die Öffentlichkeit irgendwie schönzureden. Sport sollte sich aber nicht durch die Politik instrumentalisieren lassen. Herr Watzke betont, er hätte sein Handeln mit der Spitzenpolitik abgestimmt. Dass der »grüne« Minister Robert Habeck auch gleich vor die Mikrophone tritt, um die Entscheidung zu rechtfertigen, zeigt, auf welch dünnem Eis der Deal argumentativ steht.

Steht der Werbedeal sinnbildlich für die Militarisierung des Freizeitvergnügens Fußballsport?

Es ist sicherlich nicht der erste Sponsorenvertrag im Sport, den Rheinmetall abschließt, aber sicherlich der prominenteste. Logischerweise wird der militärisch-industrielle Komplex immer wieder versuchen, sich als normalen Teil der Wirtschaft darzustellen. Es ist Aufgabe der Zivilgesellschaft, ihnen die Maske vom Gesicht zu reißen. Und die Erfahrungen zeigen, dass das durchaus möglich ist.

Aber: Der Profifußball ist durchkapitalisiert, ein Milliardenbusiness. Ist es da nicht konsequent, dass Klubbosse lukrative Verträge mit Werbepartnern abschließen, egal aus welcher Branche?

Wenn man ehrlich ist, dann ist der Rheinmetall-Deal für den BVB nicht mal wirklich lukrativ. Für drei Jahre fließen 20 Millionen Euro. Das sind zehn Millionen Euro weniger, als der Transfer eines Spielers wie Felix Nmecha gekostet hatte, der diese Saison kaum gespielt hat. Selbst wenn man alle ethischen Probleme außer acht lässt, ist das ein schlechtes Geschäft mit enormen Risiken für den BVB. Ich denke, das Management hat das ganze nicht zu Ende gedacht.

Erhoffen Sie sich antimilitaristischen Protest aus der BVB-Fanszene?

Zunächst finde ich es gut, dass der Fanrat an die Öffentlichkeit gegangen ist und sich weigert, als Feigenblatt herzuhalten. Herr Watzke hatte ja verkündet, dass auch die Fans mit dem Deal einverstanden wären. Das ist mitnichten so. Die ersten Gegenaktionen sind auch schon angelaufen. So wurde eine Petition an den BVB-Vorstand gestartet. Ich bin auch zuversichtlich, dass die Fans im Stadion wieder sehr kreativ und hartnäckig mit dem Thema umgehen werden. Fans wissen sehr genau, wie man Wirkung erzeugt. Der virtuelle Shitstorm zeigt das bereits, und zahlreiche Memes verarschen den BVB. Das gibt es selten. Ich denke, dass auch Herr Watzke nicht gerne das Gespött der Nation ist.

Utz Kowalewski ist Vorsitzender der Ratsfraktion Die Linke+ in Dortmund

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (4. Juni 2024 um 12:37 Uhr)
    Erinnern an DDR ist bis heute fast täglich erwünscht, wenn es der Kriminalisierung dient. Warum sollen nicht andere Erinnerungen ins Gedächtnis gerufen werden? Wie wurde diese DDR ob ihrer sportlichen Erfolge einst mit Schimpf und Schande belegt? Sport und Politik, ein Thema und hauptsächlicher Vorwurf an DDR-Sport. Es scheint sich hier und heute und beim eigenem Sportgeschehen keiner mehr gern daran erinnern zu wollen. Wäre doch mal interessant für einen Vergleich. Nie hat eine DDR den Sport so missbraucht für politische Interessen wie heute. Die Kommerzialisierung und politische Benutzung des Sports und der Sportler zerstört seit Jahren jedes sportliche Anliegen, wie es von den Vordenkern der Völkerfreundschaft und des Friedens gedacht war. Aktuellst zieht die deutsche Kriegsfähigkeit in den Stadien ein, findet auf dem Rasen und Banden statt. Nagelsmann ist überzeugt, von einer SEK-Einheit für seine Teamarbeit viel lernen zu können. Ein Sponsorenvertrag mit Rheinmetall spricht Bände. Sport und besonders Fußball hatte für deutsche Verantwortliche und Kommentatoren schon immer etwas Kriegerisches an sich. Es wird immer konkreter damit. Wann geht es vom Spielfeld an die Ostfront? Rheinmetall sorgt für das Siegen, vielleicht endlich für den Endsieg. Dem ersten deutschen WM-Titel, dem Wunder von Bern, muss endlich das finale Wunder folgen.
  • Leserbrief von Hans-Joachim Müller aus Bad Zwischenahn (4. Juni 2024 um 11:44 Uhr)
    In Ergänzung zu dem kommentierten Sachverhalt möchte ich Herrn Watzke vorschlagen, den »grünen« Politiker Anton Hofreiter, auch »Haubitzen-Toni« genannt, als »Mental Coach« für die Mannschaft zu verpflichten, damit die Spieler wissen, wo es in Zukunft langzugehen hat. Frau Strack-Zimmermann und Herrn Kiesewetter sollte auf jeden Fall ein ständiger Platz auf der Ehrentribüne angeboten werden, wodurch die künftige Fan-Gemeinde ihr wahres Gesicht bekäme.
    Im Ernst: Mit dieser Entscheidung der BVB-Führung wird erneut ein eindrucksvolles Beispiel dafür geliefert, was der von mir hoch geschätzte Antonio Gramsci mit dem Kampf um die »kulturelle Hegemonie« gemeint hat.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Manni Guerth (1. Juni 2024 um 20:33 Uhr)
    Der BVB hat Hitlers »Fussballschuhe« gefunden und angezogen.
  • Leserbrief von Raimon Brete und Matthias Schwander aus Chemnitz (1. Juni 2024 um 08:05 Uhr)
    Die von SPD-Kanzler verkündete Zeitenwende frisst sich unaufhörlich durch das öffentliche Leben und treibt immer neue hässliche, stinkende Blüten. Dem Machtdenken der Herrschenden folgend, erobert sie nun den deutschen Sport. Jetzt hat sie die Bandenwerbung im Visier, um für Krieg sowie Vernichtung öffentlich zu werben und die Bevölkerung kriegstüchtig zu machen. Der BVB hat sich dafür nunmehr an die Spitze gesetzt und dafür Hitlers Rüstungsschmiede ins Boot geholt. Einen Konzern, der an der Seite der Faschisten tödliche Grundlagen für den Vernichtungsfeldzug geliefert hat, dem über 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Ungeniert und ohne Scham werden wohl künftig die Spieler mit einem Trikot auflaufen, das für die deutsche Kriegspolitik Werbung macht. Widerlich! Es ist aber die Fortsetzung der Ampelpolitik, deren Vertreter heuchlerisch Frieden auf ihre Plakate schreiben, 16jährigen die Bundeswehruniform verpassen und die Wehrpflicht salonfähig machen wollen.
  • Leserbrief von B.S. aus Ammerland (31. Mai 2024 um 11:45 Uhr)
    Borussia Dortmund hat schon immer Alt- und Neonazis unter seinen Anhängern gehabt. Das ist nicht Neues, eines der Systemmedien schrieb vor Jahren von »Braunen Flecken in der Gelben Wand!« Der »geldgierige Obersepp« Watzke hat sich noch nie um Demokratie gekümmert. Sein Credo lautete stets, den Bayern eines auszuwischen, auf dem Spielfeld oder beim Sponsoren-Fishing. Natürlich kamen vom »Olymp des BVB« gerne hohle Parolen in Richtung Demokratie und Menschenrechte. »Wenn die Münze in der Kasse klingt, die Seele in den Himmel springt!« Nun aber ist es soweit, die Schwarz-Gelben lassen sich von einem Kriegs- und Rüstungskonzern sponsern, der für den Tod von zigtausenden verantwortlich ist. Und prima daran verdient. Aber es wird ja einen »Krüppel-und-Versehrten-Tag geben«, den von den Rechten in diesem Land lang herbeigesehnte »Veteranentag«. Die werden sich noch umschauen, bei dem Gesundheitsminister. Aber Watzke und Co. reihen sich nahtlos ein in die Riege der »Zeitenwende-Hälse«! Die berechtigten Proteste werden verhallen, es wird – wie immer – von den Bierseeligen, braunen Fans nur noch vom »Fußball« gesprochen werden. So ein Championsleague-Sieg ist doch wichtiger als Frieden und Demokratie.

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