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Aus: Ausgabe vom 29.05.2024, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Spam

Von Barbara Eder
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Frühformen der Massenproduktion: Spam in dezenten Dosen

Spam – kein Akronym für »stupid pointless annoying malware« – ist älter als seine elektronischen Varianten. Als Théophraste Renaudot im 17. Jahrhundert seine »Bureaux d’adresse et de rencontre« errichtete, sollten sie nicht nur den Austausch von Straßennamen fördern. Ursprünglich als Institutionen der Nachbarschaftshilfe gegründet, verteilten die Betreiber der analogen Frageämter bald schon Reklameblätter aller Art. Bei den Annoncenbureaus handelte es sich nicht nur um Auskunftgeber für wohnortbezogene Informationen, als Umschlagplätze des modernen Warentausches betrieben sie Frühformen des digitalen Direktmarketings.

Die ersten »Spammer« waren, nicht anders als die Eltern des Bill genannten Microsoft-Gründers Gates, Anwälte. Sie machten aus der migrantischen Hoffnung auf legales Bleiberecht ein Geschäft mit elektronischen Fehlinformationen. Am 12. April 1994 erreichte eine über mehrere Newsgruppen des Internetvorläufers Usenet versandte Nachricht mit einem fragwürdigen Beratungsangebot erstmals mehrere Millionen Nutzer. Das Anwaltsehepaar Martha S. Siegel und Laurence A. Canter hatte einen Programmierer damit beauftragt, eine Werbenachricht mit der Betreffzeile »Green Card Lottery – Final One?« massenhaft zu verbreiten, um damit den eigenen Kundenstock zu erweitern.

Seither macht die Dauerwerbung im Onlinepostfach nur noch selten vor etwas halt: Egal ob Schlankmacher oder Potenzmittel, Krankenversicherung oder »Green Card« – als pervertierte Form des Gabentausches ist die Digitalökonomie des Internets per automatisiertem Massenversand zu sich gekommen. Unseren täglichen Potlatsch gib uns heute – als Pressemeldung in Permanenz, kostenfreies Penisverlängerungsangebot oder Selbstannoncierung ohne dechiffrierbaren Absender. Auch das ist Futter für die Massen – etymologisch ging Ham dem Spam voraus: Das während des Zweiten Weltkriegs als »Special Army Meat« gehandelte Konservenfleisch der Firma George A. Hormel & Company wurde unter dem Eigennamen »SPAM« als Massenverpflegungsmittel für Kriegstruppen beworben.

Jeden Tag verlassen zu viele unerwünschte Botschaften den virtuellen Taubenkobel: Bis zu 85 Prozent aller E-Mails sind Spam, die elektronischen Fäkalbomben verstopfen unzählige Mailboxen und kosten wertvollen Speicherplatz. Zur Beseitigung beschäftigen kommerzielle Provider digitale Reinigungskräfte, die in den kleinen Kojen sogenannter Cleaningcenter Onlinepostfächer bearbeiten. Von Orten, die nicht selten fernab von Europa liegen, befreien sie unwissende Nutzer von unerwünschtem Müll. Weitere Teile der virtuellen Putzaktivitäten laufen bereits automatisch ab – mit einem entscheidenden Nachteil: Nicht alles, was bei den skriptbasierten Bannungsversuchen von Gmail und Co. auf falsche Listen gerät, ist am Ende auch Taubenkot. Die Logik der schwarzen Liste ist oft nur dem Anschein nach eine trennscharfe, in ihrer binären Unterscheidung lebt eine alte, manichäische Idee fort: Während Dunkles abweist, eröffnet Helles die Fahrt ins Freie.

Das allgegenwärtige Spam-Bombardement ist die Kehrseite der frühen Verheißungen einer Digitalökonomie, die mit Open Source und commonsbasierter Peerproduktion ein Gegenmodell zur kommerziellen Selbstvermarktung im Internet 4.0 schaffen wollte. Was nach der ursprünglichen Akkumulation konvivialer Codes durch die US-dominierte GAMAM-Industrie von diesem Versprechen übrig geblieben ist, sind die schillernden Oberflächen marktkonformer Ich-AGs. Mithilfe von Spam müssen sie ihre Warenkörbe füllen – selbst dann, wenn das letzte Hemd bereits auf Ebay verkauft und das Vorzimmer über Airbnb vermietet ist. Die digitalen Selbstvermarktungsmaßnahmen werden dieser Tage nicht selten von Bots besorgt – zwecks automatisierter Distribution sinnloser Werbeangebote in eigener Sache.

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