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Aus: Ausgabe vom 23.05.2024, Seite 11 / Feuilleton
Festivalfilm

Von Schafen und Fischen

Am Pfingstwochenende endete das trinationale Neiße-Filmfestival 2024
Von F.-B. Habel
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Lesen wie ein Lamm in Klaudiusz Chrostowskis Spielfilm »Ultima Thule«

»Die Schafherde wurde aus dem Drehbuch wieder gestrichen, weil sie als zu klischeehaft aufgefasst werden könnte«, verriet Regisseur Tuna Kaptan in Zittau von den Dreharbeiten zu seinem Spielfilm »Rohbau« über die lebensgefährliche Ausbeutung ausländischer Arbeiter. Der Film begleitet die beiden ungleichen Helden – einen ehrgeizigen Görlitzer Bauleiter und eine albanische Halbwüchsige – von einer deutschen Großstadt in ein albanisches Dorf. Doch dort traf man ungeplant auf die beschriebenen Schafe mit urwüchsigem Hirten, ein Zeichen, dass sie doch in den Film gehörten. Der Film gewann in Görlitz den Publikumspreis in der Sparte Spielfilm.

Symbol des Neiße-Filmfestivals, das alljährlich in polnischen, tschechischen und deutschen Spielstätten des Dreiländerecks stattfindet, sind die Neiße-Fische. Doch in diesem Jahr wurden sie von Schafen übertrumpft – die tauchten gleich in mehreren Filmen auf. In »Landshaft« aus dem Dokumentarfilmwettbewerb besucht der deutsche Filmemacher Daniel Kötter das zwischen Aserbaidschan und Armenien umkämpfte Bergkarabach, um mit Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Sich hier vor der Kamera zu äußern, erfordert Mut. Darum muss der Regisseur auf Bilder von Straßen und Landschaften ausweichen, von Kartoffelernte und Schafherden.

Der Film mit den eindrucksvollsten Schafen kam aus Polen und führte ebenfalls in die Ferne. Regisseur Klaudiusz Chrostowski erzählt in »Ultima Thule« von einem jungen Mann, den es nach dem Tod seines Vaters quasi »ans Ende der Welt« zieht, auf die nördlichste der Shetlandinseln kurz vor dem Polarkreis. Er trifft hier auf einen Torfstecher und Schäfer (Arthur Henri), dem er zur Hand geht. Hauptdarsteller Jakub Gierszał trägt den Film, den er mitproduziert hat, fast allein. Einen originellen Mitspieler hat er in dem kleinen braunen Schaf Cupcake (Napfkuchen), mit dem er sich anfreundet. Die Sonderheit dieses stillen Films würdigte die Jury, die ihm den Drehbuchpreis zuerkannte: »Auslassen und Wesentliches nur so weit zu erzählen, dass den Zuschauenden der berühmte rote Faden nicht verloren geht. Auf Dialoge verzichten und innere Stimmungen in Bildern beschreiben, ist eine große Kunst und leider auch sehr selten im Meer der Filme, die alles zweimal erklären.«

Das Leben mit Tieren spielt auch im polnischen Film »So gut wie nichts« (Tyle co nic) von Grzegorz Debowski eine Rolle, der den Neiße-Fisch des Spielfilmwettbewerbs gewann. Er thema­tisiert eine bäuerliche Protest­aktion, die blutig endet. Auch in Polen ist man mit Vorgaben der Brüsseler Agrarpolitik nicht einverstanden. Der Regisseur erzählt das Thema nicht vordergründig. »Mit präziser Kamera und Montage verfolgt der Film diese gesellschaftliche Spaltung. Er zeigt aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Menschen, die uns alle ernähren und deshalb nicht egal sein sollten«, so die Juroren.

Ein Film über ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts kam aus Tschechien und der Slowakei. Regisseur Robert Kirchhoff hatte seinen Film »Alle Menschen werden Brüder« mehrere Jahre lang vorbereitet, um das Leben des ehemaligen tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Alexander Dubček zu erzählen. Er schlägt dabei einen Bogen, der überraschenderweise im damaligen Kirgisien beginnt und im heutigen Kirgistan endet. Denn der gebürtige Slowake lebte als Kind in der Sowjetunion, wo er Maschinenschlosser wurde und der Kommunistischen Partei beitrat. Mit vielen Dokumentaraufnahmen und erhellenden Zeitzeugengesprächen wird Dubčeks Weg durch den Prager Frühling von 1968 nachverfolgt. Dabei wird auch die These widerlegt, er sei gegenüber Leonid Breschnew ein Feigling gewesen, und versucht, seinen Weg ab 1990 zur Sozialdemokratie zu verstehen.

Alljährlich richtet das Festival seinen Fokus auf ein besonderes Thema. Diesmal waren es weibliche Perspektiven, und nicht nur in dieser Reihe gab es starke Frauen zu sehen. So wurde der Darstellerpreis ex aequo an Magdalena Cielecka und Marta Nieradkiewicz verliehen, für ihre Performance im polnischen Wettbewerbsfilm »Lęk« (Angst) von Sławomir Fabicki über zwei ungleiche Schwestern auf einer Reise, von der eine nicht wiederkehren wird. Eine Auszeichnung, mit der man im Dreiländereck gern mitging.

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