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Wien

Von Helmut Höge
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Was die Flüsse in Schweden sind die Straßen in Wien: sauber. Eine Kippe fallen lassen kostet 90 Euro. Dann die ganzen Gärten und Parkanlagen: Überall rupfen, zupfen und harken Gärtner. Und schließlich die Kultur und Kunst: Ständig stößt man auf zum Teil gigantische Museen, Musentempel, Schlösser, Theaterhäuser. Allein gegen das Museumsquartier (90.000 Quadratmeter, 60 kulturelle Institutionen) ist das Berliner Humboldt-Forum ein Witz. Das riesige Barockschloss Belvedere besteht gar aus zwei Schlössern, das »obere« und das »untere«. Die noch größere musealisierte Hofburg nebst »Heldenplatz« beinhaltet zudem ein Sissi-Museum und ein Kutschenmuseum. Am Schloss Schönbrunn und im dazugehörigen Tierpark musste ich ständig Ehepaare aus China, Italien und Frankreich vor Brunnen mit Neptun und entblößten MILFs fotografieren – auf ihren Wunsch hin, weil beide aufs Bild wollten. Mich begeisterten eher die Lemuren und Gibbons.

Das Herrschaftsgebiet der Habsburger, das sie durch Erbschaft und Eroberungen zusammenbrachten, bestand im Kern aus ihren Erblanden, den Ländern der böhmischen und der ungarischen Krone, einem Großteil der ehemals burgundischen Niederlande und den Herzogtümern Mailand und Toskana. Dann wurde auch noch das Königreich Spanien mitsamt seinem Kolonialreich und dem Königreich Neapel sowie zeitweilig auch Portugal und seine Überseebesitzungen Teil des Habsburgerreichs – in dem »die Sonne nie (mehr) unterging«.

Aber mit der Zeit wurde dieses Reich immer kleiner, dann mit dem »Anschluß« an »Großdeutschland« aber noch einmal kurz bis 1945 erneut riesig – bis es nun als kleine Republik Österreich allen feindlichen Übernahmen Ade gesagt hat und statt dessen mit Kunst, vornehmlich in Wien, prunkt und punktet.

Nicht wie Berlin mit Easyjettern, die ihren Kurzurlaub in den Klubs durchtanzen, um das Hotelgeld zu sparen, sondern mit gutbetuchtem Publikum aus aller Welt, das geradezu versessen darauf ist, Unsummen für das Wiener Kulturangebot auszugeben. Und da sitzen sie nun dickbäuchig und andächtig z. B. unter der goldenen Kuppel des Secessionsgebäudes und lassen sich von einer Kunsthistorikerin weitschweifig den Beethovenfries von Gustav Klimt erklären. Er besteht, wie so vieles von Klimt und u. a. dem Prager Alfons Mucha, aus vergoldeten nackten dünnen Mädchen. Daher der Päderastenkosename »Jugendstil«. Wenn die Touristen unter dem Fries das vielleicht auch ahnen, so lassen sie sich das als Kunstbegeisterte nicht anmerken.

Mit Gold hat es auch Friedensreich Hundertwasser, nur dass er statt nackerter Dirndl eher »dunkelbunte« Ründungen und Ökoidyllen malte. Daneben entwarf er ganze Dörfer und Häuser. Das Hundertwasserhaus Wien und das Hundertwasser Village sind nahezu rechtecklos. Sie wurden im letzten Monat von mehr als 100.000 Nutzern besucht. Das »Village« ist mit Souvenirkitsch aus China und Kopien von Klimt- und Mucha-Bildern vollgestopft. Ein drittes, das Kunsthaus Wien, widmet derzeit dem »Ökosystem Wald« eine Ausstellung.

Im Theseustempel des Volksgartens geht es dagegen um »die Beziehung zwischen Mensch und Tier,« wie die aus den Emiraten stammende Künstlerin Zeinab Alhashemi ihre Installation erklärt. Sie besteht aus 15 pyramidal gestapelten Ölfässern, die mit Kamelfellen umkleidet sind. Jedes Fell fühlt sich anders an, man soll sie aber nicht berühren, die Pyramide könnte einstürzen. Passend dazu zeigt das schicke Weltmuseum Wien im Komplex der Hofburg »das Zusammenleben mit Kamelen und ihren Verwandten«. Die Ausstellung »erzählt von vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Begegnungen mit Kameliden«. Die UNO hat nämlich »2024 zum Jahr der Kameliden erklärt«.

Die pleitegegangene Signa-Gruppe von René Benko, die aus über 1.000 Einzelgesellschaften bestand, hatte ihren Firmensitz im Wiener Goldenen Quartier. Es ist von derart vielen sündhaft teuren Geschäften umringt, dass der Westberliner Kurfürstendamm dagegen nur abstinken kann.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (21. Mai 2024 um 11:11 Uhr)
    Wien ist einfach geil! Berlin hält da keinem Vergleich stand, in Wien ist einfach alles besser …

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