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Aus: Ausgabe vom 14.05.2024, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Verwirklichung der Mensch-Maschine

Zwei Klaviere, ein Pianist: Kelly Moran spielt das Unspielbare
Von Alexander Kasbohm
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Ein »Mehr« ohne »Zuviel«: Kelly Moran

Am ehesten ist die US-amerikanische Pianistin und Komponistin Kelly Moran in »Indie-Kreisen« (was immer das heute noch bedeuten mag oder nicht) durch ihre Zusammenarbeiten mit Künstlern wie Oneohtrix Point Never, FKA twigs, und Yves Tumor bekannt. »Moves in the Field« ist ihr zweites Album für Warp Records und das erste, das sie für zwei Klaviere geschrieben hat. Jedoch nicht für zwei Pianisten: Ihr Ausrüster hat ihr ein Disklavier zur Verfügung gestellt, das ihr ermöglicht, mit sich selbst im Duett zu spielen. Im Prinzip ist es eine Weiterentwicklung des Player Pianos, wie wir es von Conlon Nancarrow, György Ligeti und aus Saloonszenen zahlloser Western kennen. Nur, dass das Disklavier selbst feinste Nuancen wiedergeben kann und Manipulationsmöglichkeiten eröffnet. Vor allem ist es möglich, Passagen am Computer zu programmieren und dann vom Klavier spielen zu lassen – hier liegt der Unterschied zum Aufnehmen und Manipulieren verschiedener selbsteingespielter Spuren am Computer. Aphex Twin benutzte für sein Stück »Avril 14th« auf dem Album »Drukqs« ebenfalls ein Disklavier.

Nun ist jede Erweiterung von Möglichkeiten auch mit Risiken behaftet. Alles machen können, was man schon immer wollte, kann lähmen. Das Spannende an jedweder Kreativität ist zumeist der Versuch, Begrenzungen zu überwinden. Nicht umsonst haben Kraftwerk ziemlich genau in dem historischen Moment ihren Betrieb weitgehend eingestellt, in dem die Technik zu ihren Ideen aufgeschlossen hatte.

Eine zweite Falle der unbegrenzten Möglichkeiten: Sie verleiten dazu, nach einer bisher nicht umsetzbaren technischen Virtuosität zu streben, zu einem »Zu viele Noten, lieber Mozart«, zu einer Umsetzung der malmsteen’schen Devise des »More is more«. Die Gefahr ist, kurz gesagt, die Überbetonung der Perfektion.

Aber noch mal zurück zu Kraftwerk: Natürlich kann man Morans Arbeit mit dem Disklavier auch als Verwirklichung der Mensch-Maschine lesen. Als Versuch, die physischen Beschränkungen, die die Natur dem Menschen auferlegt hat, zu überwinden. Nicht als Selbstzweck, sondern als philosophisch-musikalisches Experiment. Bislang hat Kelly Moran vorwiegend mit dem »Prepared Piano« gearbeitet, also einem Klavier, das mechanisch manipuliert wurde, um seine Eigenschaften zu verändern. Auf »Moves in the Field« konzentriert sie sich auf den puren Klang des Pianos und spielt das Unspielbare. Und das macht sie mit formidabler Eleganz und Zurückhaltung. Sie ringt dem Disklavier ein »Mehr« ab, ohne ins »Zuviel« zu rutschen.

Hatte sie bislang das Klavier (per Präparation) verändert, lässt sie jetzt sich selbst, bzw. ihre Art zu komponieren, durch das Klavier verändern. Die klangliche Vielschichtigkeit tritt zurück, zugunsten größerer Klarheit und überraschenderweise auch größerer Sensibilität. Kelly Moran befindet sich hier in erweiterten Selbstgesprächen, oder vielmehr: in Gesprächen mit einer erweiterten Version ihrer selbst. Relativ kurze Sequenzen verschieben sich, entwickeln sich, verändern sich gegenseitig. Keine instrumentale Angeberei, sie hat ihren inneren Malmsteen gut im Griff, statt dessen Sanftheit und Sensibilität. Der experimentelle Aspekt von Morans hat sich vom Klanglichen ins Kompositorische verschoben. Rezension Kurzfassung: Perlt ganz ausgezeichnet.

Kelly Moran: »Moves in the Field« (Warp)

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