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Aus: Ausgabe vom 16.05.2024, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Harte Arbeit

Zum Tod von Alice Munro
Von Michael Saager
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»Glück ist kompliziert« – Alice Munro

Wenn Carla unglücklich ist, vermeiden die von ihr geliebten Pferde jeden Blickkontakt. So beginnt die Erzählung »Ausreißer« von Alice Munro. Der Leser fragt sich: Möglicherweise sind Pferde so, aber was bedeutet das? Beantwortet wird es glücklicherweise nicht.

Bedingungslos geliebt fühlt sich die junge Carla nicht von ihrem streitsüchtigen Ehemann Clark, sondern von der kleinen Ziege Flora, aber die ist spurlos verschwunden. Das junge Paar lebt auf dem Land in einem Wohnwagen. Geld verdient Carla bei Mrs. Jamieson – einer hochgebildeten Dame, die sich in den mädchenhaften Charme ihrer Putzfrau verguckt hat, und nach deren Zusammenbruch Carlas »Flucht« nach Toronto arrangiert. Die niederschmetternde Geschichte aus Munros Erzählband »Tricks« ist damit nicht zu Ende erzählt. Doch was heißt das schon: zu Ende? Munros Short Stories lassen sich kaum zusammenfassen, sind dafür zu komprimiert, zu detailliert und wendungsreich, zu tief im Dick­icht widersprüchlicher Gefühle verankert.

Trotz meisterlicher Dialoge ist Munros Stil erstaunlich schmucklos, allerdings von um so größerer Klarheit. Die Kanadierin debütierte 1968 mit dem Erzählband »Tanz der seligen Geister« und hat bis auf einen Roman nur Kurzgeschichten veröffentlicht, die immer eine Vielzahl kleiner Alltagsdramen enthalten und bisweilen auf subtile Art unheimlich sind. Wie ihre Frauenfiguren aus dem kanadischen Hinterland der 50er und 60er Jahre sich in verkrusteten Beziehungen zu behaupten versuchen, beschäftigt die Gedanken weit über die Lektüre hinaus. Die Geschichten enden mit offenen Fragen, verstörenden Schlussakkorden. Und so lassen einen ihre Figuren nicht los, die so gerne frei und glücklich wären, aber so schwer unter eigenen und fremden Erwartungen ächzen. Schwach und hilflos sind sie deshalb nicht. »Glück ist kompliziert«, sagte Munro einmal. Und: »Glück ist harte Arbeit.«

1931 als Tochter eines kanadischen Pelztierzüchters und Farmers geboren, sollte Munro einen Farmer heiraten, weigerte sich, brach ein Journalismusstudium ab, wurde Hausfrau und Mutter mehrerer Töchter. Die Zeit zum Schreiben ihrer Short Stories, die es in ihrer Virtuosität mit denen von F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Sherwood Anderson und Raymond Carver aufnehmen können, musste sie sich »zusammenstehlen«, wie sie selbst sagte.

2013 erhielt Munro den Literaturnobelpreis. »Sie kann mehr auf 30 Seiten sagen als andere Autoren auf 300«, hieß es in der Urteilsbegründung. Ihre Freude über den Preis sei »grenzenlos« gewesen. Sie wusste, für wen sie ihn gewonnen hatte: »Für uns als Frauen.« Am Montag ist Munro im Alter von 92 Jahren in der Provinz Ontario im Osten Kanadas gestorben.

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