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Aus: Ausgabe vom 16.05.2024, Seite 4 / Inland
Internationale Solidarität

»Good Night, White Flora!«

Kulturzentrum in Hamburg: Internationalisten protestieren mit symbolischer Wiederbesetzung
Von Susann Witt-Stahl
Rote Flora 14-05-24.jpg
Vor der Roten Flora am Dienstag

Mit Hupen und anderem Beifall, vor allem aber mit Staunen reagierten Passanten am späten Dienstag nachmittag auf »Hoch die internationale Solidarität!«-Rufe vom Balkon der Roten Flora. Rund 50 vorwiegend migrantische Antiimperialisten hatten das autonome Kulturzentrum im einst alternativen, heute gentrifizierten Hamburger Schanzenviertel kurzzeitig symbolisch besetzt. Sie hielten Transparente mit der Aufschrift »Good Night, White Flora!« und »Häuser ohne Linke für Linke ohne Häuser!« – in ironischer Anlehnung an das Gründungsideologem des Zionismus (»Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land«): Eine Protestaktion gegen die »Querfront für die deutsche Staatsräson«, die sich in der Roten Flora formiert, eine »repressive Atmosphäre« geschaffen habe und Internationalisten »den Mund verbieten« würde, wie es in ihrer Erklärung heißt.

Die Rote Flora verbreitet seit 20 Jahren ein postmodernes Weltbild aus Versatzstücken linker Emanzipations- und Identitätspolitik, neoliberalem Konsumismus, aber auch bürgerlichen rechten Ideologien, wie der Totalitarismustheorie. Bereits 2004 hatte ihr Plenum mit einem »The Good and the Evil«-Papier eine rigorose Abrechnung mit dem Antiimperialismus und revolutionären Marxismus verabschiedet, den einige Rot-Floristen acht Jahre später auf einer Veranstaltung mit dem Begriff »Klassenkampf-Antisemitismus« belegten und unter anderem gegen Lenin und die kommunistische Arbeiterbewegung in Stellung brachten: Die Tatsachenbehauptung, dass Israel »Brückenkopf des US-Imperialismus« im Nahen Osten ist, wurde als »antisemitische Stereotype« diskreditiert, ebenso ein »einfaches Gut-böse-Bild von den bösen UnterdrückerInnen ›da oben‹ und dem guten unterdrückten ›Volk‹«. 2007 zierte ein Verbotsschild für die Kufija und das Friedenstaubensymbol den Rote-Flora-Veranstaltungskalender. Eine Demonstration gegen »linken Antisemitismus« 2009, die der damalige Sprecher der Roten Flora, Andreas Blechschmidt, angemeldet hatte, gipfelte in Westliche-Welt-Chauvinismus: »Antideutsche«, die mit Israel- und USA-Fahnen die Spitze des revisionistischen Spektakels bildeten, grölten »Wir tragen Gucci, wir tragen Prada – Tod der Intifada!« und »Gaza, knie nieder, die Siedler kommen wieder!«

Seit letztere, nicht selten als Angehörige der israelischen Armee, mit Rückendeckung der ultrarechten Netanjahu-Regierung völlig ungehindert morden und brandschatzen, hat die Rote Flora zwar eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Es wird eingeräumt, dass es antipalästinensischen Rassismus, sogar rechte »weiße christlich-erzogene Antisemit*innen« gibt, wie aus einem von ihrem Plenum verbreiteten Aufruf zu einer Kundgebung zu erfahren ist, für die man sich am 26. Oktober 2023 vor dem Haus unter der Nationalfahne Israels versammelte. Es wird auch bedauert, dass unter den »Bombardierungen des Gazastreifens durch das israelische Militär, sowie fehlgezündeten Raketen der Hamas« Zivilisten leiden. Aber gegen die ethnischen Säuberungen in den Palästinensergebieten äußert die Rote Flora keine Einwände – erst recht nicht gegen die deutschen Waffenlieferungen an Israel. Dafür werden um so lautstarker angeblich »antisemitische Parolen« der Antikriegsbewegung angeprangert.

Der Widerständigkeit suggerierende Werbeslogan »Flora bleibt unverträglich« sei der »blanke Hohn«, das Zentrum sei weitgehend »zur Echokammer des NATO-Imperialismus verkommen«. Daher sei die symbolische Wiederbesetzung nur »der erste Schritt«, so eine Aktivistin gegenüber jW. Ihr Ziel sei, dass antiimperialistische Positionen wieder »den Ton angeben« in der heute vorwiegend als Partylocation genutzten Roten Flora. In Hamburg würden dringend Räume gebraucht, in denen migrantische, insbesondere palästinensische und jüdische Linke »frei sprechen und Veranstaltungen machen können, ohne von der Springer-Antifa attackiert zu werden«.

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  • Leserbrief von Hans Wiepert aus Berlin (16. Mai 2024 um 17:01 Uhr)
    Hoffentlich bewirkt diese Aktion vorwiegend junger, migrantischer Menschen, dass bei der »Roten Flora« eine überfällige Neuorientierung einsetzt: Weg von einer reflexhaften Verherrlichung des Netanjahustans der alten, weißen Siedler. Und hin zu einer – in anderen Ländern längst üblichen – Respektierung der palästinensischen Anliegen. Diese müssen als genauso selbstverständlich anerkannt werden wie die kurdischen in der Türkei. Genauso wie es keine Türkenfeindlichkeit ist, wenn man nationalistischen »Grauen Wölfen« widerspricht, ist es kein Antisemitismus, wenn man energisch Zionisten entgegentritt.
  • Leserbrief von Teddi aus Hamburg (16. Mai 2024 um 11:04 Uhr)
    Diese Aktion zeugt von Politischer Unfähigkeit. Es wird ein Feind angegangen, der so nicht existiert. Dafür hundert Jahre alte Beispiele rangezogen und Vorurteile aufgebaut. Peinlich und einem Marxisten unwürdig. Leider hat sich ein kleiner Teil der linken in diese Postcolonial-Studies-Sackgasse begeben, beziehungsweise sich nur Versatzstücke dieser angeeignet und, den Diskurs, die Kritikfähigkeit und das eigene Denken durch ne bipolare Weltsicht ausgetauscht, welche nicht soweit von einem Ethnopluralismus einer Identitätenbewegung entfernt ist. Mit Marxismus hat dieses identitäre Gehabe nix zu tun. Des weiteren hat die Religionskritik in der Linken seine Berechtigung und ich schnalle null diese kleinbürgerliche Anspruchshaltung. Ich meine, bei aller Kritik an der Flora, warum sollten sie das nach all ihrer Arbeit einfach irgendwelchen dahergelaufenen Hanseln überlassen. In ihren Absolutismus und krankhaften Arroganz vorgetragen Moralismus sind sie nicht weit entfernt von Religiösen Sektierern. Gebe den noch zwei Jahren bis zur Queerfront mit Muslim Interaktiv. »Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.« Wenn die junge Welt nur noch zum Sprachrohr für verrückte wird, ist bald das Abo Geschichte. Etwas journalistische Einordnung wäre schon angebracht. Beste Grüße
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Hans Christoph S. aus Frankfurt am Main (17. Mai 2024 um 10:18 Uhr)
      Die Aktion gegen die »Rote Flora« kann ich nur voll und ganz begrüßen. Schade, dass sie derzeit noch nicht als Dauerzustand bleibt. Seit Jahren ist die »antideutsche« Szene ironischerweise so etwas wie eine nationale Besonderheit Deutschlands und Österreichs. Kaum jemand in der weltweiten Linken teilt die politischen und historischen Grundannahmen dieser ideologischen Sumpfdotterblumen der deutschen imperialistischen Gesellschaft, auch wenn sie hierzulande inzwischen Teil des medialen Mainstreams geworden ist. Wenn nun hier von einer künftigen »Querfront« antiimperialistischer Kräfte mit fundamentalistischen Muslimen phantasiert wird, ist daran zu erinnern: Martin Sellner hat bereits vor Jahren prognostiziert, dass es künftig gut möglich sei, gemeinsame Aktionen von »antideutscher Antifa« und Identititärer Bewegung zu erleben, wenn es gegen »den Islam« und für die »Verteidigung des Abendlands« gehe. Sehr weit von solchen Prophezeiungen sind die vermeintlich religionskritischen Äußerungen des obigen Leserbriefs nicht, wobei gleich hinzuzufügen ist: Es geht natürlich beiden Seiten nicht nur um »den Islam«, sondern um die Verteidigung des zionistischen Siedlerkolonialismus. Dessen Staat kämpft heute für alle Welt sichtbar auf verlorenem Posten, selbst wenn er die genozidale Vernichtung des Gazastreifens militärisch gewinnen sollte. Die besten Freunde des zionistischen Staats sind heute die USA, die deutsche Staatsräson und ihr imperialistischer Staat, Ungarn, einige Südseeinseln und derzeit noch die »Rote Flora«. Politisch und moralisch werden Israel und seine nibelungentreuen Parteigänger:innen den Krieg gegen Palästina nicht gewinnen können, ebensowenig wie die schon heute von einer weltweit rasch wachsenden Zahl von Menschen heftig abgelehnte falsche und antisemitische Identifizierung von »Israel« mit »den Juden«, von Antizionismus und Antisemitismus. Möge auch die »deutsche Staatsräson« bald in Frieden ruhen!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Manni Guerth (16. Mai 2024 um 22:09 Uhr)
      Sie sehen den Kern der der Sache nicht und verstehen deshalb eigentlich garnix. Der Kern der Sache ist, dass es hier um das zionistische Gebilde mit Namen Israel und dessen Sponsoren USA und BRD geht. Von Beginn an betreibt Israel Landraub ermordet ständig Menschen und betreibt gegenwärtig Völkermord an den Palästinensern. Das sind unwiderlegbare Tatsachen. Das die BRD-Regierung Israel mit Waffen und Geld unterstützt, z. B. U-Boote, die mit Atomwaffen bestückt werden können, und diese Waffen und Gelder für Landraub und Krieg eingesetzt worden ist Fakt. Viele von den Apologeten, die mit dem Völkermord an den Palästinenser einverstanden sind, hocken in der Flora und nennen sich Antideutsche etc. Ich wohne in Altona und habe mich damals für den Aufbau der Flora starkgemacht. Nach dem Brand wurde viel zerstört. Aus der Flora wurde eine politische Spielwiese für Bürgerkinder mit idiotischen Ideen und kleinbürgerlicher Politik. Ich bin positiv überrascht und freue mich, dass es offenbar Menschen gibt, die gewillt sind, die idiotischen Bürgerkinder auf die Straße zu setzen.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph S. aus Frankfurt (16. Mai 2024 um 17:04 Uhr)
      Vorab: Ich bin kein Hamburger und kenne die möglicherweise existierenden Besonderheiten in der dortigen »linken Szene« nicht. Allerdings ist mir an Teddis Leserbrief nun etwas aufgefallen, was mir ein spezifisch westdeutsches Problem zu sein scheint: Da sind Teile der »linken Szene« vor Jahren zum »Marsch durch die Institutionen« angetreten und haben, während sie so marschiert sind, ihren Frieden mit dem Kapitalismus gemacht. Nicht zuletzt, um die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Diesen Teilen der »linken Szene« darf man nicht verübeln, dass sie ihr jeweiliges Projekt nicht »irgendwelchen dahergelaufenen Hanseln überlassen« wollen. Jenen »Verrückten« gebührt nämlich nur, mit voller verbaler Wucht in die Schranken gewiesen zu werden. Handelt es sich bei ihnen nach Teddis Analyse doch nur um verrückte, politisch unfähige, in einer Postcolonial-Studies-Sackgasse verirrte Nicht-Marxisten mit bipolarer Weltsicht, die eine bipolare Weltsicht haben und mit ihrer kleinbürgerlichen Anspruchshaltung einen Absolutismus und krankhaften Arroganz an den Tag legend, nicht weit entfernt sind von religiösen Sektierern usw. usf. … und diese dahergelaufenen Hanseln sollen sich mal wagen … Mensch Teddi, denen hast du’s aber gegeben. Und als Sahnehäubchen auf die Latte im Flora-Café noch mit Abo-Kündigung drohen. Arme Socke! Accattone
    • Leserbrief von Franz Döring (16. Mai 2024 um 12:10 Uhr)
      Religion ist Opium für das Volk! Die islamistische Hamas betrachtet den atheistischen Marxismus als absoluten Todfeind!

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