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Aus: Ausgabe vom 15.05.2024, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Ein deutsches Bestiarium

Am 15. Mai 2019 starb der Dichter Wiglaf Droste. Versuch eines politischen Porträts
Von Arnold Schölzel
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Das mindeste tun: Wiglaf Droste (1961–2019)

Der »Deutsche Wortschatz von 1600 bis heute« (dwds.de) kennt mehrere Bedeutungen von »Bestiarium«: moralisierende Tierdichtung, Sammlung künstlerischer Tierdarstellungen, Fundus von Tieren und schließlich »Szenarium, Schauplatz bestialischen Verhaltens, Zusammenschau markanter Persönlichkeiten (oft Diktatoren, Verbrecher usw.)«. Von denen kennen bundesdeutsche Autoren im allgemeinen nur einen, nämlich »Stalin­undhitler«, jüngst ergänzt durch den Wiedergänger Wladimir Putin. Mit dem Doppel- oder Dreifachungeheuer gilt hierzulande Weltgeschichte abgeschlossen, Zeitungs- und andere Schreiber werfen sich vor das, was sie für Liberalismus und die beste aller Welten halten. Entsprechend verlogen, weil auf Abruf kriegsgeil, ist das Erzeugte.

Wiglaf Droste, der an diesem Mittwoch vor fünf Jahren starb, hatte für Schleimer, Heuchler und also Produzenten von linkem und anderem Kitsch als ästhetisch und politisch schlimme Finger, wenn nicht Verbrecher, ein exzellentes Gespür, traf und versenkte sie. Das machten seine literarische Begabung und sein Naturtalent für historischen Materialismus, das heißt frühe umfassende Kenntnis von Menschen und der Welt. Ein Beispiel: Im ersten Buch Drostes, das unter dem Titel »Kommunikaze« 1989 in Westberlin erschien, steht neben allerhand Kreuzberger Szenebalgerei eine Geschichte völlig anderer Art: »Arbeitseinsatz«. Sie beginnt so:

»Wenn ich aus meiner Haustür in einen neuen Tag falle, weist mich links um die Ecke ein Schild auf den Zustand der Welt hin: ›Arbeitseinsatz‹ steht da schwarz auf weißem Leuchtstoff, und eine rote Blinkschrift im darunterliegenden Schaufenster ergänzt: ›Bis fünf Uhr melden!‹

Ein Arbeitsvermittlungsbüro residiert hier, ein Sklavenhändler, der Knochenjobs wie Kohlenschleppen für fünf bis sechs Mark in der Stunde vergibt und sich selbst dabei das Drei- bis Vierfache einsteckt.«

Der Text schweift danach scheinbar ab zur nächsten Filiale der Plus-Kette (»›plus‹ steht für ›prima leben und sparen‹«) und zu einer Broschüre Reinhold Messners, die es zum Plus-Schmierkäse gratis dazu gibt, und endet so: »Vor dem ›Arbeitseinsatz‹ ist Polizei aufgefahren; die Sprache des Menschenschinders hat ihren – jetzt darüber empörten – Benutzer verraten, zu unverhohlen macht das militärisch knappe ›Bis fünf Uhr melden!‹ deutlich, dass Lohnarbeit Krieg ist: Jemand hat mit einem Pflasterstein die Fensterscheibe eingeschmissen. Und das ist ja wohl auch das mindeste.«

Drostes Schriften waren eine Odyssee durchs deutsche Bestiarium, durch Zustände, denen er immer gründlicher auf die Spur kam. Als Peter Hacks ihn rügte, »die Gegenstände Ihrer Satiren werden schlechter«, irrte Hacks, nicht Droste. Sein »Troja« waren der Zweite Weltkrieg und die Völkermorde des deutschen Faschismus – in Gesprächen kam er öfter als im Geschriebenen darauf. Die endlosen Kriege des Westens nach 1991 trieben ihn um und die Abrechnung mit der Taz-Hetze, die er nach dem NATO-Angriff auf Jugoslawien 1999 schrieb, erschien nicht zufällig in jW. Bei seinem Tod waren fast 25 Jahre Zusammenarbeit draus geworden. Ein Statement.

Droste wusste zum Beispiel früh, was der 9. November 1989 historisch bedeutet. In jW sah er 2009 »den Jubelberlinern bei ihren olympisch infantilen Spielen zu und rechnete kühl: ›Der 9. November 1989 war das Nine-eleven der Deutschen. Sie haben es nur noch nicht gemerkt.‹« Ein halbes Jahr später, nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler, der gestammelt hatte: »militärischer Einsatz notwendig, um unsere Interessen zu wahren«, überlegte Droste, was unsere Interessen in Afghanistan seien. Dass man »in mitmischerischer Absicht bewaffnete und besoldete Touristen« dort hinschickt? »Oder dass am Hindukusch selbstverständlich für die Freiheit der Deutschen Bank und der deutschen Rüstungsindustrie gemordet und entsprechend auch gestorben wird?« Dem folgte eine Fußnote als Fußtritt für die Grünen, die »in jedem einzelnen Fall schweren Herzens« gegen den Krieg sind: »Dieses schwere Herz ist der moralische Mehrwert der Grünen. Mit der Gründung der Grünen endete die Politik in Deutschland; der Kleingartenverein ist in zwei Zeilen zusammenfassbar: Ist das Hirn zu kurz gekommen / wird sehr gern Moral genommen.«

Droste nannte das, was er machte, öfter Sprachkritik. Es war mehr. Er erfasste die hiesigen Verhältnisse und ihre Entwicklungstendenz adäquat, mit ungeheurem Realismus, also mit hinreichend Ekel, angemessener Bösartigkeit und notwendigem Abscheu, aber ohne Geifer. 2009 schrieb ich an dieser Stelle in der Besprechung seines Buches »Im Sparadies der Friseure«: »Gegen den Niedergang kann keiner an? Doch einer, Wiglaf heißt der Mann.« Konnte er nicht. Aber das mindeste hat er getan.

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  • Leserbrief von Emmo Frey aus Dachau (16. Mai 2024 um 10:51 Uhr)
    Danke für dieses Porträt zum Gedenken an Wiglaf Droste! Er war für mich einer der hellsten Köpfe im deutschen Kulturbetrieb und hat das deutsche Wesen gnadenlos treffsicher kenntlich gemacht. Einer seiner besten Treffer war für mich sein Kommentar zu Sarrazins »Deutschland schafft sich ab«: »Immer diesen leeren Versprechungen!«
    Daneben, das kommt bei Schölzels hervorragender Würdigung Drostes leider etwas zu kurz, konnte Droste die wirklichen Könner unter Musikern, Sängern, Schriftstellern kenntnisreich und treffend beschreiben und anpreisen, er unterschied zwischen den Nur-Promis und den echten Stars, die durch Leistung strahlen. Droste war eben nicht nur Polemiker, sondern auch einfühlsamer Bewunderer der wahren Größen, ich konnte viel von ihm lernen, z. B. über Hacks oder auch Kinky Friedmann.

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