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Aus: Ausgabe vom 14.05.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
Polen

Tradition der Bourgeoisie

Sympathien für Moskau hat in Polen eher die politische Rechte
Von Reinhard Lauterbach
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»Polen raus aus der EU«: Demonstranten in Warschau fordern einen »Polexit« (1.5.2024)

Am 1. Mai gab es vor dem ehemaligen Gebäude des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) in Warschau – heute ist dort die Börse untergebracht – eine linke Maidemonstration. Ein Autor der linken Wochenzeitschrift Nie, der die Veranstaltung beobachtete, zählte etwa 150 Vertreter von Gruppen wie »Rote Front«, »Rote Geschichte«, Kommunistische Partei Polens, »Arbeiterpartei Polens« und hörte Parolen wie »Arbeit, Brot und Frieden« und »Dies ist nicht unser Krieg«. Piotr Ikonowicz, ein bekannter linker Aktivist und Armenanwalt, warf den Veranstaltern vor, die »russische Aggression gegen die Ukraine« zu verherrlichen. Die parlamentarische Linke ist sowieso auf NATO-Kurs, auch die links-sozialdemokratische Partei »Razem« lässt sich in ihrer Kritik an Russland von niemandem übertreffen. Auf der linken Seite der politischen Szene hat Russland also keine auch nur potentiellen Partner.

So sucht es sie an anderer Stelle – und wird auch fündig. Richter Tomasz Szmydt ist mit seinen Aufrufen zur Verständigung mit Russland und Belarus am rechten Rand der politischen Landschaft kein Einzelfall. Auf der Warschauer Demonstration waren außer der Distanzierung vom Krieg auch Impf-, Klimawandelskepsis und Verschwörungstheorien zu hören. Ein Versuch in den 2010er Jahren, mit der Partei »Zmiana« eine prorussische und innenpolitisch rechte politische Kraft ins Leben zu rufen, wurde unterbunden, als dem Parteivorsitzenden Mateusz Piskorski der Vorwurf der Spionage für Russland und China gemacht wurde. Piskorski saß drei Jahre in U-Haft, bevor er auf Kaution freigelassen wurde. Das Ermittlungsverfahren ist immer noch im Gang, setzt also Piskorski unter latenten Druck.

Sympathien für Russland hat in Polen auch traditionell eher die Rechte gehabt. Das geht auf die Interessen der polnischen Bourgeoisie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Sie sah im Zarenstaat eine Versicherung für ihr Eigentum gegenüber der aufkommenden Sozialdemokratie. Die Artikel von Rosa Luxemburg für polnische Parteizeitungen aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts sind voll von Vorwürfen an die polnische Bourgeoisie, mit den russischen Unterdrückern gemeinsame Sache gegen die polnischen Arbeiter zu machen. Diese Erfahrung trug viel dazu bei, dass sie sich für die Parole der nationalen Unabhängigkeit Polens ihr Leben lang nicht erwärmen konnte.

Der wichtigste Vertreter der »russischen Option« in der polnischen Debatte war Roman Dmowski (1864–1939). Der »Vater des modernen polnischen Nationalismus« sah damals in Russland das kleinere Übel gegenüber Deutschland, und zwar genau aus dem Grunde, dass es zwar stark, aber zivilisatorisch rückschrittlich sei. Im Unterschied zu Deutschland, in dessen relativer sozialer Modernität Dmowski deshalb die größere Gefahr für die Entwicklung des polnischen Nationalbewusstseins sah.

Über diese Debatten ist die Geschichte hinweggegangen, aber Dmowski ist heute der geistige Ahnvater der modernen polnischen Rechten. Seinen Satz »Ich bin Pole, also habe ich polnische Verpflichtungen« unterschreibt man dort mit beiden Händen. Die PiS-Regierung hat ein »Dmowski-Institut« des »Nationalen Denkens« ins Leben gerufen, dem die neue Regierung gerade den Geldhahn zugedreht hat. Richter Tomasz Szmidt soll in seiner Jugend in Białystok mit dem faschistischen »Nationalradikalen Lager« sympathisiert haben. Insofern ist sein Seitenwechsel weniger erstaunlich, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marc P. aus Cottbus (13. Mai 2024 um 20:14 Uhr)
    Ein interessanter Artikel, mit dem die jW einmal wieder ein Schlaglicht auf in Deutschland (zu) wenig bekannte Aspekte der polnischen Geschichte und Gesellschaft von heute wirft. Gerne mehr davon! Polen ist unser Nachbarland und als solches sind seine Geschichte wie auch seine gegenwärtigen Entwicklungen stets mit den unsrigen verwoben.

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