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Aus: Ausgabe vom 13.05.2024, Seite 7 / Ausland
Ukraine-Krieg

Kiew reagiert auf Offensive

Ukraine-Krieg: Wohnhaus in russischem Belgorod getroffen nach Russlands Vorstoß Richtung Charkiw. Lage im Donbass spitzt sich zu
Von Reinhard Lauterbach
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Im Norden der Ukraine bereitet Russland die nächste Offensive vor (Charkiw, 24.2.2023)

In der grenznahen russischen Stadt Belgorod ist am Sonntag ein neunstöckiges Wohnhaus bei einem mutmaßlich ukrainischen Angriff schwer beschädigt worden. Am Vormittag verbreitete Bilder zeigten, dass nach dem Einschlag ein ganzes Treppenhaus einstürzte. Bis zum Mittag wurden drei Tote und mehr als 20 Verletzte geborgen; die Rettungsarbeiten dauerten aber noch an. Erst am Sonnabend waren bei einem anderen Angriff auf Belgorod etwa 30 Zivilisten verletzt worden. Der Sprecher der ukrainischen Armeegruppe »Nord« bestritt eine ukrainische Beteiligung und sagte, die Gebäude seien durch Explosionen im Inneren zerstört worden. Dies deute auf eine Provokation der russischen Geheimdienste hin, um der Ukraine einen Angriff auf Zivilisten in die Schuhe schieben zu können. Dass die Opfer Zivilisten waren, wird also auch von ukrainischer Seite nicht bestritten. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurde das Kampfflugzeug, das am Sonntag die Raketen auf Belgorod abgefeuert hatte, von einer russischen Maschine verfolgt und über ukrainischem Territorium abgeschossen.

Es spricht einiges dafür, dass der Angriff auf Belgorod eine »Vergeltung« für die am Freitag begonnenen russischen Vorstöße über die Grenze in die ukrainische Oblast Charkiw sein sollte. Die Angriffe werden offenbar in zwei Stoßkeilen vorgetragen, einer davon entlang der Hauptverkehrsstraße, die Charkiw mit der Grenze zu Russland verbindet. Hier haben russische Truppen nach Angaben ukrainischer Militärblogger innerhalb von zwei Tagen ein Gebiet von zehn mal fünf Kilometern mit sechs Dörfern erobert und standen am Sonntag mittag offenbar kurz vor dem Städtchen Lipki an der genannten Straße. Der zweite Stoßkeil griff etwa 60 Kilometer weiter östlich im Raum von Wowtschansk (Woltschansk) an; auch hier sollen mehrere Dörfer erobert worden sein, die Stadt selbst aber nicht.

Ob die Operationen im Bezirk Charkiw der Auftakt zu der von westlicher Seite seit längerem erwarteten russischen Offensive in diesem Frontabschnitt sind, war zunächst nicht klar. Dagegen spricht die einstweilen offenbar begrenzte Zahl der eingesetzten russischen Truppen, die nach Schätzungen in ukrainischen Medien bei um die 10.000 Soldaten liegen soll. Das wäre nur ein Bruchteil der angeblich bis zu 70.000 Soldaten, die Russland auf seiner Seite der Grenze zusammengezogen haben soll.

Damit rückt ein von Anfang an unterstelltes anderes Ziel der russischen Vorstöße im Raum Charkiw in den Vordergrund: Sie sollen mutmaßlich dazu dienen, die ukrainische Militärführung daran zu hindern, aus dem Norden Reserven abzuziehen und zum Beispiel die ukrainischen Truppen im Donbass zu verstärken. Die Lage dort zeichnen ukrainische Militärs und Journalisten in immer dunkleren Tönen. Sollte es Russland gelingen, die seit 2014 stark befestigte Kleinstadt Tschassiw Jar westlich von Awdijiwka zu erobern, wäre der Weg bis zum Dnipro praktisch frei, sagte der regional zuständige ukrainische General dieser Tage im Kiewer Fernsehen. Und dies wäre, so seine Worte, das Ende der Ukraine als Staat.

Man mag das als Schwarzmalerei einschätzen, mit der die Bevölkerung aufgerüttelt werden soll. Es gibt aber tatsächlich Anzeichen dafür, dass sich die Ukraine auf etwas vorbereitet, das im Zweiten Weltkrieg ab 1943 auf deutscher Seite »totaler Krieg« genannt wurde: die rücksichtslose Mobilisierung aller menschlichen und materiellen Ressourcen, um eine Kriegswende noch zu erzwingen. In diese Logik reiht sich auch ein Interview ein, das der Sprecher des ukrainischen Verteidigungsministeriums am Freitag dem TV-Sender Suspilne gab: Ab dem 18. Mai, wenn das neue, verschärfte Mobilisierungsgesetz in Kraft trete, werde es ein Ende haben mit dem »ruhigen Leben« eines Teils der Ukrainer im Hinterland. So etwas könne sich ein Land leisten, das gegen einen schwachen Gegner kämpfe, so der Sprecher; Russland aber sei ein starker Feind. Die Rekrutierungsbehörden sind auch jetzt schon unermüdlich tätig. Wie das Portal Strana.news am Freitag meldete, bekam in Kiew ein Mann zusammen mit der Strom- und Wasserrechnung auch einen Musterungsbescheid. Dabei hatte er bereits gedient und an der Front beide Beine verloren.

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  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt (13. Mai 2024 um 08:49 Uhr)
    So viel Text, um die Beschädigungen an dem benannten Gebäude zu beschreiben, wäre nicht nötig gewesen. Es hätte genügt, anstelle des über ein Jahr alten Bildes ein aktuelles Bild von dem »schwer beschädigten« Gebäude zu zeigen. Wer es trotzdem sehen will, findet es leicht in den Mainstreammedien (Tschuldigung!). Die umstehenden Gebäude erscheinen übrigens unversehrt. – Um die Verhältnismäßigkeit zu wahren, wäre ein Hinweis angebracht, dass die russischen Truppen demgegenüber nicht nur einzelne Gebäude »beschädigen«, sondern ganze Wohngebiete und Städte (Mariupol!) platt machen. Darüber hinaus auch Einrichtungen der zivilen Infrastruktur (z. B. Stromversorgung). Dass die Opfer hauptsächlich Zivilisten sind, ist auf russischer Seite keiner Erwähnung wert. – Der Musterungsbescheid für einen Kriegsversehrten soll wohl die Leser zu Gelächter anregen, was in diesem Fall besonders unpassend wäre. Behördliche Fehlleistungen gibt es überall, gewiss auch in Russland. Aber dort fällt es mit Sicherheit unter die Geheimhaltung!
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (13. Mai 2024 um 15:59 Uhr)
      Wer hat das Bild gefälscht? Ich sehe sowohl in der Online- als auch in der Druckausgabe nur ein zerknittertes Verkehrsschild, das auf Belgorod hinweist.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (12. Mai 2024 um 22:23 Uhr)
    Die ukrainischen »Strafaktionen« gegen russische Gebiete halte ich für absolut kontraproduktiv, da sie den Zusammenhalt in der russischen Bevölkerung stärken und dem seit 2014 gegen russische Zivilisten vorgehenden ukrainischen Militär weitere Nahrung geben. Des Weiteren ist festzustellen, dass es nicht primär im Interesse Russlands liegt, territoriale Gewinne in der Ukraine zu erzielen. Russland besitzt bereits mehr als genügend Territorium. Vielmehr strebt es danach, die Ukraine nicht länger als Feind betrachten zu müssen, insbesondere da beide Länder slawische verwandte Brudervölker sind. Wie dieses Ziel erreicht werden kann, ist noch nicht vollständig ersichtlich. Es steht jedoch fest, dass Russland entschlossen ist, sein Ziel zu erreichen und umzusetzen, koste es, was es wolle. Die Ukraine, unterstützt vom Westen, steht in dieser Hinsicht eindeutig und zunehmend auf verlorenem Posten. Die Naivität und politische Unkenntnis der politischen Elite der Ukraine zeigt sich beispielhaft anhand eines Vorschlags von Petro Poroschenko, dem ehemaligen Präsidenten, der in Deutschland veröffentlicht wurde: Er schlug vor, dass Deutschland die Sozialleistungen für die in seinem Land aufgehaltenen ukrainischen Wehrpflichtigen streichen solle. Dies sollte zwei Ziele erreichen: Die Soldaten dazu bewegen, sich dem Militärdienst in der Ukraine zu verpflichten, und das freiwerdende Geld dem ukrainischen Militär zukommen lassen. Dies verdeutlicht, wie naiv die ukrainischen Führungskräfte in Bezug auf europäische demokratische Verständnisse sind.

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