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Aus: Ausgabe vom 11.05.2024, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
ABC-Waffen

Es lebe der heitere Klassismus!

Von Andreas Gläser
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Es war nicht alles schlecht als Pförtner, ich galt als super gekleidet, doch der Tee war oft alle.

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Roman »Berlin Nordost Blues« von Andreas Gläser, der soeben im Periplaneta-Verlag erschienen ist. Wir danken Verlag und Autor für die freundliche ­Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Als ich die Prüfungen bewältigt hatte, um ein gottesfürchtiger Wachschützer zu werden, erschien ich wenige Tage darauf zum Bewerbungsgespräch in einer Sicherheitsbude. Der Herr gegenüber ordnete meinen ersten Besuch als charakterstarken Auftritt ein und wies mich darauf hin, dass er der Chef bleiben würde. Ich sei vorzeigbar, zumindest als Pförtner in einem Betrieb. Das genügte mir völlig, ich wollte nicht gleich in Uniform auf der Internetseite der Firma erscheinen. Und so wurde ich neu eingekleidet: einmal in Dunkelgrün, für die Streifengänge draußen, und einmal in Anthrazit, für die Innentätigkeiten.

Mein erster regulärer Vollzeitjob seit Jahren, ohne das Künstlergemauschel mit der Aufstockung beim Jobcenter. Der Lohn genügte sogar, weil ich kaum Zeit hatte, das Geld auszugeben. Nahezu täglich brummte ich den Ringbahnblues ab, um fern meines Heimatbezirks in einer Hochschule den Pförtner zu mimen. Während der ersten Tage wurde geprüft, ob ich des pünktlichen Aufstehens und der regelmäßigen Anwesenheit mächtig wäre. Die erste Schicht ging von 6 bis 15 Uhr, die zweite von 15 bis 23.30 Uhr. Als neuer Kollege hatte ich Streife zu laufen, mich mit den vier Objekten vertraut zu machen und bei lausigen Wintertemperaturen draußen herumzuspazieren.

Nein, ein Sympathieträger war ich in dieser giftgrünen Uniform nicht. Hoffentlich erkannte mich niemand als den verkannten Maler, der allerdings bald von den Ahnen der Azteken gefeiert werden würde. Gerne flüchtete ich ins nächstgelegene unserer Häuser und schnorrte beim Pförtner einen Tee. Mitunter verstrickte ich unseren Objektleiter Hotte in ein ausführliches Gespräch über die Fußballbundesliga, während einige Studenten im Foyer auf den Bänken herumlümmelten, worauf Hotte sie mittels seines Wachschützercharmes ermahnte, sich ordentlich hinzusetzen. »Ihr seid hier nich im Berghain!« Mir erklärte er geradezu liebevoll, ich möge die Leute ansprechen, wenn die da so rumhängen: »Diese Asozialen, die den janzen Tach Schokokekse fressen, bis ihnen die Kacke wie Kleber aus de Kerbe quillt!«

Nach drei Tagen wurde ich endlich in ein Haus als Pförtner abkommandiert. Meinen Anzug samt dem weißen Hemd, der grauen Weste und dem weinroten Binder fand ich chic, zu chic. Ich ließ nach Lust und Laune den Binder weg oder krempelte die Ärmel hoch. Dafür gab mir der Chef einige Minuspunkte. Ich kam mir in meinem Kabuff vor wie ein vermenschlichtes Äffchen. Die Leute sahen mich an, so wie ich sie ansah, wenn sie ihre Köpfe mit Pferdegeschirr verziert hatten. In meinem Kabuff wähnte ich mich wie an einem Pranger, der meiner mangelhaften Ausbildung gedachte – obwohl ich super gekleidet war.

Dabei wusste vom schlausten Dozenten bis zum doofsten Studenten jeder, was für einen Job ich hier herunterriss. Dennoch galt ich hinter meiner Luke stehend nicht als cool, viele redeten nicht mit mir; sahen mich nicht an, wenn sie etwas von mir wollten. Oft tippte ich richtig, dass es sich bei den Hochnäsigsten unter ihnen um Dozenten der Kommunikationswissenschaften handelte. Wenn die gebildeten Leute, die oft mit der linken Hand schrieben oder das rechte Bein nachzogen, morgens ankamen, gab ich die Schlüssel heraus und gierte der einen oder anderen Dozentin oder Studentin hinterher.

Die Hübschen wollten aber nichts von mir. Pretty girls just want Schlüssel. Keine Kindings, only key, you know? Pförtner sind immer alt und hässlich, die verdienen nur Hartz 5 und haben keine Ahnung von linearer Algebra oder vom Mikrocontrollereinsatz in mechatronischen Systemen. Dem verkalkten Pförtner blieben nur Frauen, die nicht mehr lachen. Immerhin hatten die jungen Herren der Studentenschaft in ihren heruntergekommenen Jeans und Nickis vor uns Anzugträgern einigermaßen Respekt. Sie fühlten sich am Pissbecken etwas blockiert und verzogen sich in ein Muffkabuff.

Wenn die Studenten in ihren Unterrichtsräumen verschwunden waren, standen für mich 90 ruhige Minuten an. Ich konnte mein Zeug lesen oder schreiben. Es sah immer gut aus, wenn ich was kritzelte; ob beruflich oder privat, das war egal. Blöderweise kamen nun die Kameraden meiner Firma bei mir vorbei, um einen Tee zu schnorren. Diese giftgrünen Streifendienste meckerten auf den Chef der Sicherheitsfirma und auf irgendwelche Hauswirtschaftler oder Dozenten der Hochschule. Sie hielten mich von meinen Interessen ab. Meistens gab ich mich wortkarg, notfalls auch arbeitseifrig. Der Tee wäre leider alle, ich müsse einen Rundgang einlegen. »Jetz sofort, andre Richtung.« Mit mir konnte man nicht gut abkumpeln. Ich wurde trotzdem gelöchert: »Sprichst nich vülle, wa?« »Nö, meen Aszendent is Fisch.« »Wat, Fischkopp?« »Jenau, Sternzeichen Spreebär, Aszendent Fischkopp.« Ich wollte ihren Scheiß nicht wissen, hörte lieber Radio – oder gar nichts.

Als unser Minichef mich an das Musikverbot erinnerte, plazierte ich das Gerät vom von außen einsehbaren Schreibtisch in den entlegenen Teil des Kabuffs. Und weil es Quatsch gewesen wäre, wenn ich das Gerät nun einfach lauter gestellte hätte, verzog ich mich nach hinten ans Fenster, in die Nähe dieses technischen Wunderwerks. Ich war augenscheinlich nicht da und erledigte wohl einen Rundgang. Irgendwelche Zeitschriften zu lesen, war ebenfalls untersagt, in dieser deutschen Filiale der Taliban. Ich sollte verblöden, entsprechend der größten Hits unter den Paragraphen aus den ’30ern und ’40ern; aber geistig rege wirken, wenn ein Fremder vor der Luke stand.

Nein, das würde so nicht funktionieren, dachte ich mir, und las hinten am Fenster bei leiser Musik. Und wenn nichts im Radio kam, dann eben in meinem Kopf, frei nach Der moderne Man: »Ich sehe Menschen warten / sie warten auf Erleuchtung / sie warten auf die Liebe, auf den Tod / oder auf Godot.« Ich wähnte mich lebendig begraben. Lenin konnte als Toter wenigstens liegen und hatte seine Ruhe, aber als Wachschützer musste ich sitzen und in mich hineinhören, wie weit die Demenzerkrankung vorangeschritten war. Sitzen oder liegen, das war in diesem Job gehopst wie gesprungen. Der Stuhl war mein Bett. Mir fielen am hell erleuchteten Tage die Augen zu. Ich fragte mich, ob es eigentlich für die vom Stuhl gekippten Wachschützer eine Statistik gäbe. Immerhin musste ich keinem lieben Federvieh mit dem Messer beikommen. Im Grunde genommen musste ich nur ansprechbar sein, wenn ein Mädchen im Toilettenbecken ein Handy gefunden hatte und eine ihrer Mitschülerinnen das Ding vermisste. Wenn die Temperaturen extrem runtergingen, fiel die eine oder andere Hübsche plötzlich um. Ach, noch nichts gegessen und eigentlich auch nichts an? Na erst mal ’n Kaffee!

Während meines ersten Vierteljahres hatte ich einige Minuspunkte gesammelt; nicht aufgrund der tollen Verschlussrunden oder Arbeitsprotokolle, sondern wegen meines volksnahen Auftretens. Immer dieses legere Heraushängen vom weißen Hemd, oder keinen Schlips um! Der Auftraggeber finanzierte die Klamotten, der erwartete Korrektheit. »Was denkst du, bei wem du hier bist?«, fragte der Sicherheitsbudenchef. Mir rutschte heraus: »Bei Nick Cave und den Bad Seeds.«

Eines Tages informierte mich der Chef, dass man im Theater einen fünften Mann suche; in diesem super subventionierten Hause, wo es bis vor einigen Jahren eigene Pförtner gegeben hätte, doch die seien outgesourct worden. »Deine Chance! Der Intendant und die Künstler wollen keine Uniformen, die bevorzugen zivile Klamotten.« Ich würde nicht mehr akkurat und verloren herumposen müssen, wie einst Feldmarschall Wilhelm Keitel. Nur leider waren im Theater viele Nachtschichten angesagt, auch an den Sonn- und Feiertagen.

Dafür fand dort das Theater nicht nur auf der Bühne statt, sondern im ganzen Haus. »Das ist doch was für dich, oder?« »Klar, ick fang da an.« Der neue Job in der alten Firma brachte zwar mit sich, dass ich in Zivil lockerer rüberkam, aber die veränderten Arbeitszeiten waren blöd. Die Tagesschicht ging von 6 bis 18 Uhr, die Nachtschicht gab es als kurze und lange Version, von 22 bis 6 beziehungsweise 18 bis 6 Uhr. Rollende Woche. Mit der aus der Hochschule bekannten Ruhe von dreimal 90 Minuten war es vorbei. Der Job würde anstrengend sein, so viel hatte mir mein neuer Vorturner sofort verraten. Jürgen war ein schlaksiger Clown aus dem Westen, ein eingeschleppter Bilderbuchkommunist; unter den Jüngeren einer der Letzten seines Schlages. Nicht wirklich auf meiner Linie, aber sehr unterhaltsam.

Im Theater waren Flexibilität und Höflichkeit gefragt. Doof durfte ich auch hier nicht sein, musste aber Verständnis haben, wenn die Leute mich dafür hielten. Ob ich mich mit Brandmeldeanlagen und anderen Alarmeinrichtungen auskenne? Tja, die waren in der Ausbildung oft ein Thema gewesen, aber nie in der Praxis. Alles vergessen. »Kannst du die Hierarchie vom Intendanten bis zum Hausmeister runter beten?« »Nö.« Fürs erste erschien ich pünktlich, nüchtern und interessiert, wie einige Kandidaten vor mir; nach Jürgens Auskunft ziemliche Knalltüten.

Frank ergriff das Wort, er war jünger und dicker, aber der Job entsprach seinem Wesen als Sitzfleischmonster. Er verriet mir, warum ich für den Job in Frage käme: »Weil die Kollejen hier wie die Fliegen sterben!« Den Witz musste er mir erklären, auch wenn er unlustiger zu werden drohte. Frank zeigte auf die Bildschirme, mit den Perspektiven der Kameras zum Hof. »Wenn du in der Nacht während eines Rundgangs kurz im Bilde bist, just in dem Moment, in dem ne Spinne über die Linse tentakelt, biste zum baldijen Sterben verurteilt. Lustich, oder?«

Nachts im Theater, da ginge es rund, man lief sich wund. Im Keller hause der tollwütige Fuchs, wahrscheinlich zwischen Requisite und Heizungsraum. So mancher Kollege sei nicht wiedergekommen, trotz Feierabend zum Tagesanbruch. Anfangs spazierte ich noch in Begleitung von einem Kontrollpunkt zum anderen und ratschte mit dem Deister drüber. Es hieß: Heraus aus der Pforte des Bühneneingangs, rüber zum Anbau, Keller und Parterre absolvieren, danach vom obersten Geschoss ins Erste, denn nur von dort aus käme ich in die Räumlichkeiten des Theaters.

Während der ersten Tage, als ich allein auf weiter Flur unterwegs war, stand ich so manches Mal unvermittelt vor einer Wand und fragte mich, in welchem der Geschosse es eigentlich die Tür zum Nachbargebäude gäbe. Im riesigen Theater waren über all die Jahrzehnte weitere Teile dazugekommen. Die Baustile aller Epochen fanden sich Wand an Wand. Oft führte nur ein Schleichweg von einem zum anderen Gebäude. Verflucht! Wie käme ich von der Requisite über die Intendanz und dem Zuschauerraum in den Garderobenbereich? Und bis wann müssten alle Türen verschlossen und wieder geöffnet sein? Frank forschte: »Wie viele Namen und Funktionen sind dir schon bekannt?« Natürlich mit den dazugehörigen Gesichtern. Intendanz, Künstlerisches Betriebsbüro, Lohnbuchhaltung, Besucherservice, Hausmeister, Regisseure. »Na? 200 Personen, die kann man zum Ende der Probezeit drauf haben. Oder etwa nich? Du musst hier jenauso viele Leute kennen, wie de Stunden im Monat ableistest.« »200?« »Mehr sind och manchmal jefracht und sojar möglich.«

Im Theater gingen viele Sternchen ein und aus, die vom Bühneneingangsburschen erwarteten, dass sie ihren Schlüssel bekämen, ohne sich jedes Mal ausweisen zu müssen. »Schulle, hast du Namensalzheimer?« »Ja, janz sicher«, gab ich zu, noch unter Welpenschutz stehend. Ich erstellte eine obskure Liste mit den etwaigen Eintreffen der Personen, mit den Namen, Funktionen, Frisuren und Schlüsselnummern: 7.45 Uhr, Frau Krause, Buchhaltung, brünettes Haar, 207. Auch mit weltbekannten Schauspielern hatte ich meine Probleme, vor allem wenn sie mit Hut und Schal zwei Drittel ihres Kopfes verborgen hielten. Und selbst wenn sie mir ihren Namen sagten. Ich verstand den durch die Scheibe hindurch nicht, auch nicht über das komische Außenmikrophon und durch die mickrige Durchreiche. »Ich bin …« – »Können Sie sich ausweisen?« Andererseits fiel ich meinen Kollegen durch mein Interesse an den Stücken, die im Hause gespielt wurden, positiv auf. »Du willst Karten? Is irjendwie schwul, oder?« Ich ging nach der Schicht von 6 bis 18 Uhr zur 20-Uhr-Vorstellung, pfiff mir zwischendurch ein, zwei Bierchen ein und konnte prima in der ersten Reihe schlafen.

Vielen Kollegen genügte, was sie von den Proben mitbekommen hatten: voll das übliche Gejammer der verkopften Kunstpatienten, die nie wirklich arbeiteten. Typische Existenzialisten, die fern der Produktions- und sonstiger Fronten, von der Bühne herab auf den Staat meckern – von dem sie gerne gepimpert werden. Warum hissten eigentlich wir bei jeder Gelegenheit die deutsche Fahne vor dem Haupteingang und nicht die Schauspieler, oder besser noch der Intendant, der so großen Wert darauf legte, dem Regierenden Bürgermeister bei dessen Erscheinen die Autotür persönlich zu öffnen?

Bald wusste ich auch einigermaßen um die Geschichte dieses traditionsreichen Hauses, die mich über einige Jahrzehnte nicht interessiert hatte. Ich spazierte gerne durch das Labyrinth der Gebäude oder legte mich lieber für ein, zwei Stunden auf eine Pritsche im Garderobenraum, während meine Wachschutzkollegen sich die Fernsehprogramme reinzogen. Jede Nacht dieser Hitler! Sie konnten die Action­filme, Realityshows und Seifenopern nicht nur prima verfolgen, sondern sogar ernsthaft darüber debattieren. Hatte ich Dienst am Bühneneingang, stand dauernd jemand vor meiner Luke und wollte rein oder raus, einen Schlüssel haben oder abgeben, mir eine Auskunft abknöpfen oder einen Plausch aufdrücken.

Auf und nieder, auf und nieder. Pförtner auf dem Schleifstein. Die Leute redeten und rauchten, wirres Zeug und milde Sorte. Welch heikler Arbeitsort. Auch wenn es darum ging, für eine Vorstellung, in der mit offenem Feuer hantiert werden sollte, an der Brandmeldeanlage die entsprechenden Sensorenlinien herauszunehmen; dann erwartete ich den Anruf vom Theatermeister, der mir sagen sollte, welche genau. Meine Liste mit den Theaterstücken und den dazugehörigen Linien war nicht vollständig. Der Mann rief selten an, also kontaktierte ich ihn. »Welche Linien müssen raus?« »Jute Frage. Wie immer, oder?« »Meister, läuft immer dit selbe Stück?« »Nee, nee. Ach … Heute wird uf der Bühne nur ne Zijarette jeraucht, da passiert nüscht. Du, ick muss weiter.« Theaterbetrieb halt.

Während jeder Nacht kamen irgendwann zwischen dem Ende des letzten Stückes und dem Beginn der nächsten Schicht die kreativen Weiblein und Männlein ziemlich betrunken aus der Bar und wünschten sich ein Taxi; als jeweils andere Pärchen, in den tollsten Geschlechts- und Alterskombinationen. Ich führte darüber keine Liste. Die Madame von der Requisite ging mit mir nach Hause, es hatte alles seine Ordnung. Trotzdem. Die Kaste der Pförtner akzeptierte ich nicht als meinen Kulturkreis und begann anzuecken. »200 Stunden im Monat, habt ihr noch alle beisammen?« Und der Kollege, der gerne tönte, mit 220 Stunden klarzukommen, hatte plötzlich eine Weiberkrankheit und bat mich, ihn zu vertreten.

Nun gut. Zum Dank forcierte er das Gequatsche, dass ich mit der BMA nicht klar käme und schon fünfmal versagt hätte. Mir platzte der Arsch! Der Chef führte mit mir ein Gespräch, ich bekam eine alberne Abmahnung. »Wat soll ick damit?« »Drüber nachdenken.« Ich stand auf der Abschussliste und bekam zweimal einen potentiellen Nachfolger an die Seite gestellt. Das fand ich lustig, wie sie sich unseren Scheiß jeweils eine Nacht lang ansahen und nicht mehr wiederkamen. Ich erhielt trotzdem die Kündigung, offiziell wegen Auftragsmangel, inoffiziell wegen langer Haare und Bombenlegerei. Ich wollte auf keinen Fall unter einer anderen Flagge denselben Job ausüben. Nein, soweit hatten sie mich noch nicht, dass ich wieder tägliche acht oder zwölf Stunden herumzusitzen gedachte.

Nicht in absehbarer Zeit. Es genügte mir, den Schein in der Tasche zu haben. Mit ihm würde ich nicht so rasant von der Arbeitslosigkeit in die Obdachlosigkeit scheppern. Bei Wind und Wetter unter der Brücke leben? Dann lieber als untoter Wachschützer bei Nacht und Nebel eine Baustelle beaufsichtigen.

Andreas Gläser wurde 1965 in Berlin-Prenzlauer Berg geboren. Nach dem Abschluss der zehnten Klasse, inklusive einer Ehrenrunde, folgte die Ausbildung zum Tiefbaufacharbeiter, als welcher er die 80er zu überstehen hatte. Verschiedene prekäre Jobs liefern den Stoff, aus dem seine authentischen Texte resultieren. Humor und Sarkasmus gehören für ihn zur Literatur wie die Melodien zur Musik. Als Lesebühnen- und Fanzine-Macher-Urgestein kennt er die verrauchten Auftrittsorte jenseits der gesponserten Schnöselstuben. »Berlin Nordost Blues« ist sein viertes Buch, sein zweiter Roman, in dem er seinen Protagonisten autofiktional umher flippern lässt: Ein vermeintlich gewöhnlicher Sonnabend. Schulle trotzt dem Sturm Zeynep, den Unwägbarkeiten des Glücksspiels und seinen schnippigen Kolleginnen im Zeitungs-Lotto-Tabak-Kram-Laden. »Immer höflich zu de Kundschaft, och wenn se bekloppt is!« Dialoge sind Gefechte, ein ewiges friendly fire. Schulle kennt so einige Turbulenzen, ob als Betreuer für Demenzkranke, als Zusteller an der Post-Front oder als Scherge beim Wachschutz. Gläser verfolgt seit drei Jahrzehnten wohl oder übel seinen literarischen Antitrend. Er freut sich jedoch über die überstudierten Ferienjobber, die den Klassismus beweinen. »Wo früher in den Häusern nur Freunde und Bekannte lebten, bejegnen dir heute inne Hausflure einije Helden und Jespenster aus Funk und Fernsehen.« Zwischen 2014 und 2017 schrieb er für Neues Deutschland die Kolumne »Gläsers Globus«, seit Februar 2024 liefert er für junge Welt alle zwei Wochen eine Kolumne für »Aus den Unterklassen« ab. Weitere Infos finden sich unter www.baufresse.de

Andreas Gläser: Berlin Nordost Blues. ­Periplaneta-Verlag, Berlin 2024, 214 Seiten, 16 Euro

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