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Aus: Ausgabe vom 29.04.2024, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bayer-Hauptversammlung

Bayer wird ausgeschimpft

Chemieriese kann sich trotz virtueller Hauptversammlung nicht vor Kritik abschotten. Konzernchef kündigt verstärkte Lobbyarbeit an
Von Jan Pehrke, Leverkusen
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Die Bayer-Hauptversammlung wird seit Jahren regelmäßig von Protesten begleitet (Leverkusen, 23.5.2022)

Trotz einer online abgehaltenen Hauptversammlung konnte sich Bayer dem Protest nicht entziehen. Am Freitag hatte die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) auf der Kundgebung vor der Leverkusener Konzernzentrale ein Transparent mit der Aufschrift: »Glyphosat-Stopp statt Arbeitsplatzvernichtung – Für Umweltschutz und sichere Arbeitsplätze« entrollt. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft fuhr mit zwei Treckern vor, um die Manager mit der Kritik am vom Chemiekonzern verfolgten agrarindustriellen Modell gnadenloser Profitjagd mit Gentechnik, seinem Pflanzengift Glyphosat und dergleichen mehr zu konfrontieren.

Die Kritik fand auch Eingang in die Hauptversammlung selbst. Auch unerwünschte Arzneieffekte, der immense Wasserdurst des Multis und seine IG-Farben-Vergangenheit kamen auf die Agenda. Den breitesten Raum nahm aber die Spur der Verwüstung ein, die Bayers Kombipaket aus Gensoja und Glyphosat in Lateinamerika hinterlässt. Nach Einschätzung dortiger Menschenrechtsorganisationen verstößt dieses gegen Leitlinien der Industrieländervereinigung OECD. Unterstützt von dem katholischen Entwicklungshilfswerk Misereor und der Menschenrechtsorganisation »Europäisches Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte« wurde dazu im Vorfeld der Versammlung eine Beschwerde bei der deutschen OECD-Kontaktstelle eingereicht.

Die Folgen des Glyphosat-Einsatzes in Ländern des globalen Südens nannte Daisy Ribeiro von der Initiative »Terra de Direitos« »eines der tragischsten Beispiele« für die verheerenden Auswirkungen des gegenwärtigen agrarökonomischen Modells. Sie berichtete den Aktionären von zahlreichen Krankheitsfällen, verseuchten Böden, Gewässern, Brunnen und sogar Einsätzen von Glyphosat als Chemiewaffe bei Vertreibungen von Indigenen.

Bayer focht das alles nicht an; der Konzern verwies auf umfangreiche Schulungen und Vorsorgemaßnahmen und legte ein Treuebekenntnis zu seinem »Topseller« und anderen Erzeugnissen ab. »Die Sicherheit unserer Produkte steht für uns immer an erster Stelle«, erklärte Finanzvorstand Wolfgang Nickl und ergänzte: »Bei sachgemäßem Gebrauch gemäß der Anwendungshinweise.« Dem hielt ein Vertreter der CBG ein verräterisches Zitat von Bayer-Manager Klaus Kunz entgegen, der gegenüber Business Insider erklärt hatte, ein für die Umwelt »sicheres« Insektizid sei »ein Witz«, und weiter: »Es ist dafür gemacht, nicht sicher für die Umwelt zu sein. Es ist so konzipiert, dass es die Umwelt beeinträchtigt, egal was auf dem Etikett steht.«

Die kritischen Aktionärinnen und Aktionäre dominierten die Hauptversammlung deutlich. Insgesamt gab es nicht mehr als 30 Reden. Wer vielleicht gedacht hatte, wegen erstmals auch in englischer Sprache gestatteter Beiträge würden sich nun Investoren aus aller Welt zuschalten, sah sich getäuscht. Aber Blackrock und Co. tragen sich eben nicht frühmorgens in digitale Rednerlisten ein und warten dann den halben Tag geduldig, bis der Versammlungsleiter ihnen das Wort erteilt. Nur Vertreter kleinerer Investmentgesellschaften taten das, die sich dafür aber der geschätzten Aufmerksamkeit der Vorstandsriege erfreuen konnten.

Ihnen kündeten die Manager in aller Ausführlichkeit von einem im Kern gesunden Unternehmen, das in vielen Bereichen schneller als der Markt wachse und alles tue, um die juristischen Nebenwirkungen von Glyphosat zu minimieren. Konzernchef William Anderson kündigte zudem durch »eine intensivere Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Bereich der Politik« eine verstärkte Lobbyaktivität an. Lori Schechter, mit erfolgreicher Schadensbegrenzung in Sachen »Opioide« für die Aufgabe empfohlen, wurde in den Aufsichtsrat berufen. Die Aussichten bleiben also unangenehm.

Jan Pehrke ist Journalist und Vorstandsmitglied der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG)

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