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Aus: Ausgabe vom 26.04.2024, Seite 10 / Feuilleton
Arbeitskampf

Ein gewaltiges Kampflager

Eine historische Ausstellung in Wuppertal widmet sich dem großen Streik des Jahres 1924
Von Matthias Dohmen
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Fotos, Schaubilder, Plakate, Zeitungsseiten und Inflationsgeldscheine bietet die Ausstellung in der Wuppertaler »Verteilungsstelle Kunst und Geschichte«

Es war der wohl größte Streik in Wuppertal, den es in der an Ereignissen der revolutionären und reformistischen Arbeiterbewegung nicht armen Stadt je gegeben hat. Fotos, Schaubilder, Plakate, Zeitungsseiten, Inflationsgeldscheine mit astronomischen Zahlen bietet die Ausstellung zum Thema in der Wuppertaler »Verteilungsstelle Kunst und Geschichte«: Das Elend der arbeitenden Bevölkerung und der Mittelschichten war gigantisch, die Bereitschaft, sich zu wehren, allerdings auch.

Es ging um den Achtstundentag und damit eine der zentralen Errungenschaften der Revolution 1918/1919. Im Jahr zuvor waren die aus SPD und KPD gebildeten Landesarbeiterregierungen in Sachsen und in Thüringen von der Reichswehr widerrechtlich abgesetzt worden. Der im Herbst 1923 erfolgten Währungsstabilisierung folgte ein ungeheurer Machtkampf zwischen Kapital und Arbeit. In den noch selbständigen Städten Elberfeld und Barmen, die ein paar Jahre später zu Wuppertal zusammengeschlossen wurden, kam es 1924 zu einem Streik, an dem etwa 50.000 bis 60.000 Menschen – vor allem Eisenbahner, Metallarbeiter, Bauarbeiter und Kommunalbeschäftigte sowie Straßenbahn- und Schwebebahnpersonal – beteiligt waren. Es war wohl der größte Arbeitskampf in der Geschichte der Stadt.

Träger waren die Kollegen der freien und der christlichen Gewerkschaften, die mit dem Mut der Verzweiflung nicht selten gegen die offiziellen gewerkschaftlichen Instanzen zum Streik antraten. In letzter Instanz, wie anschaulich illustriert wird, konnten sich die Streikenden nicht durchsetzen, und ein unglaublicher Kahlschlag war das bittere Ende, das auch dadurch gekennzeichnet war, dass die Gewerkschaften einen Aderlass ohnegleichen erlebten, von dem sie sich nie mehr erholt haben.

Der Kurator der Ausstellung, Reiner Rhefus, hat gründlich recherchiert und vor allem die Zeitungen des Wuppertals ausgewertet. Ihm kam es, erklärte er zur Eröffnung am 14. April, auch darauf an, den Arbeitern und Angestellten der damaligen Zeit, ihrem Heroismus, aber auch ihrer bitteren Verelendung ein Denkmal zu setzen. Auch einzelne herausragende Persönlichkeiten jener Zeit wie der SPD-Politiker Robert Daum, der in der späteren Bundesrepublik Oberbürgermeister der Stadt wurde, und der Rabbinersohn und KPD-Redakteur Albert Norden, der als Mitglied des SED-Politbüros die DDR maßgeblich prägen sollte, werden in der Ausstellung gewürdigt.

»Das ganze Wuppertal war ein gewaltiges Kampflager der Arbeiterschaft«, heißt es in einer zeitgenössischen Darstellung. »Das Elend schaute den Kämpfenden aus den Backenknochen heraus. Der Haushalt wanderte zum Trödler. Sieben Wochen hielten die Arbeiter stand.«

Dem von Industriellen wie Stinnes geforderten sozialpolitischen Kahlschlag kam die Reichsregierung allzugern nach, zumal die öffentlichen Kassen infolge des ergebnislos abgebrochenen »Ruhrkampfes« leer waren. Das Desaster bei den später im Jahr stattgefundenen Kommunal- und Reichstagswahlen war hausgemacht. Bei den Kommunalwahlen verlor die SPD im Bergischen rund drei Viertel ihrer Sitze, während die KPD enorm zulegen konnte. Die gesamte Linke verlor gravierend.

Für die »Verteilungsstelle Kunst und Geschichte« ist es die zweite Ausstellung überhaupt. Die erste war dem Jahr 1923 gewidmet. Auf der Eröffnungsveranstaltung wurden deutliche Parallelen zu den gegenwärtigen, auch lohnpolitischen Auseinandersetzungen gezogen. Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall, nannte die Solidarität die »Kern-DNA« der Metallarbeiter und warnte vor den immer aggressiver auftretenden sogenannten gelben Gewerkschaften, die offen von führenden AfD-Politikern wie Björn Höcke unterstützt werden.

»1924 – Der große Streik«, Verteilungsstelle Kunst und Geschichte, Wuppertal, bis 12. Mai 2024

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