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Aus: Ausgabe vom 23.04.2024, Seite 3 / Schwerpunkt
Umwelt- und Naturschutzpolitik

Planetarisches Desaster

Klimastudie: Modellrechnungen zeigen wirtschaftliche Folgekosten in Billionenhöhe. Drastische Reduktion der Treibhausgasemissionen gefordert
Von Wolfgang Pomrehn
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Wetterkapriolen auf der arabischen Halbinsel: »Stadt unter« im jemenitischen Sanaa (20.4.2024)

Untätigkeit in Sachen Klimaschutz kommt uns teuer zu stehen. Das ist das – für Insider wenig überraschende – Ergebnis einer in der vergangenen Woche im Fachblatt Nature veröffentlichten Studie von Forscherinnen und Forschern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Schon die bisher in der Atmosphäre angereicherten Treibhausgase, hauptsächlich verursacht von den alten Industriestaaten, nicht zuletzt von Deutschland, haben das globale Klima deutlich verändert und werden ihre volle Wirkung erst in den nächsten Jahrzehnten entfalten.

Die Studienautorin und ihre beiden Mitautoren haben sich angeschaut, welche wirtschaftlichen Schäden bereits die bisherigen Klimaveränderungen angerichtet haben. Aus den vergangenen 40 Jahren wurden empirische Daten aus mehr als 1.600 Regionen untersucht. Dabei wurde geschaut, wie sich Temperatur- und Niederschlagsveränderungen auf die Wirtschaft auswirkten und wie lange die Auswirkungen dieser Klimafolgen anhielten. Sodann hat man mit 21 verschiedenen Klimamodellen der neuesten Generation geschaut, wie sich das Klima in den nächsten Jahrzehnten ohne weitere Treibhausgasemissionen entwickeln würde.

Heraus kam, dass schon die bisherigen Emissionen bis 2050 dazu führen werden, dass die globale Wirtschaftsleistung um 19 Prozent geschmälert wird. Schäden in Höhe von 19 bis 59 Billionen US-Dollar (17,8 bis 55,4 Billionen Euro) werden voraussichtlich entstehen. Das, so die Studie, wäre sechsmal mehr als für Klimaschutzmaßnahmen aufgebracht werden müsste, die die globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzen.

Die Verluste setzen sich unter anderem aus folgenden Faktoren zusammen: verminderte oder zerstörte Erträge in der Landwirtschaft; nachlassende Arbeitsproduktivität aufgrund großer Hitze oder Schäden an der Infrastruktur. Ursachen werden der Temperaturanstieg sowie Veränderungen der Niederschläge und der Temperaturvariabilität sein. Wetterextreme wie Stürme oder Waldbrände, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden, könnten laut Maximilian Kotz, PIK-Forscher und Erstautor der Studie, die Kosten noch weiter erhöhen.

»Unsere Studie zeigt, dass der Klimawandel innerhalb der nächsten 25 Jahre in fast allen Ländern der Welt massive wirtschaftliche Schäden verursachen wird, auch in Ländern wie Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten«, meint PIK-Forscherin Leonie Wenz, die die Studie leitete. »Diese Schäden sind eine Folge unserer bisherigen Emissionen. Wenn wir zumindest einige davon vermeiden wollen, brauchen wir mehr Anpassungsmaßnahmen. Zusätzlich müssen wir unsere CO2-Emissionen drastisch und sofort reduzieren – andernfalls werden die wirtschaftlichen Verluste in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts noch höher sein und bis Ende des Jahrhunderts im globalen Durchschnitt bis zu 60 Prozent betragen. Es kostet uns viel weniger, das Klima zu schützen, als dies nicht zu tun – und zwar selbst dann, wenn man nur rein wirtschaftliche Auswirkungen berücksichtigt und weitere Folgen wie die Verluste von Menschenleben oder der biologischen Vielfalt außen vor lässt.«

Allerdings werden die Schäden sehr ungleichmäßig verteilt sein, wie Mitautor Anders Levermann feststellt, der am PIK die Abteilung Komplexitätsforschung leitet: »Zwar stellen wir fast überall Auswirkungen fest (…), aber die tropischen Länder sind am meisten betroffen. Weil es dort bereits wärmer ist, schlägt dort der Klimawandel am heftigsten zu. Die Länder, die am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich sind, werden voraussichtlich Einkommensverluste erleiden, die 60 Prozent höher sind als in den Ländern mit höherem Einkommen und 40 Prozent höher als in den Ländern mit höheren Emissionen. Sie verfügen auch über die geringsten Ressourcen, um sich an die Klimafolgen anzupassen.« Levermann betont: »Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird der Klimawandel zu katastrophalen Folgen führen. Die Temperatur des Planeten kann nur stabilisiert werden, wenn wir aufhören, Öl, Gas und Kohle zu verbrennen.«

Hintergrund: »Entkernter Klimaschutz«

Der 15. April 2024 ist ein solches Datum, an das man sich noch langer erinnern sollte. An diesem Tag hat sich die FDP in der Berliner Koalition durchgesetzt und das Klimaschutzgesetz »entkernt«, wie es Umweltverbände nennen. Sobald das Parlament die Gesetzesnovelle annimmt, kann der Bundesverkehrsminister auch ganz legal seine Hände in den Schoß legen, und weiter in aller Seelenruhe zuschauen, wie Jahr um Jahr vergeht, ohne dass im Verkehrssektor endlich Treibhausgasemissionen reduziert würden. Trotz jahrzehntelanger Diskussionen und trotz verbindlicher Minderungsziele sind diese noch immer auf dem gleichen Niveau wie 1990. Die deutsche Automobilindustrie hat in den vergangenen drei Jahrzehnten ihren technischen Verstand allein darauf verwendet, schwerere Autos zu bauen, mit viel Elektronik vollzustopfen und bei den Abgasgrenzwerten enorm zu betrügen. Eine Reduktion der Treibhausgase war für sie nie Thema, vollmundige Selbstverpflichtungen wurden geflissentlich ignoriert. Ohnehin hatten diese den einzigen Zweck, der Bundesregierung als Vorwand zu dienen, strengere Vorgaben der EU immer wieder hinauszuzögern. Doch inzwischen gibt es diese. Nach EU-Recht ist Deutschland verpflichtet, seinen Treibhausgasausstoß bis 2030 im Vergleich zu 2005 zu halbieren. Die jährlichen 674 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente müssen demnach auf 490 Millionen Tonnen reduziert werden. Sorgt die anhaltende Untätigkeit im Verkehrssektor dafür, dass diese Zielmarke verfehlt wird, muss Berlin Strafe zahlen. Das könnte den Steuerzahler letztlich einige Dutzend Milliarden Euro kosten.

Doch das ist nur ein Beispiel unter vielen dafür, wie teuer fehlender Klimaschutz der Gesellschaft – hierzulande und mehr noch andernorts – zu stehen kommen wird. Ferner stehen Milliardensummen im Raum, mit denen Jahr für Jahr der Autoverkehr subventioniert wird, oder jene Finanzmittel, die aufgrund des steigenden Meeresspiegels in den Küstenschutz gesteckt werden müssen. Nicht zu reden von den schweren Schäden, die Unwetter wie die jüngsten winterlichen Überschwemmungen in Norddeutschland anrichten, und die sich in einem wärmeren Klima häufen. Und natürlich die Schäden an der Volkswirtschaft, von denen die Potsdamer Wissenschaftler (siehe nebenstehenden Artikel) berichten. Dass das alles primär auf Kosten künftiger Generationen geht, hat das Bundesverfassungsgericht Parlament und Regierung bereits vor drei Jahren ins Stammbuch geschrieben. Allein, genützt hat das wenig. Ohne gesellschaftlichen Druck halten sich Regierungen gegebenenfalls nicht einmal an die geltenden Gesetze. (wop)

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