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Aus: Ausgabe vom 17.04.2024, Seite 7 / Ausland
Konflikt mit Iran

Dichtung und Wahrheit

Israel übertreibt Ausmaß arabischer Hilfe bei Abwehr des iranischen Vergeltungsschlags und erfindet »Regionalallianz«
Von Knut Mellenthin
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Aus dem Toten Meer geborgene angebliche Überreste einer iranischen Rakete (Julis-Militärbasis, 16.4.2024)

Noch während in der Nacht zwischen Sonnabend und Sonntag ein iranischer Großangriff gegen Israel mit mehr als 300 Flugkörpern in Gang war, meldeten internationale Medien, dass jordanische Kampfjets im eigenen Luftraum Dutzende Drohnen abgeschossen hätten. Grundlage dieser auch am Dienstag noch nicht offiziell bestätigten Darstellung waren »zwei regionale Sicherheitsquellen«, die nicht näher beschrieben wurden. Ungewiss blieb auch der Wahrheitsgehalt von Berichten, dass die Regierung in Amman der US Air Force erlaubt habe, während des iranischen Angriffs im jordanischen Luftraum zu operieren. In der Presseerklärung des zuständigen Regionalkommandos Mitte (Centcom) der US-Streitkräfte, das den Abschuss von über 80 Drohnen und mindestens sechs ballistischen Raketen für das eigene Militär reklamierte, kommt Jordanien nicht vor. Vergleichsweise seriös wirkte dagegen am Montag die Angabe von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, französische Kampfflugzeuge hätten »auf Verlangen Jordaniens« iranische Drohnen in dessen Luftraum zerstört.

Ebenfalls am Montag behauptete die englischsprachige israelische Tageszeitung Jerusalem Post, Saudi-Arabien habe »zugegeben, dass es dem frisch geschmiedeten regionalen Militärbündnis – Israel, den USA, Jordanien, Großbritannien und Frankreich – geholfen habe, einen iranischen Angriff auf den jüdischen Staat abzuwehren«. Das weit rechts stehende Blatt bezog sich dabei auf einen Bericht des Senders Kan 11, der zum staatlichen Rundfunk Israels gehören. Kan 11 berief sich für seine Erzählung auf angebliche Mitteilungen einer nicht namentlich genannten Person aus der weitverzweigten saudischen Königsfamilie. Der Informant habe davon gesprochen, dass im saudiarabischen Luftraum jeder verdächtige Flugkörper automatisch abgefangen werde, und er habe dem Iran vorgeworfen, »den Konflikt in Gaza zu schüren«. Der Bericht von Kan sei »ungewöhnlicherweise auf der Website der königlichen Familie gepostet« worden, behauptete die Jerusalem Post, und interpretierte das als Bestätigung seiner Richtigkeit.

Kurz darauf folgte ein Dementi über den in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässigen, zur saudischen Gruppe MBC gehörigen Sender Al-Arabija: Saudi-Arabien sei an der Abwehr iranischer Drohnen und Raketen nicht beteiligt gewesen. Es gebe keine offizielle Website, auf der eine Stellungnahme über eine Teilnahme Saudi-Arabiens veröffentlicht wurde.

Ebenso fragwürdig ist auch der Bericht des Wall Street Journals (WSJ) vom Montag, dass »mehrere Golfstaaten«, von denen nur Saudi-Arabien und die Emirate ausdrücklich genannt wurden, den USA und Israel »wichtige Informationen« geliefert hätten, die beim »Erfolg der Luftverteidigungsmaßnahmen« gegen den iranischen Großangriff »eine Schlüsselrolle« gespielt hätten. Nur aufgrund dieser Informationen sowie der Erlaubnis zur Benutzung des Luftraums dieser Staaten und der Zurverfügungstellung ihrer Radarsysteme sei es möglich gewesen, so viele Drohnen und Raketen – nach israelischen Militärangaben 99 Prozent aller vom Iran eingesetzten Flugkörper – abzuschießen. Iranische Stellen hätten Saudi-Arabien »und andere Golfstaaten« zwei Tage vor dem Angriff in Kenntnis gesetzt, und diese hätten die Informationen weitergegeben. Das WSJ berief sich für seine Darstellung auf »saudische, US-amerikanische und ägyptische Offizielle«, ohne jedoch einen einzigen Namen zu nennen.

Israelische Politiker und andere Propagandisten komponieren aus diesen und ähnlichen unbestätigten Erzählungen eine regionale oder sogar weltweite Allianz zur Isolierung und Bekämpfung Irans. Dagegen steht aber die Tatsache, dass kein arabischer Staat Irans militärisches Vorgehen einseitig im Sinne Israels verurteilt hat und alle Regierungen der Region die Hauptakteure aufgefordert haben, »Zurückhaltung« zu üben und eine weitere Eskalation zu vermeiden.

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